Privatsphäre Google: Widerstand ist zwecklos

Die Gesichtserkennung Googles wird nicht gestartet, sagt Google-Chef Schmidt auf der Ifa. Dennoch arbeitet der Konzern weiter daran, das Konzept Privatsphäre zu begraben.

Google-Chef Eric Schmidt bei seiner Keynote auf der IFA 2010

Google-Chef Eric Schmidt bei seiner Keynote auf der IFA 2010

Es war eine bunte und leuchtende Zukunft, die Google-Chef Eric Schmidt am Dienstag vor seinen Zuhörern auf der Internationalen Funkausstellung ausbreitete . Eine Zukunft, in der Computer und Telefone aufs Wort hören, in der sie uns Fragen beantworten, von denen wir noch nicht einmal wissen, dass wir sie werden stellen wollen und in der sie uns in jeder Lebenslage helfen, geleiten und umsorgen.

"In der Zukunft werden wir nichts mehr vergessen, weil Computer sich für uns erinnern. Wir werden nicht mehr verloren gehen, weil unser Smartphone weiß, wo wir sind. Unser Auto sollte eigentlich selbst fahren können, denn immerhin weiß es, wo es ist und wo es hin muss", sagte Schmidt. Diese Explosion an Daten sei fantastisch. "Wir werden nie mehr allein sein, weil unsere Freunde immer da sind."

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In seinen Augen ist das eine glorreiche Zukunft, hat sie doch viel mit den Angeboten seines Unternehmens zu tun. Es ist eine Zukunft, die er voller Stolz präsentiert. So trat Schmidt, einer der mächtigsten Menschen der Welt, freundlich lächelnd in den Halbschatten außerhalb der Scheinwerferkegel und sah einem seiner Nerds dabei zu, wie der begeistert neue Produkte präsentierte.

Ein Übersetzungsprogramm beispielsweise , das jedes gesprochene Wort in das nicht mehr zu überblickende Rechennetzwerk der "Cloud" jagt, um es Sekunden später in einer anderen Sprache zurückwerfen zu können. Schon bald soll dieses allwissende Netzwerk jahrzehntelange vergebliche Bemühungen um Sprachsteuerung beenden.

Möglich werde das durch die Macht der mobilen Kommunikation, sagte Schmidt. Die Telefone in unseren Taschen seien inzwischen mächtig genug, sich mit dem Supercomputer Internet zu verbinden und uns sofort jede verfügbare Information zu besorgen.

Für den einen oder anderen seiner Kunden könnte diese Zukunft durchaus auch eine gruselige sein . Immerhin kann der Gedanke verstören, dass da ständig jemand ist, der einen kennt und der weiß, was man will oder denkt .

Schmidt kennt diese Bedenken selbstverständlich. "Das Internet führt zu einem großen Bruch und dieser verändert unglaublich viele Dinge auf verschiedenste Weise." Das sei spannend, zugleich aber auch beängstigend, denn es gehe dabei immer um Informationen und zwar um Informationen über uns, die wir dementsprechend ernst nähmen. Gleichzeitig bat er um mehr solcher Informationen, "um alle letztlich", könnten doch nur so die richtigen Antworten auf ungestellte Fragen geliefert werden. Mit unserem Einverständnis, versteht sich.

Natürlich habe er auch die Debatte zu Street View in Deutschland verfolgt, sagte der Google-Chef. Und lobte sie, weil sie letztlich die Entwicklung vorantreibe und seine Produkte besser mache.

Wer ihn hört, bekommt den Eindruck, dass er solche Bedenken ernst nimmt. Das sagt beispielsweise auch Jimmy Schulz, Bundestagsabgeordneter der FDP. Er ist Mitglied in der Internet-Enquete-Kommission und einer der ungefähr zwanzig deutschen Parlamentarier, mit denen Schmidt sich bereits am Montagabend getroffen hatte. Schmidt habe dabei mehrmals gesagt, dass er die Privatsphäre schätze und die Sorgen darum verstehe, sagte Schulz. Und es sei ein wichtiges Signal, dass der Google-Chef sich Zeit genommen habe, mit den Abgeordneten darüber zu reden. "Ich habe ihm abgenommen, dass er zuhören und verstehen wollte."

