PrivatsphäreGoogle: Widerstand ist zwecklos

Die Gesichtserkennung Googles wird nicht gestartet, sagt Google-Chef Schmidt auf der Ifa. Dennoch arbeitet der Konzern weiter daran, das Konzept Privatsphäre zu begraben. von 

Googlechef Eric Schmidt bei seiner Keynote auf der IFA 2010

Google-Chef Eric Schmidt bei seiner Keynote auf der IFA 2010  |  © Robert Schlesinger/dpa

Es war eine bunte und leuchtende Zukunft, die Google-Chef Eric Schmidt am Dienstag vor seinen Zuhörern auf der Internationalen Funkausstellung ausbreitete . Eine Zukunft, in der Computer und Telefone aufs Wort hören, in der sie uns Fragen beantworten, von denen wir noch nicht einmal wissen, dass wir sie werden stellen wollen und in der sie uns in jeder Lebenslage helfen, geleiten und umsorgen.

"In der Zukunft werden wir nichts mehr vergessen, weil Computer sich für uns erinnern. Wir werden nicht mehr verloren gehen, weil unser Smartphone weiß, wo wir sind. Unser Auto sollte eigentlich selbst fahren können, denn immerhin weiß es, wo es ist und wo es hin muss", sagte Schmidt. Diese Explosion an Daten sei fantastisch. "Wir werden nie mehr allein sein, weil unsere Freunde immer da sind."

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In seinen Augen ist das eine glorreiche Zukunft, hat sie doch viel mit den Angeboten seines Unternehmens zu tun. Es ist eine Zukunft, die er voller Stolz präsentiert. So trat Schmidt, einer der mächtigsten Menschen der Welt, freundlich lächelnd in den Halbschatten außerhalb der Scheinwerferkegel und sah einem seiner Nerds dabei zu, wie der begeistert neue Produkte präsentierte.

Ein Übersetzungsprogramm beispielsweise , das jedes gesprochene Wort in das nicht mehr zu überblickende Rechennetzwerk der "Cloud" jagt, um es Sekunden später in einer anderen Sprache zurückwerfen zu können. Schon bald soll dieses allwissende Netzwerk jahrzehntelange vergebliche Bemühungen um Sprachsteuerung beenden.

Möglich werde das durch die Macht der mobilen Kommunikation, sagte Schmidt. Die Telefone in unseren Taschen seien inzwischen mächtig genug, sich mit dem Supercomputer Internet zu verbinden und uns sofort jede verfügbare Information zu besorgen.

Für den einen oder anderen seiner Kunden könnte diese Zukunft durchaus auch eine gruselige sein . Immerhin kann der Gedanke verstören, dass da ständig jemand ist, der einen kennt und der weiß, was man will oder denkt .

Schmidt kennt diese Bedenken selbstverständlich. "Das Internet führt zu einem großen Bruch und dieser verändert unglaublich viele Dinge auf verschiedenste Weise." Das sei spannend, zugleich aber auch beängstigend, denn es gehe dabei immer um Informationen und zwar um Informationen über uns, die wir dementsprechend ernst nähmen. Gleichzeitig bat er um mehr solcher Informationen, "um alle letztlich", könnten doch nur so die richtigen Antworten auf ungestellte Fragen geliefert werden. Mit unserem Einverständnis, versteht sich.

Natürlich habe er auch die Debatte zu Street View in Deutschland verfolgt, sagte der Google-Chef. Und lobte sie, weil sie letztlich die Entwicklung vorantreibe und seine Produkte besser mache.

Wer ihn hört, bekommt den Eindruck, dass er solche Bedenken ernst nimmt. Das sagt beispielsweise auch Jimmy Schulz, Bundestagsabgeordneter der FDP. Er ist Mitglied in der Internet-Enquete-Kommission und einer der ungefähr zwanzig deutschen Parlamentarier, mit denen Schmidt sich bereits am Montagabend getroffen hatte. Schmidt habe dabei mehrmals gesagt, dass er die Privatsphäre schätze und die Sorgen darum verstehe, sagte Schulz. Und es sei ein wichtiges Signal, dass der Google-Chef sich Zeit genommen habe, mit den Abgeordneten darüber zu reden. "Ich habe ihm abgenommen, dass er zuhören und verstehen wollte."

Leserkommentare
  1. So müsste die Aussage dieses Antimessias der neuen technologisierten Welt eigentlich lauten, wenn er ehrlich sein wollte. Das würde seinem Konzern sicher aber nicht gut tun, so kann er nur hoffen, dass seine Softwaretools, dass erreichen was sie sollen: Das wir aufhören selbstständig zu denken und aufhören uns eigene Bilder dieser unserer Welt zu machen. " Auf sodass ihr einmal unmündig genug seid, jene Angebote nicht mehr kritisch zu hinterfragen, die ich euch infiltriere."
    Viirtualität kann niemals Einsamkeit verhindern, soviele Widersprüche in der Philosophie dieses Managers lassen vermuten, dass er es auch nicht so ernst meint die Bedenken in Deutschland wirklich ernst zu nehmen.

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    @Kaiser88: Dem kann ich nur zustimmmen...zwar wird alles schneller, unmittelbarer und direkter, aber es ist alles nur Schein... Wir kennen uns selbst nicht mehr, aber Google weiß ja wer wir sind. Wir sehen unsere Freunde nicht mehr in "echt", sondern durch ein Chatfenster. Eine Entfremdung vom Leben und uns selbst.
    Wo ist unser James Bond, der diesen realgewordenen Elliot Carver aufhält?

    • benris
    • 07. September 2010 18:11 Uhr

    den meine Oma hätte verfassen können.
    Denn soviel Verständnis von diesem "nicht mehr zu überblickenden Rechennetzwerk" das der Autor dieses Artikels besitzt, traue ich meiner Oma auch zu.

