Google Scribe Schreibhilfe für Diktatoren

Mit "Scribe" will Google das Schreiben beschleunigen. Das Programm schlägt vor, wie Worte und Sätze weitergehen könnten. Die Technik hat Potenzial, findet Tina Klopp.

Als der Philosoph Friedrich Nietzsche sich gezwungen sah, nicht mehr von Hand, sondern auf einer Maschine zu schreiben, hat sich seine Textproduktion verändert. Er selbst war überzeugt: "Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken"

Als der Philosoph Friedrich Nietzsche sich gezwungen sah, nicht mehr von Hand, sondern auf einer Maschine zu schreiben, hat sich seine Textproduktion verändert. Er selbst war überzeugt: "Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken"

"Word" macht das manchmal, und es irritiert: Wenn der Benutzer anfängt, bestimmte Worte zu tippen, poppt im Dokument ein kleines gelbes Fenster auf und das Programm schlägt vor, wie das Wort zu Ende gehen könnte. Meistens handelt es sich um Namen. Aber ob deshalb schon jemals ein Mensch schneller mit einem Text fertig geworden ist – fraglich.

Jetzt also kommt Google Scribe . Und macht die gelbe-Kasten-Idee zum generalisierten Schreibprinzip. Wer in das Fenster der bislang nur in englischer Sprache verfügbaren Betaversion etwas tippt, erhält bei jedem Buchstaben gleich mehrere Vorschläge, wie das Wort oder sogar eine ganze Phrase weitergehen könnten. Die Eingaben beruhen – da Google nicht denken, sondern nur rechnen kann –, auf statistischen Häufigkeiten. Auf welchen genau?

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Google selbst sagt dazu nur , man ziehe "Informationen aus dem, was Sie bislang in einem Dokument geschrieben haben und bietet verwandte Wörter oder Phrasen an. Um Tastenanschläge zu sparen, bietet Google zudem korrekte und populäre Phrasen an." Ob und wie die eigene Auswahl gespeichert wird, um die Ergebnisse noch passgenauer zu machen, wird nicht erwähnt. Gut möglich, dass Google auch etwas mehr über den Menschen hinter der Tastatur weiß, und die Vorschläge nicht nur aus dem Gesamttextmeer des Internets fischt.

Fängt man nun mit I am ... an und lässt das Programm fortfahren, entstehen ziemlich viele Quatschsätze. Immerhin weiß Scribe aber: I want to be ... an editor.

Wie schon bei der Suchwortvorschlagsfunktion Suggest erfährt man so indirekt, was das Netz so denkt. "Homosexualität" zum Beispiel sei wahlweise "ein Gräuel", "angeboren", "Sünde", "Wahl" oder "Krankheit". In dieser Reihenfolge. "Christentum ist" indes ist für Google/das Netz "ein Kult" oder "eine Lüge". Und über Sex erfährt man, dass er "nicht nur nervt", sondern auch "Bandbreite stiehlt". So viel Erkenntnis hätte man dem Netz gar nicht zugetraut: "Netzneutralität ist gerade dabei, ein Auslaufmodell zu werden."

Stellt sich die Frage, wie stark Google durch Filter die Auswahl auf Dinge lenkt, die grammatikalisch korrekt oder inhaltlich erwünscht wären. Ein Beispiel: Im folgenden Satz wäre "sex" die logische Fortsetzung angesichts der Häufigkeit des Begriffes im Netz . Doch beim Satzanfang I want se ... wird anderes vorgeschlagen. Ist Google spießig? Denn Scribe macht I want see , I want serial und I want sell zum Angebot.

Ein kurzes Gedankenexperiment dazu: Man stelle sich vor, ein diktatorischer Staat führte diese Technik für alle seine Untertanen als verbindliches Schreibwerkzeug ein. Man dürfte nur noch unter den Möglichkeiten wählen, die Scribe anbietet, um seine Sätze zu vervollständigen, und die Programmierung von Scribe läge in den Händen des Diktators. So ließe sich im Orwell'schen Sinne eine neue Gesellschaft formen, bei der über Sprache das Denken verändert wird.

Das überschätzt natürlich die Macht der Technik und die Intentionen Googles – dort will man vor allem perfekte Werkzeuge für zufriedene Kunden. Doch immerhin haben sich Menschen schon immer Gedanken darüber gemacht, inwiefern Schreibgeräte auf Form und Inhalt des Geschriebenen zurückwirken . Nietzsche hat über den Einfluss der Schreibmaschine nachgedacht, Burroughs den Cut-up populär gemacht und auch die moderne Textverarbeitung ist sicherlich ebenso wenig spurlos an den Inhalten vorbei gegangen. Jetzt also will Google, dass wir schneller schreiben als wir (selbst) denken können.

