Digitale IdentitätDas Ende des freiwilligen Internets

Diensten wie Street View zu widersprechen, ändert nichts. Wenn wir es nicht tun, bestimmen andere über unser Image im Netz. Wir müssen uns zeigen, kommentiert M. Seemann. von Michael Seemann

In Wolverhampton in Großbritannien filmte ein Google-Auto zwei Teenager beim Küssen. Inzwischen ist das Bild gelöscht, obwohl sie selbst das gar nicht verlangt hatten

In Wolverhampton in Großbritannien filmte ein Google-Auto zwei Teenager beim Küssen. Inzwischen ist das Bild gelöscht, obwohl sie selbst das gar nicht verlangt hatten  |  © Google

Der letzte Kongress des Chaos Computer Clubs hatte den Titel Here be Dragons. Das spielte auf frühe Seekarten an, bei denen unerforschtes Terrain mit Drachenbildern illustriert war, als Warnung: gefährlich! Der Kongresstitel nun sollte das Selbstverständnis der Hacker befeuern: Wir gehen weiter, als es die Bedienungsanleitung erlaubt und auch dahin, wo die Drachen wohnen. Wir lassen uns von Grenzen nicht abschrecken.

Auf Landkarten gibt es heute keine weißen Flecken mehr. Doch dank des Internets ist inzwischen die Gesellschaft als Ganzes dabei, Grenzen zu überschreiten. Was zu einer interessanten Umkehrung führt. Die heutigen Kartografen – zurzeit vor allem in Form von Google und seinen Diensten Street View und Earth – verdanken ihre weißen Flecken nicht mehr eventuellen Drachen, vor denen sie sich fürchten und deswegen eine Region nicht betreten. Sie verdanken sie den Menschen, die in diesen Regionen wohnen, und die sich wiederum vor den Kartographen ängstigen. Menschen, nicht Ungeheuer, sind somit die letzte Hürde der Kartografie.

Anzeige

Jetzt könnten hier der Adresshändler Schober, der Straßenansichtsdienst Sidewalk, der Bollmann Verlag, die Telekom und die schleswig-holsteinische Landesregierung aufgezählt werden. Immerhin tun sie alle seit Jahren völlig unbehelligt, was Google tut.

Doch darum geht es nicht. Ja, die Aufregung um Google Street View ist irrational und uninformiert. Aber sie ist nicht unberechtigt. Denn "Menschen" sind die aktuelle Zoomstufe des Alles-Atlasses namens Internet.

Luis Borges hat in seiner Geschichte Von der Strenge der Wissenschaft eine Landkarte beschrieben, die den Maßstab eins zu eins aufweist und so das gesamte Reich und jeden Menschen darin abbildet. Street View scheint für viele das Symbol einer solchen, bald möglichen Karte. Ob Google das explizit will oder nicht, spielt keine Rolle, denn die Richtung ist eindeutig.

Und mit diesem Gedanken liegen die, die eine solche Zukunft befürchten, gar nicht so falsch.

Allerdings sind wir nicht erst heute, sondern schon vor einiger Zeit an diese wichtige Grenze der Abbildung eines jeden von uns gestoßen. Bis dato war es so, dass man sich, um Teil des Internets zu sein, aktiv darum bemühen musste. Das Internet war Opt-In, nur wer wollte, war drin und es gab keinerlei Verpflichtung teilzunehmen.

Das hat sich geändert, das Internet ist nicht mehr freiwillig und das Street View Auto vor der eigenen Haustür ist dafür ein sicherer Hinweis.

Seit Tim O'Reilly im Jahr 2005 das Web 2.0 ausgerufen hat, in dem Menschen mit Menschen kommunizieren, sind viele dem Ruf gefolgt und reden nun im Netz miteinander. Und dabei auch immer über andere.

Der Bundesgerichtshof hat in einer Entscheidung im vergangenen Jahr klar gestellt, dass Lehrer, ob sie wollen oder nicht, im Internet von ihren Schülern bewertet werden dürfen. Gleiches gilt für Dienstleister aller Art. Und letztlich gilt es für jeden. Man darf über Menschen öffentlich reden, also darf man es auch im Internet. Man darf sie nicht beleidigen und keine falschen Tatsachen über sie verbreiten, aber reden darf man über sie.