    Bsp.:
    "...,das jedes gesprochene Wort in das nicht mehr zu überblickende Rechennetzwerk der "Cloud" jagt,..."

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Sehr geehrter Benris,

    Ihre Oma ist eine Frau, die mich bestimmt beeindrucken würde. Ich kann Ihnen nämlich nicht sagen, auf welchen Rechnern was gespeichert und wie verarbeitet wird, wenn Sie beispielsweise Dienste wie "Google Docs" nutzen.

    Geschieht das in Deutschland, in den Niederlanden, in den USA? In wie vielen Rechenzentren landet der Kram überhaupt? Wer hat noch Zugriff auf die Daten? Unter welchen Bedingungen? Wie sind die Daten vor Zugriff geschützt?

    Die "Cloud" ist zwar beeindruckend in ihrer Rechenkapazität und in ihrer Effizienz, leider aber ist sie völlig intransparent. Das sollte dieser Satz ausdrücken.

    Wenn Sie (oder Ihre Oma) mehr Verständnis darüber haben, bin ich ehrlich dankbar für Informationen.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

  2. "Es war eine bunte und leuchtende Zukunft, die Google-Chef Eric Schmidt am Dienstag vor seinen Zuhörern auf der Internationalen Funkausstellung ausbreitete. Eine Zukunft, in der Computer und Telefone aufs Wort hören, in der sie uns Fragen beantworten, von denen wir noch nicht einmal wissen, dass wir sie werden stellen wollen und in der sie uns in jeder Lebenslage helfen, geleiten und umsorgen."

    Diese Vision hatte schon mal jemand und machte ein düsteres Lied daraus. Gemeint ist "Die Augen von meiner Maschine" auf Georg Kreislers 1963 erschienener Platte "Lieder zum Fürchten". Da dieses Lied, das m.E. sehr zu der Thematik passt, leider noch nicht auf youtube zu finden ist, bleibts hier beim Text:
    www.gkif.de/texte/liedtexte/150.doc .

    • cvhzeit
    • 07. September 2010 22:55 Uhr

    sehr zu empfehlen :Andreas Eschbach - Black*Out

    http://www.andreaseschbach.de/files/black_out.html

    • Döderi
    • 08. September 2010 0:51 Uhr

    ..dann geh ich quasi zum Kühlschrank, lass mir eine Einkaufsliste drucken, geh zur Tür, die sich selber öffnet, steig ins Auto, dass selber fährt, in den Supermarkt, der schon alles für mich bereit stellt, bezahle, gehe zurück zum Wagen etc...

    Wenn ich quasi NICHTS mehr machen muss, was will ich dann überhaupt noch? Ist das noch echtes Leben?

  3. Ich denke, daß jeder der etwas Grips übrig hat keinem amerikanischen Geschäftsmann auch nur einen Funken Glauben schenken sollte. Cross-Border-Leasing, Opel. Ich bleib lieber deutsch-bieder, bzw. vernünftig, vorausschauend, abwägend manchmal etwas zu kritisch.

    • 42317
    • 08. September 2010 9:46 Uhr

    Das mit der Übersetzungssoftware, die in naher Zukunft treffsichere Kommunikation ermöglicht, kann ich nicht so recht glauben. Die menschliche Sprache ist so unglaublich Komplex und kreativ, und vor allem angereichert mit lokalen kulturellen Besonderheiten, dass ein Computer, der nicht in der Lage ist, flexibel, kreativ und interpretatoriusch zu denken (er denkt rein analytisch aufgrund einer unflexiblen Datenlage), vor einem unlösbaren Problem stehen wird.
    Das Problem fängt sogar schon bei der akustischen Spracherkennung an, die Analyse semantischer Inhalte ist erst der zweite Schritt. Das menschliche Sprachsignal enthält viele Informationen, die für das Verstehen von Sprache nicht notwendig sind, und wie soll ein Computer all das beachten, so lange wir diese Gegebenheiten selbst noch nicht verstanden haben?

    Goggles andererseits wäre Irrsinn. Wenn man beachtet, dass Links- und Rechtsextreme bei ihren Begegnungen gern Fotos voneinander (und von den sie trennenden Polizisten) machen, würde ein solches Informationsangebot - wo wohnt der, hat er Familie, vielleicht Kinder, wo gehen die zur Schule? - dem politischen Verbrechen eine erschreckende neue Dimension eröffnen. Zum Glück ist das Projekt scheinbar auf Eis gelegt.

  4. Redaktion

    Sehr geehrter Benris,

    Ihre Oma ist eine Frau, die mich bestimmt beeindrucken würde. Ich kann Ihnen nämlich nicht sagen, auf welchen Rechnern was gespeichert und wie verarbeitet wird, wenn Sie beispielsweise Dienste wie "Google Docs" nutzen.

    Geschieht das in Deutschland, in den Niederlanden, in den USA? In wie vielen Rechenzentren landet der Kram überhaupt? Wer hat noch Zugriff auf die Daten? Unter welchen Bedingungen? Wie sind die Daten vor Zugriff geschützt?

    Die "Cloud" ist zwar beeindruckend in ihrer Rechenkapazität und in ihrer Effizienz, leider aber ist sie völlig intransparent. Das sollte dieser Satz ausdrücken.

    Wenn Sie (oder Ihre Oma) mehr Verständnis darüber haben, bin ich ehrlich dankbar für Informationen.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

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    • ChaDo
    • 09. November 2010 14:30 Uhr

    Sie haben recht...
    Wolken haben aber per se etwas Intransparenz an sich...
    Der Name hat also ungewollt Methode.

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