In Wolverhampton in Großbritannien filmte ein Google-Auto zwei Teenager beim Küssen. Inzwischen ist das Bild gelöscht, obwohl sie selbst das gar nicht verlangt hatten © Google

Der letzte Kongress des Chaos Computer Clubs hatte den Titel Here be Dragons. Das spielte auf frühe Seekarten an, bei denen unerforschtes Terrain mit Drachenbildern illustriert war, als Warnung: gefährlich! Der Kongresstitel nun sollte das Selbstverständnis der Hacker befeuern: Wir gehen weiter, als es die Bedienungsanleitung erlaubt und auch dahin, wo die Drachen wohnen. Wir lassen uns von Grenzen nicht abschrecken.

Auf Landkarten gibt es heute keine weißen Flecken mehr. Doch dank des Internets ist inzwischen die Gesellschaft als Ganzes dabei, Grenzen zu überschreiten. Was zu einer interessanten Umkehrung führt. Die heutigen Kartografen – zurzeit vor allem in Form von Google und seinen Diensten Street View und Earth – verdanken ihre weißen Flecken nicht mehr eventuellen Drachen, vor denen sie sich fürchten und deswegen eine Region nicht betreten. Sie verdanken sie den Menschen, die in diesen Regionen wohnen, und die sich wiederum vor den Kartographen ängstigen. Menschen, nicht Ungeheuer, sind somit die letzte Hürde der Kartografie.

Jetzt könnten hier der Adresshändler Schober, der Straßenansichtsdienst Sidewalk, der Bollmann Verlag, die Telekom und die schleswig-holsteinische Landesregierung aufgezählt werden. Immerhin tun sie alle seit Jahren völlig unbehelligt, was Google tut.

Doch darum geht es nicht. Ja, die Aufregung um Google Street View ist irrational und uninformiert. Aber sie ist nicht unberechtigt. Denn "Menschen" sind die aktuelle Zoomstufe des Alles-Atlasses namens Internet.

Luis Borges hat in seiner Geschichte Von der Strenge der Wissenschaft eine Landkarte beschrieben, die den Maßstab eins zu eins aufweist und so das gesamte Reich und jeden Menschen darin abbildet. Street View scheint für viele das Symbol einer solchen, bald möglichen Karte. Ob Google das explizit will oder nicht, spielt keine Rolle, denn die Richtung ist eindeutig.

Und mit diesem Gedanken liegen die, die eine solche Zukunft befürchten, gar nicht so falsch.

Allerdings sind wir nicht erst heute, sondern schon vor einiger Zeit an diese wichtige Grenze der Abbildung eines jeden von uns gestoßen. Bis dato war es so, dass man sich, um Teil des Internets zu sein, aktiv darum bemühen musste. Das Internet war Opt-In, nur wer wollte, war drin und es gab keinerlei Verpflichtung teilzunehmen.

Das hat sich geändert, das Internet ist nicht mehr freiwillig und das Street View Auto vor der eigenen Haustür ist dafür ein sicherer Hinweis.

Seit Tim O'Reilly im Jahr 2005 das Web 2.0 ausgerufen hat, in dem Menschen mit Menschen kommunizieren, sind viele dem Ruf gefolgt und reden nun im Netz miteinander. Und dabei auch immer über andere.

Der Bundesgerichtshof hat in einer Entscheidung im vergangenen Jahr klar gestellt, dass Lehrer, ob sie wollen oder nicht, im Internet von ihren Schülern bewertet werden dürfen. Gleiches gilt für Dienstleister aller Art. Und letztlich gilt es für jeden. Man darf über Menschen öffentlich reden, also darf man es auch im Internet. Man darf sie nicht beleidigen und keine falschen Tatsachen über sie verbreiten, aber reden darf man über sie.

Je mehr Menschen sich an der Kommunikation im Netz beteiligen, desto engmaschiger wird die Informationsabdeckung, desto "unverpixelter" wird diese eins-zu-eins-Weltkarte, die längst aus viel mehr besteht als aus Hausfassaden.