Je mehr Menschen sich an der Kommunikation im Netz beteiligen, desto engmaschiger wird die Informationsabdeckung, desto "unverpixelter" wird diese eins-zu-eins-Weltkarte, die längst aus viel mehr besteht als aus Hausfassaden.

Leserkommentare
    • Schumac
    • 30. August 2010 15:46 Uhr

    guter Vorschlag, Herr Seemann, das eigene Bild im Internet zu gestalten und die Verbreitung und Gestaltung der eigenen Daten selber in die Hand nehmen.

    Wirlich schade nur, dass Sie angesichts der Datensammelwut von Unternehmen und Regierung keinerlei konkrete Vorschläge unterbreiten wie der durchscvhnittliche Internetnutzer das anstellen soll. Statt dessen belassen sie es bei diesem netten, aber lapidaren und total vagen Vorschlag. Das hilft mir auch kein Stück weiter. Bien brave, Monsieur. :-\

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie haben hier ein Profil (http://community.zeit.de/user/schumac) und wenn man bloggt oder sich sonstwie öffentlich und unter einem erkennbaren Namen im Netz bewegt, dann gestaltet man quasi automatisch sein Bild im Internet selbst.
    Das funktioniert schon ganz gut, wenn man es denn will. Nur muss man dann eben mehr statt weniger in's Netz stellen.

    liegt die Lösung. Wenn ALLE und ALLES im Netz auffindbar und identifizierbar sind, gibts auch keine krummen Dinger mehr. Wäre doch super!!! Jede würde sich verhalten wie es sich "geziemt".

    • ckappes
    • 30. August 2010 15:55 Uhr

    "Die Zeit des Opt-In-Internets ist vorbei" - ob etwas IST oder nicht IST, darüber kann man lange streiten. Auf jeden Fall ist das, was IST, nicht immer das SOLL. Auf der Ebene des SOLL wird diskutiert und da hilft der Hinweis auf das, was unvermeidbar IST, nicht so richtig, finde ich.

    Ausserdem schliesst "Freiheit" für mich ein, etwas NICHT zu tun. Deswegen habe ich Verständnis für alle, die eben NICHT im Internet (irgendwie) "sein" wollen und verteidige das auch.

  1. Die Gesetze entsprechend ändern und Internetanbieter bei unerwünschten Inhalten konsequent haftbar machen: Mal sehen, wie lange das Geschäft noch lohnt...

  2. hmm netter berricht.. wirkt teilweise paranoid.. aber es ist wahr, mit der heutigen freizeittechnik (jamba spionage tool und ähnliches) kann man jeden aufspüren..die Stasi hätte sich die finger danach geleckt.

    es könnte durchaus in später zukunft passieren, dass irgendwann polizei vor der tür steht, weil auf einem internetbild ein unerlaubtes symbol ,bzw gegenstand auftaucht.
    und das macht das ganze ziemlich unheimlich.
    ich wundere mich sowieso,weshalb leute im internet telefonnummer und wohnaddresse freigeben. solange diese daten nicht ausgeschrieben sind, ist ein bestimmter grad anonymität möglich, auch wenn die telefonnummer schon vorhanden seien sollte.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    diese Jamba-Spionage-Tools sind nur Simulationen. Steht auch immer ganz ganz klein am Bildrand ;)

  3. Sie haben hier ein Profil (http://community.zeit.de/user/schumac) und wenn man bloggt oder sich sonstwie öffentlich und unter einem erkennbaren Namen im Netz bewegt, dann gestaltet man quasi automatisch sein Bild im Internet selbst.
    Das funktioniert schon ganz gut, wenn man es denn will. Nur muss man dann eben mehr statt weniger in's Netz stellen.