Eine mögliche Folge von Scribe könnte sicherlich die weitere Normierung und Vereinheitlichung von Sprache sein. Bange machen dürfte Scribe daher den " Bedrohten Wörtern ", denn Begriffe wie "blümerant" oder "Hupfdohle" werden bei Scribe kaum unter den Top-Ten-Vorschlägen landen. Goethes aktiver Wortschatz soll mehr als 30.000 Worte umfasst haben. Wie groß der Wortschatz von Menschen ist, die zehn Jahre lang Scribe benutzt haben?

Wobei möglicherweise bald ein Start-up eine Software vorstellen wird, die genau das Gegenteil erreicht: den Schreiber also warnt, wenn er schon wieder dazu ansetzt, sich sprachlicher Klischees und Plattitüden zu bedienen. Doch soweit ist es nicht. Noch beklagen Nutzer vor allem, dass das Programm viel zu langsam sei, um die Textproduktion sinnvoll zu vereinfachen.

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn das so weitergeht, habe ich absolut keine Angst vor Google, jedenfalls nicht was die Verdrängung etablierter Prozesse und Kompetenzen durch innovative Software-Produkte angeht. Rohrkrepierer.

    Wenn Kreativität gestreamlined wird, dann steigt logischer Weise der Wert echter Kreativität.

    Gut für mich.

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    "Wenn Kreativität gestreamlined wird, dann steigt logischer Weise der Wert echter Kreativität." (Palamedes)

    Ich hoffe Sie haben recht - bezweifle es aber. Die Musik lehrt es uns seit geraumer Zeit - die meisten Leute bemerken mangelnde Kreativität doch noch nicht einmal... - aber vielleicht täusche ich mich ja ;-)

    "Wenn Kreativität gestreamlined wird, dann steigt logischer Weise der Wert echter Kreativität." (Palamedes)

    Ich hoffe Sie haben recht - bezweifle es aber. Die Musik lehrt es uns seit geraumer Zeit - die meisten Leute bemerken mangelnde Kreativität doch noch nicht einmal... - aber vielleicht täusche ich mich ja ;-)

  2. Wie ich sehe haben sie ein Problem angesprochen - es kommt Unsinn dabei heraus - aber ich sehe noch ein weiteres - sehr viel wichtigeres.

    Jeder Autor hat seinen eigenen Stil - die einen interessiert es, die anderen beachten es nicht.
    Wenn ein Computer anfange einen Text mitzuschreiben werden sie entweder aus vorherigen Dokumenten den Schreibstil des Verfassers erlernen müssen - oder alles klingt sehr gleich.

    In dem Sinne jedoch - die Bücher von heute sind auch nicht mehr das was sie einmal waren - doch es gibt noch gute Bücher.

  3. I WANT SE... nicht so richtig durchgekommen ist mit Scribe. Dagegen ist Papi Google persönlich schon etwas freizügiger. Da wird neben I WANT SE...auch WE WANT SE.. HE DOESN´T WANT SE..und I WANT AN BOYFRIEND, wobei wahrscheinlich SE.. irgendwo später im Text auftaucht. Aber wer hätte nicht gerne einen Mercedes SE..?!

  4. "Wenn Kreativität gestreamlined wird, dann steigt logischer Weise der Wert echter Kreativität." (Palamedes)

    Ich hoffe Sie haben recht - bezweifle es aber. Die Musik lehrt es uns seit geraumer Zeit - die meisten Leute bemerken mangelnde Kreativität doch noch nicht einmal... - aber vielleicht täusche ich mich ja ;-)

    • ewy
    • 08.09.2010 um 17:40 Uhr

    Zitat: "Wobei möglicherweise bald ein Startup eine Software vorstellen wird, die genau das Gegenteil erreicht: den Schreiber also warnt, wenn er schon wieder dazu ansetzt, sich sprachlicher Klischees und Platitüden zu bedienen. Doch soweit ist es nicht."

    Doch - dieses Feature ist schon längst in der Realität angekommen: die Stilanalyse von Papyrus Autor macht das - zumindest in Bezug auf Satzbau und Verständlichkeit. Nach den Reaktionen im Forum zu urteilen, sogar ziemlich gut.
    http://papyrus.de/Autor_S...