Eric Schmidt hatte sogar so etwas wie eine Beruhigungspille dabei. Immerhin verkündete er bei seinem Deutschlandbesuch, dass eines der am meisten gefürchteten Instrumente seines Konzerns nicht freigesetzt werde: Goggles . Die Software für Android-Handys nutzt von der Kamera gemachte Bilder und vergleicht sie mit Datenbanken im Netz wie der Google-Bildersuche. So kann Goggles den fotografierten Gegenstand identifizieren, sei es eine Kirche, ein altes Gemälde, oder eben ein Mensch. Wer Goggles nutzt, erhält nach kurzer Zeit Informationen über das, was er vor sich sieht, aber bis dahin nicht kannte.

Schon seit einer Weile ist bekannt, dass Goggles in der Datenwolke auch Gesichter wieder finden und so Menschen identifizieren kann. Ein Foto würde genügen, um einem Fremden das Geheimnis seiner Identität zu entlocken und für denjenigen einen Kontrollverlust bedeuten .

Nun erklärte Schmidt erst den Parlamentariern und dann dem Publikum bei der Ifa, man werde die Gesichtserkennung nicht einführen. Nicht in Deutschland und nicht im Rest der Welt. Immerhin sei es illegal, wenn der Betroffene nicht zugestimmt habe und zu schwer sei der Eingriff in die Privatsphäre. Außerdem sei das Werkzeug creepy , gruselig also.

Die Parlamentarier hat es überzeugt, dass Schmidt und dass Google es ernst meinen mit dem Versuch , ihren Kunden ihre Privatsphäre zu lassen. Doch so stimmt das nicht. Denn das Netz verändert unsere Wahrnehmung privater Daten und Google ist dabei einer der stärksten Motoren. Die Menschen wollten das so, ist Schmidts Credo. Und Google wolle alles tun, um seine Kunden zufrieden zu stellen, sagte er. Dabei ist für Google jeder, der die angebotenen Dienste nutzt, jemand der kein Interesse hat an seiner eigenen Privatsphäre. Sonst würde er es ja nicht tun.

Und Schmidt ist offensichtlich überzeugt davon , dass sich die Entwicklung sowieso nicht aufhalten lassen wird. Der Bruch, den das Internet verursache, werde noch weiter aufreißen, sagte Schmidt. Um im gleichen Satz zu erwähnen, dass dies doch ein "goldenes Zeitalter" sei, in dem Computer jeden Bereich menschliches Leben voranbringen werden. Auch wenn das möglicherweise bedeutet, dass man sich einen neuen Namen zulegen muss , wenn man nicht mehr mit seiner Vergangenheit konfrontiert werden will.

Eine Entwicklung, die nach Meinung von Kritikern unser bisheriges Konzept von Privatsphäre völlig verändern wird .

Schmidts Euphorie, wenn er über das Internet spricht, erinnert an ein fiktives Volk aus der Science-Fiction-Serie Star Trek , genannt "die Borg" . Deren technologisierte Gesellschaft lebte in einer Art Netzwerkgeist, einem Kollektiv, in dem jeder über jeden anderen informiert ist. Ihr Lebensinhalt war die permanente Anpassung, das Ziel die Perfektion. Die Borg existierten in der Überzeugung, jeder anderen Gesellschaft überlegen zu sein, jeden Einfluss in sich aufnehmen und einschmelzen zu können. Die Standardnachricht der Borg an andere Völker lautete: "Wir sind die Borg. Sie werden assimiliert werden. Deaktivieren Sie Ihre Schutzschilde und ergeben Sie sich. Widerstand ist zwecklos!"

So etwas würde Schmidt nie sagen. Er sagt: "Wir werden wissen und Euch dabei helfen, auf welchen Aspekt Ihr Eure Aufmerksamkeit richten müsst. Was denke ich, was tue ich – wir können Euch helfen, das herauszufinden, wir können helfen, herauszufinden, was für Euch derzeit am wichtigsten ist." Das sei doch interessant. "Ihr werdet nie mehr einsam sein. Ihr werdet Euch nie wieder langweilen."

"Was ich am meisten an dieser Vision mag", sagte Schmidt, "ist, dass es eine Zukunft für Jedermann ist, keine nur für Eliten."

Update: Google hat sich telefonisch über den Vorwurf beschwert, die vorgestellten Entwicklungen zielten darauf, das Konzept der Privatsphäre zu zerstören. Der Text enthält daher nun einige zusätzliche Links und Präzisierungen.