    Antwort auf "und wie?"
    • dth
    • 30. August 2010 16:12 Uhr

    Was gebraucht wird, ist vor allem ein Bewusstsein für den Umgang mit privaten Daten, vor allem mit solchen von anderen. Es geht einfach nicht an, dass man Fotos von Parties oder Urlauben öffentlich zugänglich ohne Nachfrage ins Netz stellt. Das wird ganz verschärft dann gelten, wenn Bildersuchmaschinen erst einmal vernünftig die Suche nach Gesichtern erlauben.
    Bei den sozialen Netzwerken funktioniert das Opt-Out hingegen noch ganz gut. Sicher wird Facebook meinen Namen mit einigen meiner Bekannten verknüpfen können, wenn diese nach mir gesucht haben. Es dürfte aber kaum ein Bild entstehen, mit dem irgend jemand irgend etwas anfangen kann. Nicht alle meine Bekannten sind dort selbst vertreten, es gibt recht viele Leute mit meinem Namen (gut nach E-Mail-Adressen wird man auch suchen können), und vor allem findet keine Bewertung der Beziehung statt. Gute Freunde werden mich eher nicht suchen, weil sie bereits wissen, dass ich nicht zu finden bin, dafür suchen vielleicht eher flüchtige Bekannte, die etwas über mich erfahren wollen. Das ganze vermischt sich noch mit Leuten, die nach anderen Personen suchen (ich bekomme sogar öfter E-Mails für Leute, die nur gleich heißen).
    Ich sehe nicht, dass Facebook da irgend etwas bedrohliches herausziehen könnte. Es reicht gerade mal um informiert zu raten und eine Werbemail zu schicken "Kennen sie vielleicht X".
    Mit etwas Vorsicht und überlegter Gesetzgebung sollte man privates also auch weiterhin aus dem Internet heraushalten können.

    • mspro
    • 30. August 2010 16:16 Uhr

    @Schumac - Konkrete Anwendungsfälle hätten in dem Artikel zu sehr in einen Web2.0 Workshop abgleiten lassen. Aber die entsprechenden Dienste, sich zu präsentieren sind ja bekannt: Blogs, Social Networks, Twitter etc. Sich dort einfach tummeln bringt eine Menge Verständnis für die Prozesse, die unser Leben immer mehr bestimmen und erhöht die Gestaltungsmöglichkeiten auf das eigene digitale Selbst.

    @ckappes - Hier kommen wir in den Bereich der Politik, also des gesellschaftlich wünschenswerten. Darüber kann man streiten. Aber meine These des Kontrollverlusts besagt ja gerade, dass uns genau dieser Handlungsspielraum entgleitet. Die Frage, welche Information wo hin gehört, ist eine absolut obsolete Frage geworden, weil uns alle Kontrollmechanismen dafür aus den Händen gleiten. Vielmehr müssen wir nach neuen Gestaltungsspielräumen suchen um gesellschaftlich wünschenswerte Plattformen unter den neuen Bedingungen zu schaffen.

    @Blumentopf II - Ich denke, das ist etwas kurzsichtig. Wenn bald ihr Kumpel, der Bei Facebook ist, Sie besuchen kommt, und sich bei Places mit "Blumentopf II - Homebase" eincheckt, ist ihre Adresse im Netz. Vielleicht haben sie ja aber nur sehr bedachte Datenschutzbewusste Menschen als Freunde. Aber vielleicht bringt ja einer davon einen weiteren Freund mit. Oder Sie machen mal eine Party. Oder oder oder.

    Wie gesagt: Verstecken ist eine Lösung.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich stimme schweren Herzens zu, dass der Kontrollverlust ueber die eigenen Daten unausweichlich ist. Als Dozentin an einer kleinen Universitaet mit guten Kontakten zu den Studierenden, tauche ich mittlerweile auf vielen Photos und sogar youtube clips auf, ohne dazu je meine Einwilligung gegeben zu haben - alles was ich -bis jetzt - erreichen konnte, war zu verlangen, zumindest nicht getaged zu werden bzw. meinen Namen aus der Beschriebung zu nehmen. Aber das ist ja auch nur ein Aufschub, bis es entsprechende Bilderkennungsprogramme gibt und es ist zudem ein Kampf gegen Windmuehlen, weil die Studierenden das ganz unbedarft und ohne schlechtes Gewissen tun.

    Ich hoffe allerdings, dass bis dahin die schiere Fuelle an Daten und unwichtigen Details, die ueber jede einzelne Person im Umlauf sind, dann dazu fuehrt, dass ein paar peinlichere statements oder photos nicht mehr so ins Gewicht fallen.

  4. diese Jamba-Spionage-Tools sind nur Simulationen. Steht auch immer ganz ganz klein am Bildrand ;)

    Antwort auf "internet..."

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service