    Gruß,

    ewy

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    Redaktion

    Vielen Dank für den Hinweis!

    Aber wenn ich das Programm auf die Schnelle richtig überblicke, weist es einen lediglich auf Mehrfachverwendungen des gleichen Wortes hin, nicht aber, wenn eine bestimmte Formulierung generell abgenutzt erscheint.

    Ich dachte dabei eher an sowas wie "in den eigenen vier Wänden" oder "fahrbarer Untersatz" oder andere Scheußlichkeiten - sicherlich oft verwendet, stilistisch okay, jedoch typische Kandidaten fürs Phrasenschwein.

    Herzliche Grüße!

    Tina Klopp

    Redaktion

    Vielen Dank für den Hinweis!

    Aber wenn ich das Programm auf die Schnelle richtig überblicke, weist es einen lediglich auf Mehrfachverwendungen des gleichen Wortes hin, nicht aber, wenn eine bestimmte Formulierung generell abgenutzt erscheint.

    Ich dachte dabei eher an sowas wie "in den eigenen vier Wänden" oder "fahrbarer Untersatz" oder andere Scheußlichkeiten - sicherlich oft verwendet, stilistisch okay, jedoch typische Kandidaten fürs Phrasenschwein.

    Herzliche Grüße!

    Tina Klopp

  5. "Jetzt also will Google, dass wir schneller schreiben als wir (selbst) denken können."
    Ich für meinen Teil kann wesentlich schneller denken als schreiben. Und ich hoffe doch sehr, dass auch die Autorin dazu in der Lage ist, denn selbst wenn Sie Stenographie beherrscht, wäre Sie ansonsten noch immer eine sehr langsame Denkerin ;-)

  6. Wer vie Monitor und Elektronik zu lesen und zu schreiben pflegt, leidet eh schon an restringiertem Code. Scribe setzte dem Ganzen bloß noch die Krone auf!

  7. Redaktion

    Vielen Dank für den Hinweis!

    Aber wenn ich das Programm auf die Schnelle richtig überblicke, weist es einen lediglich auf Mehrfachverwendungen des gleichen Wortes hin, nicht aber, wenn eine bestimmte Formulierung generell abgenutzt erscheint.

    Ich dachte dabei eher an sowas wie "in den eigenen vier Wänden" oder "fahrbarer Untersatz" oder andere Scheußlichkeiten - sicherlich oft verwendet, stilistisch okay, jedoch typische Kandidaten fürs Phrasenschwein.

    Herzliche Grüße!

    Tina Klopp

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    Eigentlich sind nur Aussagesätze (und zwar möglichst allgemeinplätzige) was fürs Phrasenschwein, keine Redewendungen:
    Ein Fußballspiel dauert neunzig Minuten.
    Der Ball ist rund.
    Im Fußball ist alles möglich.
    Beim Elfer muss der Ball mit der runden Seite nach oben zu liegen kommen.
    Foul ist, wenn der Schiri pfeift.
    etc. pp.

    Eine Phrase muss mindestens ein Prädikat enthalten! Das regt mich auch beim Doppelpass so auf, wenn der gelernte Lehrer Lattek bei griffigen Metaphern wie etwa "auf des Messers Schneide" reflexartig "Phrase" akklamiert.

    "Fahrbarer Untersatz" und "In den eigenen vier Wänden" sind Synekdochen - ersteres ein totum pro parte, letzteres dessen Umkehrung. Beiden fehlt das Prädikat, drum gibt's leider keine drei Euro.

    Eigentlich sind nur Aussagesätze (und zwar möglichst allgemeinplätzige) was fürs Phrasenschwein, keine Redewendungen:
    Ein Fußballspiel dauert neunzig Minuten.
    Der Ball ist rund.
    Im Fußball ist alles möglich.
    Beim Elfer muss der Ball mit der runden Seite nach oben zu liegen kommen.
    Foul ist, wenn der Schiri pfeift.
    etc. pp.

    Eine Phrase muss mindestens ein Prädikat enthalten! Das regt mich auch beim Doppelpass so auf, wenn der gelernte Lehrer Lattek bei griffigen Metaphern wie etwa "auf des Messers Schneide" reflexartig "Phrase" akklamiert.

    "Fahrbarer Untersatz" und "In den eigenen vier Wänden" sind Synekdochen - ersteres ein totum pro parte, letzteres dessen Umkehrung. Beiden fehlt das Prädikat, drum gibt's leider keine drei Euro.

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