Pro VergessenDas Netz muss das Vergessen lernen

Im Internet wird alles erinnert. Aber es gibt einen Trick: Wir könnten die digitale Technik das Vergessen lehren und uns selbst so zivilisieren. von 

An diesem Dienstag erscheint das Buch "Delete – Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten" von Viktor Mayer-Schönberger. Der Politikwissenschaftler lehrt an der Universität von Singapur und wurde bekannt, weil er einst eines der erfolgreichsten Anti-Viren-Programme entwickelte. Später forschte er in Havard zu Fragen des Internetrechts. In seinem neuen Buch fordert er nun, dem Netz das Vergessen technisch beizubringen. Unsere Autoren Karsten Polke-Majewski und Kai Biermann argumentieren in einem Pro und Contra, weshalb dieses technische Vergessen unabdingbar ist beziehungsweise warum wir längst darüber hinaus sind, ein solches Instrument zu brauchen. 

Das Problem beginnt dort, wo der Mensch zu faul zum Denken wird. Wo er nicht mehr selbst entscheiden mag, was es wert ist, erinnert zu werden und was nicht. Wo er die Gestaltung seiner Gegenwart der Maschine überlässt, statt sich der eigenen Verantwortung für sein Leben zu stellen. 

Das Internet ist vielen zu einem unendlichen Lagerraum für persönlichen Kram geworden. Man wirft alles unbesehen hinein, ohne einen Moment lang darüber nachzudenken, was es eigentlich wert ist. Private Bilder, E-Mails, Videos, Twitter-Meldungen und Blogeinträge schweben nun irgendwo in den digitalen Wolken des Netzes. Und dann wundert man sich, wenn einem etwas davon unerwartet hart auf die Zehen fällt, im schlimmsten Fall im Personal- oder Bewerbungsgespräch.

Das Netz, so viel wissen wir nicht erst seit heute, speichert alles. Die digitalen Speicher haben die Gesellschaft ihrer Fähigkeit zum Vergessen beraubt und ihr stattdessen ein umfassendes Gedächtnis verliehen, schreibt Viktor Mayer-Schönberger. Ein Gedächtnis, das unfrei macht, weil jeder unserer Schritte, jeder Gedanke kontrollierbar wird. 

Es fängt damit an, dass für die digitale Technik Bedeutung keine Kategorie ist. Ihre Speicher- und Suchfunktionen unterscheiden noch kaum zwischen wichtig und verzichtbar. Wenn man sich aber an alles gleichermaßen erinnert, geht der Sinn des Gedächtnisses verloren. Denn eigentlich wird das, woran wir uns erinnern, zum Baustein unserer Identität. Wenn Vergangenheit jedoch wahllos aufbewahrt wird, verliert sie ihren individuellen Wert. Schlimmer noch: Sie lähmt uns, weil wir uns verlieren auf der Suche nach dem, was wirklich wichtig ist.

Wer hat sich noch nie hilflos durch die Fülle seiner E-Mail-Ordner geklickt auf der Suche nach der neuen Telefonnummer der besten Freundin? Auf dem Weg zu dieser einen wichtigen Erinnerung trifft man leicht auf hundert unwichtige, nie gelöschte. Im schlimmsten Fall sind auch noch Relikte eines alten, längst vergangenen Streits dabei, der so wieder ins Bewusstsein gespült wird. Gleiches gilt für Digitalfotos. Im Urlaub brüstete man sich noch, fünfhundert Mal den Auslöser gedrückt zu haben. Zu Hause löscht niemand, was überflüssig ist. Das produziert nicht nur ein unglaubliches Durcheinander. Zwischen den vielen schlechten Bildern geht auch das eine schöne verloren, welches den Zauber jenes Moments erhalten sollte. 

Und es kommt noch schlimmer. Mit jedem Tag nimmt der Grad der Vernetzung zu. Selbst wenn ich ein Bild von mir lösche, kann es längst hundertfach kopiert irgendwo im Internet zu finden sein. Ein anderer baute es in seine Fotoalben ein und kommentierte es – oft nicht so, wie ich es mir wünsche.

Leserkommentare
  1. Es gibt keinen Grund zum Vergessen bei den Speichermöglichkeiten, die wir haben. Wir haben einen Traum umgesetzt, der seit Tausenden von Jahren geträumt wird: das Wissen und die Äusserungen von Menschen festhalten zu können.

    Seit den Zeiten der Höhlenmaler und später der schriftlichen Aufzeichnung zur Weitergabe an die Nachwelt wurde versucht, sichtbar zu machen, was Menschen bewegt. Nun wo wir es können und es eine Demokratisierung dieser Äusserungen gibt, wächst die Idee der Löschung.

    Zur Idee einer Wertung erwidere ich, dass es wissenschftliche Portale und Möglichkeiten der Kategorisierung durch Metadaten gibt, die greifen, sodass niemand befürchten muss, die Äusserungen im Babyforum der Zeitschrift Eltern gleichwertig mit einer Abhandlung über mittelalterliche Sprachforschung vor zu finden.

    Löschung ist nicht nötig, wenn es doch vielmehr darum geht eine Form der Wertung und Erschließung der Daten geht, um diese verstehen, nachvollziehen oder auch übergehen zu könnnen je nach Bedürfnissen der Nachfragenden.

  2. 2. Unsinn

    Weshalb sollte das Netz sich selber löschen? Wir sprengen ja auch nicht regelmäßig sämtliche Buchbestände der Welt!

    Im Gegenteil, dass nichtvergessen zwingt uns endlich, uns wirklich konstant zu entwickeln. Wir müssen endlich lernen, dass alles was wir tun eine Konsequenz für jemanden hat und in die Verantwortung dafür genommen werden.

