Am Straßenrand sitzt ein Bettler, Anfang zwanzig. Auf seiner Pappe steht: "Downloading ruined my life". Die Spielszene stammt aus dem Dokumentarfilm When Copyright goes bad der Verbraucherschutzorganisation Consumers International. Gezeigt wurde sie im Rahmen des Symposions "Verbotene Filme" am 9. und 10. September im Berliner Filmhaus. Die Veranstaltung widmet sich unterschiedlichen Verbotsgründen, von Gewalt und Pornografie bis hin zur Angst vor Volksverhetzung. Und eben auch dem Urheberrecht.

Dabei ging es unter anderem um Spielfilme, die nur im Fernsehen gezeigt werden können, weil sie Musik von den Beatles verwenden. Es ging auch um Mash-ups von Serienmaterial, die Sex and the City so zusammenschnitten, dass die entschieden heterosexuelle Hauptfigur Carrie als "Queer Carrie" erschien. Es ging aber auch um die dahinter liegende Frage, ob das geltende Urheberrecht überhaupt noch angemessen sei.

Zumal sich in der Grauzone zwischen Privatkopie und Tauschbörsen kaum noch einer auskennt. Das sei keine Rechtsmaterie, die für die Bevölkerung gemacht sei, wie etwa die Straßenverkehrsordnung, sondern das sei schon immer ein Recht für Profis gewesen, sagte Till Kreutzer. "Aber diesen Bedeutungswandel hat das Recht bis heute nicht vollzogen", beklagte der Jurist und Redakteur der Initiative iRights.info, die das Symposium mitveranstaltete.

Als Exempel für diese Situation gelang es den Veranstaltern, zwei Kontrahenten an einem Tisch zu versammeln: Den Netzjournalisten Mario Sixtus auf der einen, und Matthias Leonardy, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU), auf der anderen Seite. Die GVU arbeitet der Filmindustrie bei der Fahndung nach gewerblichen Raubkopierern zu.

Ein konkreter Fall verbindet die beiden Kontrahenten. Er liegt nicht lange zurück. Am 9. August 2010 löschte die Video-Plattform Vimeo vier Folgen von Sixtus’ erfolgreichem Videoblog "Der Elektrische Reporter". Sie schmiss auch den Kurzfilm Du bist Terrorist von Alexander Lehmann aus der Datenbank. Per Mail wurden Sixtus und Lehmann von Vimeo darüber verständigt, dass die GVU die Löschung in Auftrag gegeben habe.

Im Mittelpunkt der Debatte in der Berliner HomeBase-Lounge standen dann aber ganz grundsätzliche Fragen: Ob die Verfolgung von Urheberrechten wirklich den Künstlern diene oder nicht vielmehr der Unterhaltungsindustrie. Die Branche würde sich "Kopfgeldjäger" engagieren, sagte Sixtus, um ihren Profit zu sichern. Oder ob es gelte, wie Matthias Leonardy vorschlug, einen "edukativen Ansatz" zu verfolgen: Dem arglosen Verbraucher sollten "digitale Strafzettel" die Illegalität des Herunterladens einleuchtend machen. Woraufhin Sixtus fragte, ob man nicht das Rechtssystem an die Bedürfnisse des Verbrauchers anzupassen hätte: "Wir haben als Kind gelernt, teilen ist gut."

 

So ging die Veranstaltung denn auch zu Ende, mit offenen Fragen und klaren Fronten. Beide hielten einander Naivität vor. Der Rede wert ist sie vor allem wegen dieses einen Satzes: "Teilen ist gut". Der nämlich schlägt unversehens eine Brücke zwischen den beiden herrschenden Internet-Diskursen: dem Schutz der Urheberrechte auf der einen und dem Datenschutz auf der anderen.

Ein Gedankenspiel sei erlaubt: Unabhängig von allen Fronten handeln die Konsumenten immerhin konsequent: Sie teilen ihre illegal kopierten Spielfilme genauso wie ihre legal veröffentlichen Daten. Und das mit Begeisterung. Die Konsumenten nehmen und geben, und beides, ohne dass für sie Geld im Spiel ist. Im einen Fall verlieren Konzerne wie Time Warner viel Geld. Im anderen Fall verdienen Konzerne wie Facebook und Google umso mehr davon.

Der Vorwurf, die Werke von Sixtus und Lehmann würden Urheberrechte verletzen, stellte sich übrigens mittlerweile als unhaltbar heraus. Als Sixtus per Anwalt eine Abmahnung an die GVU schickte, meldete sich die Firma OpSec bei ihm – ein internationaler Dienstleister, der auf einschlägigen Websites nach Links auf Raubkopien sucht, um dann massenhaft Abmahnungen zu verschicken. OpSec führte die Löschung der Filme auf einen technischen Fehler zurück und unterzeichnete eine Unterlassungserklärung. Die GVU wiederum erklärte, sie habe mit der Angelegenheit nichts zu tun, und bald tauchten die Filme wieder auf.