 
Leser-Kommentare
  1. So müsste die Aussage dieses Antimessias der neuen technologisierten Welt eigentlich lauten, wenn er ehrlich sein wollte. Das würde seinem Konzern sicher aber nicht gut tun, so kann er nur hoffen, dass seine Softwaretools, dass erreichen was sie sollen: Das wir aufhören selbstständig zu denken und aufhören uns eigene Bilder dieser unserer Welt zu machen. " Auf sodass ihr einmal unmündig genug seid, jene Angebote nicht mehr kritisch zu hinterfragen, die ich euch infiltriere."
    Viirtualität kann niemals Einsamkeit verhindern, soviele Widersprüche in der Philosophie dieses Managers lassen vermuten, dass er es auch nicht so ernst meint die Bedenken in Deutschland wirklich ernst zu nehmen.

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    @Kaiser88: Dem kann ich nur zustimmmen...zwar wird alles schneller, unmittelbarer und direkter, aber es ist alles nur Schein... Wir kennen uns selbst nicht mehr, aber Google weiß ja wer wir sind. Wir sehen unsere Freunde nicht mehr in "echt", sondern durch ein Chatfenster. Eine Entfremdung vom Leben und uns selbst.
    Wo ist unser James Bond, der diesen realgewordenen Elliot Carver aufhält?

    @Kaiser88: Dem kann ich nur zustimmmen...zwar wird alles schneller, unmittelbarer und direkter, aber es ist alles nur Schein... Wir kennen uns selbst nicht mehr, aber Google weiß ja wer wir sind. Wir sehen unsere Freunde nicht mehr in "echt", sondern durch ein Chatfenster. Eine Entfremdung vom Leben und uns selbst.
    Wo ist unser James Bond, der diesen realgewordenen Elliot Carver aufhält?

    • benris
    • 07.09.2010 um 18:11 Uhr

    den meine Oma hätte verfassen können.
    Denn soviel Verständnis von diesem "nicht mehr zu überblickenden Rechennetzwerk" das der Autor dieses Artikels besitzt, traue ich meiner Oma auch zu.

    Bsp.:
    "...,das jedes gesprochene Wort in das nicht mehr zu überblickende Rechennetzwerk der "Cloud" jagt,..."

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    Redaktion

    Sehr geehrter Benris,

    Ihre Oma ist eine Frau, die mich bestimmt beeindrucken würde. Ich kann Ihnen nämlich nicht sagen, auf welchen Rechnern was gespeichert und wie verarbeitet wird, wenn Sie beispielsweise Dienste wie "Google Docs" nutzen.

    Geschieht das in Deutschland, in den Niederlanden, in den USA? In wie vielen Rechenzentren landet der Kram überhaupt? Wer hat noch Zugriff auf die Daten? Unter welchen Bedingungen? Wie sind die Daten vor Zugriff geschützt?

    Die "Cloud" ist zwar beeindruckend in ihrer Rechenkapazität und in ihrer Effizienz, leider aber ist sie völlig intransparent. Das sollte dieser Satz ausdrücken.

    Wenn Sie (oder Ihre Oma) mehr Verständnis darüber haben, bin ich ehrlich dankbar für Informationen.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

    Redaktion

    Sehr geehrter Benris,

    Ihre Oma ist eine Frau, die mich bestimmt beeindrucken würde. Ich kann Ihnen nämlich nicht sagen, auf welchen Rechnern was gespeichert und wie verarbeitet wird, wenn Sie beispielsweise Dienste wie "Google Docs" nutzen.

    Geschieht das in Deutschland, in den Niederlanden, in den USA? In wie vielen Rechenzentren landet der Kram überhaupt? Wer hat noch Zugriff auf die Daten? Unter welchen Bedingungen? Wie sind die Daten vor Zugriff geschützt?

    Die "Cloud" ist zwar beeindruckend in ihrer Rechenkapazität und in ihrer Effizienz, leider aber ist sie völlig intransparent. Das sollte dieser Satz ausdrücken.

    Wenn Sie (oder Ihre Oma) mehr Verständnis darüber haben, bin ich ehrlich dankbar für Informationen.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

  2. "Es war eine bunte und leuchtende Zukunft, die Google-Chef Eric Schmidt am Dienstag vor seinen Zuhörern auf der Internationalen Funkausstellung ausbreitete. Eine Zukunft, in der Computer und Telefone aufs Wort hören, in der sie uns Fragen beantworten, von denen wir noch nicht einmal wissen, dass wir sie werden stellen wollen und in der sie uns in jeder Lebenslage helfen, geleiten und umsorgen."