    Ein Netz, dass sich selber löscht ist im Grunde nur umgekehrte Zensur. Oder digitale Demenz. Braucht das irgendwer wirklich?

    Eigentlich können sich nur Medien daran stören-denn man kann nicht jedes Jahr erneut über den Jahrhundertsommer oder den Wahnsinnswinter schreiben, wenn der Leser in fünf Sekunden im Archiv für jedes Jahr einen fast identischen Artikel finden kann...

    • elch86
    • 05. Oktober 2010 16:26 Uhr

    Ich frage mich, wie sich Herr Mayer-Schönberger die technische Umsetzung vorstellt. Als (ehem.) Softwareentwickler sollte ihm klar sein, dass das von ihm vorgeschlagene "Verfallsdatum" von jedem involviertem Computer, zumindest aber dem anzeigendem, beachtet und umgesetzt werden muss.

    Das bedeutet ja nichts anderes als dass mein Computer bestimmt, welche Informationen er mir anzeigt und welche er mir vorenthält. Danke, das bestimme immer noch ich - und niemand sonst.

    • Lecram
    • 05. Oktober 2010 16:35 Uhr

    "Wir müssen endlich lernen, dass alles was wir tun eine Konsequenz für jemanden hat und in die Verantwortung dafür genommen werden."
    Da stimme ich ihnen absolut zu! Aber diese Konsequenzen sollten nicht durch eine digitale Öffentlichkeit bestraft werden sondern durch das reale Leben. Menschen machen nunmal Fehler und wenn man in jungen Jahren bei einer Partynacht unpassend fotografiert wurde und dieses Bild von irgendwem der Netzgemeinde zur freien verfügung gestellt wird ist das absolut nicht tragbar! Konsequenzen können durch Eltern, Schule o.ä. kommen aber nicht dadurch, dass sie im internet dauerhaft bestehen bleiben. zugegeben, dass ist nur ein beispiel und ja, man kann die Löschung mit viel Aufwand beantragen. trotzdem denke ich,dass es viele ähnliche Meispiele gibt und ein gesundes maß an eigenkontrolle einfach bestehen bleiben MUSS

  3. um Informationen vom Celler-Loch verschwinden zu lassen.

    Nee, nee, ich will bestimmen was ich mir noch einmal ansehen will. Ich speicher etwas und irgendwann sagt mir der Computer, atsch, das darfst Du nicht mehr sehen.

    Interessant wäre aus welchen Kreisen solche Ideen stammen.

  4. altes bis in alle Ewigkeit fortbestehen zu lassen. z.B. unsere Wirtschaftsordnung; Finanzkrise - allein die Erinnerungskultur in Deutschland und durch den demografischen Wandel wird es noch Schlimmer werden. Vergessen ist keines Wegs Teil der menschlichen Natur. Wer sagt denn, dass im Netz etwas vergessen werden soll. Vieleicht will ich mich ja mal erinnern und weis es jetzt noch nicht. Wer will kann Dinge ja löschen lassen und wenn es immer wieder kopiert wird hat das Vergessen eh keine Chance. Mich nervt mehr, dass Verlinkungen etc. mit denen ich mal ans Ziel kam irgendwann nicht mehr funktionieren. Es muss doch jeder selbst wissen was er ins Netz stellt, denn die Konsequenzen hätte man absehen können. Das 'Vergessen' ist jetzt nur wieder ein bequemer Weg sich dem wieder zu entledigen.

  5. Wir könnten uns auch erstmal an die gute alte Grammatik erinnern und DIE digitale Technik das Vergessen lehren. Und dann daran denken, dass "erinnern" hingegen nicht transitiv ist.

  6. Redaktion

    Lieber Elch86 und Klausabc,

    Mayer-Schönberger hat auf Ihre Einwände eine gute Antwort. Er will nämlich nicht, dass die Maschinen selbst entscheiden, wann etwas gelöscht wird. Vielmehr schlägt er vor, dass der Nutzer jeweils gefragt wird, wie lange er eine Datei aufheben möchte. Dann fragt der Fotoapparat: Möchtest Du das Bild eine Woche lang behalten, zwei Monate oder ewig? Das ist übringens nichts Besonderes. ZEIT ONLINE hat beispielsweise bei vielen Fotos, die auf unserer Website veröffentlicht werden, nur ein zeitlich beschränktes Nutzungsrecht. Wir legen also immer fest, wie lange ein Bild zu sehen ist - und wann es wieder verschwindet.

    Freundliche Grüße
    Karsten Polke-Majewski
    ZEIT ONLINE

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Witzig, denn der User ist zu der einen Zeit der Meinung, dass die Medien, die er zur Verfügung stellt (Fotos, Filme, Worte je privater desto besser) möglichst lange eingestellt werden sollen und wenn er dann der Meinung ist, dass die Sache nicht mehr im Netz sein soll, werden sie dann eingesammelt, selbst wenn er vorher der Meinung war, es ist nichts, das brisant sein könnte.

    Die Idee, die der Sache zugrunde liegt, setzt wie bei allem den mündigen und vorausschauend handelnden User voraus, der aber in den meisten Fällen nicht am Rechner hantiert und ist somit wohl nichts, das wirklich nützt.

    Den Vorschlag, dass der Fotoapparat fragt, finde ich zwar in Ausnahmesituationen angebracht, als Pflichtprogramm aber absurd. Menschen, die diese Funktion tatsächlich brauchen, wissen auch davon.
    Niemand darf darüber entscheiden, an was sich andere gerne erinnern möchten. Jeder ist für seine Taten verantwortlich und wenn ich nicht will, dass andere meine Fotos sehen, warum stell ich sie dann ins Netz? Dumm gelaufen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service