    Diese Vision hatte schon mal jemand und machte ein düsteres Lied daraus. Gemeint ist "Die Augen von meiner Maschine" auf Georg Kreislers 1963 erschienener Platte "Lieder zum Fürchten". Da dieses Lied, das m.E. sehr zu der Thematik passt, leider noch nicht auf youtube zu finden ist, bleibts hier beim Text:
    www.gkif.de/texte/liedtex... .

  3. sehr zu empfehlen :Andreas Eschbach - Black*Out

    http://www.andreaseschbac...

  4. ..dann geh ich quasi zum Kühlschrank, lass mir eine Einkaufsliste drucken, geh zur Tür, die sich selber öffnet, steig ins Auto, dass selber fährt, in den Supermarkt, der schon alles für mich bereit stellt, bezahle, gehe zurück zum Wagen etc...

    Wenn ich quasi NICHTS mehr machen muss, was will ich dann überhaupt noch? Ist das noch echtes Leben?

  5. Ich denke, daß jeder der etwas Grips übrig hat keinem amerikanischen Geschäftsmann auch nur einen Funken Glauben schenken sollte. Cross-Border-Leasing, Opel. Ich bleib lieber deutsch-bieder, bzw. vernünftig, vorausschauend, abwägend manchmal etwas zu kritisch.

    • 42317
    • 08.09.2010 um 9:46 Uhr

    Das mit der Übersetzungssoftware, die in naher Zukunft treffsichere Kommunikation ermöglicht, kann ich nicht so recht glauben. Die menschliche Sprache ist so unglaublich Komplex und kreativ, und vor allem angereichert mit lokalen kulturellen Besonderheiten, dass ein Computer, der nicht in der Lage ist, flexibel, kreativ und interpretatoriusch zu denken (er denkt rein analytisch aufgrund einer unflexiblen Datenlage), vor einem unlösbaren Problem stehen wird.
    Das Problem fängt sogar schon bei der akustischen Spracherkennung an, die Analyse semantischer Inhalte ist erst der zweite Schritt. Das menschliche Sprachsignal enthält viele Informationen, die für das Verstehen von Sprache nicht notwendig sind, und wie soll ein Computer all das beachten, so lange wir diese Gegebenheiten selbst noch nicht verstanden haben?

    Goggles andererseits wäre Irrsinn. Wenn man beachtet, dass Links- und Rechtsextreme bei ihren Begegnungen gern Fotos voneinander (und von den sie trennenden Polizisten) machen, würde ein solches Informationsangebot - wo wohnt der, hat er Familie, vielleicht Kinder, wo gehen die zur Schule? - dem politischen Verbrechen eine erschreckende neue Dimension eröffnen. Zum Glück ist das Projekt scheinbar auf Eis gelegt.

  6. Redaktion

    Sehr geehrter Benris,

    Ihre Oma ist eine Frau, die mich bestimmt beeindrucken würde. Ich kann Ihnen nämlich nicht sagen, auf welchen Rechnern was gespeichert und wie verarbeitet wird, wenn Sie beispielsweise Dienste wie "Google Docs" nutzen.

    Geschieht das in Deutschland, in den Niederlanden, in den USA? In wie vielen Rechenzentren landet der Kram überhaupt? Wer hat noch Zugriff auf die Daten? Unter welchen Bedingungen? Wie sind die Daten vor Zugriff geschützt?

    Die "Cloud" ist zwar beeindruckend in ihrer Rechenkapazität und in ihrer Effizienz, leider aber ist sie völlig intransparent. Das sollte dieser Satz ausdrücken.

    Wenn Sie (oder Ihre Oma) mehr Verständnis darüber haben, bin ich ehrlich dankbar für Informationen.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

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    • ChaDo
    • 09.11.2010 um 14:30 Uhr

    Sie haben recht...
    Wolken haben aber per se etwas Intransparenz an sich...
    Der Name hat also ungewollt Methode.

    • ChaDo
    • 09.11.2010 um 14:30 Uhr

    Sie haben recht...
    Wolken haben aber per se etwas Intransparenz an sich...
    Der Name hat also ungewollt Methode.

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