Künstliche IntelligenzNie mehr sterben

Eine Internet-Firma hat das Problem der Endlichkeit gelöst: Sie verschafft ihren Kunden einen digitalen Klon im Netz. Der hält dann postum Kontakt zu Hinterbliebenen. von 

don-davidson

Der digitale Klon des Intellitar-Geschäftsführers Don Davidson beantwortet auch persönliche Fragen   |  © Screenshot ZEIT ONLINE

Rentenkürzungen, Reifenpannen, Naturkatastrophen, alles verdammt ärgerlich. Doch die größte Frechheit des Lebens ist und bleibt, dass es mit dem Tode endet. Das betrifft nicht nur das eigene Leben. Auch Freunde und Verwandte sterben. Oft, obwohl man sie noch dringend etwas fragen wollte.

Die Firma Intellitar will dem Tod nun die Stirn bieten. "Intellitar", der Name steht für "Intelligent Avatar" – eine Netz-Kopie des Nutzers also. Morgen soll die entsprechende Website offiziell den Betrieb aufnehmen. Dann kann man sich seinen persönlichen Intellitar basteln: Stimme, Optik, Erfahrungswissen, binnen weniger Stunden ist das zweite Ich zusammengeschraubt. Beziehungsweise zusammen-programmiert. Höchstens Computerviren könnten das Fortleben auf dem Computerbildschirm dann noch bedrohen.

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In einem Interview mit der Huntsville Times erklärt Gründer und Geschäftsführer Don Davidson , es ginge darum, auf der Grundlage vorhandener Technologien eine Art lebendiges Vermächtnis zu schaffen, einen "digitalen Klon, wenn Sie so wollen". Man hinterlässt den nachfolgenden Generationen dadurch nicht nur etwas Bleibendes. Man bleibt auch in guter Erinnerung. Freundlich, jung, jederzeit verfügbar.

Und besonders klug. Der Intellitar kann nämlich mehr als mit der eigenen Stimme die Fragen zu beantworten, die sein reales Alter-Ego ihm zuvor vorgesprochen hat. Mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) soll er auch auf gänzlich Neues reagieren können. Sofern der Besitzer seinen Avatar zu Lebzeiten sorgfältig pflegt, lässt sich das künstliche Gehirn zur Hochform trainieren. Und sollte der Avatar von Netzbesuchern doch einmal in Verlegenheit gebracht werden, erhält der Besitzer eine Nachricht – und kann das gewünschte Wissen alsbald nachbessern. Vorausgesetzt natürlich, der nicht-virtuelle Besitzer lebt noch.

Was die Enkel von ihrem virtuellen Opa wohl dereinst wissen wollen? Noch sind die Antworten, die man zu Testzwecken von dem digitalen Klon des Geschäftsführers erhält, leider nicht sonderlich ergiebig. Fragt man ihn etwa, wie es im Himmel aussieht, erfährt man nur, dass seine Firma im Jahr 2008 gegründet wurde. Auch über Engel weiß Avatar Don Davidson nichts zu berichten. Noch nicht. Der reale Davidson plant allerdings neben der Basis-Version auch einen Experten-Modus anzubieten: "Wenn ich schon immer ein guter Fliegen-Fischer sein wollte, kann ich dann einfach ein Experten-Hirn dazu kaufen", erläutert er. Mithilfe eines Plug-ins könnte man sich dadurch vor seinen Enkeln in einen richtig klugen Hecht verwandeln.

Und selbst wenn man für die Plug-ins "Engel-Kunde" oder "Basiswissen Kulturgeschichte" einen Aufpreis zahlen müsste – aussichtsreicher als die bislang verfügbaren Wege in die Unsterblichkeit wäre das wohl allemal: Wer macht schon Karriere als Wissenschaftler oder Künstler oder hat Erfolgschancen bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen? Eben. Und dass es etwas bringt, sein Gehirn posthum in einem Kühlschrank aufbewahren zu lassen, gilt bislang ja auch als eher unwahrscheinlich.

Wer sich zeit seines Lebens bemüht, ein guter Avatar zu sein, dem wird also eine würdevolle Existenz auch nach dem Tod beschert. Ein bisschen so, wie es auch die christliche Kirche lehrt.

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Leserkommentare
    • Gerry10
    • 19. Oktober 2010 15:18 Uhr

    ...die wollen ewig leben, wissen aber nicht was sie mit einem verregneten Samstag Nachmittag anfangen sollen.
    :-)

  1. 2. Und..

    Guido wird postum einmal Kanzler dieser Republik gewesen sein.

    • d_bolle
    • 19. Oktober 2010 16:14 Uhr

    Lebendig macht das einen nicht, wenn man sein Wesen in ein paar Zeilen Code zementieren will. Der wird sich immer identisch verhalten, anstatt sich zu entwickeln. Eine Art interaktive Statue...

    Wems gefaellt...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ja noch ist es so oder zumindest ähnlich. Allerdings wird sich das alsbald ändern. Schätzungen ab wann eine KI auch ein eigenes Bewusstsein erlangen könnten, gehen weit aus einander. Aber pessimistisch betrachte wohl doch noch spätestens in ca. 50 Jahren.
    Wir sollten uns rechtzeitig gedanken machen, ob man eine solche "Maschine" einfach abstellen darf. Wäre das Mord? Eventuell. Oder wir haben irgendwann einfach die Situatio, dass wir neue Sklaven haben. Die sind dann nicht mehr schwarz, sondern einfach nur aus anderem Materialien als wir!
    Mal weiter denken!

    • tron2.0
    • 19. Oktober 2010 16:29 Uhr

    Und ich dachte schon eine Firma wäre ihrer Zeit voraus und könnte Bewusstsein digitalisieren.

    Schade

  2. Die Idee als solches ist nicht unbedingt neu.
    1994 hat der Autor Greg Egan eine Geschichte mit dem Namen "Permutation City" veröffentlicht, die sich auch mit dem "Leben" der Persönlichkeit innerhalb eines Computers beschäftigt.
    Auszüge und eine FAQ findet man auf der Seite des Autors gregegan.net

    • LKM
    • 19. Oktober 2010 22:27 Uhr

    "Der Tod ist ein in die Zukunft gerichteter Retroplot, der sich in der Gegenwart erfüllt."
    Ich weiß nicht, wer es sagte, aber ich glaube ich kenne ihn.

    Schnitt.
    Schnitter.
    Schnittige Idee das mit dem Pietätsavatar für den Internetaltar.

    Ich bin zufällig auf eine Vorschau des JESBIN Verlages gestoßen, nachdem ein Autor namens Klaus Middendorf die Vision eines Ex-Nerds namens Bill Gates realisiert hat, das Bewusstsein auf einen Chip zu laden - natürlich via Bewusstseinsmedium Literatur. Dabei scheint er einem keltischen Geheimbund auf die Schliche gekommen zu sein. Dieser literarisierte Bewusstseinschip heißt "Celtic Connexion" und soll der erste Band einer JenseitsRoman-Reihe sein. Soll im November erscheinen, in diesem TodesgedenkMonat.
    Ich frage mich, ob das vielleicht die Totenbücher der Zukunft sind: als E-Books digitalisierte JenseitsRomane. Wer weiß, vielleicht erscheinen demnächst ja Autobiografien von Verstorbenen aus dem Jenseits von einem Avatar-Verleger im Diesseits?

  3. 7. Noch!

    Ja noch ist es so oder zumindest ähnlich. Allerdings wird sich das alsbald ändern. Schätzungen ab wann eine KI auch ein eigenes Bewusstsein erlangen könnten, gehen weit aus einander. Aber pessimistisch betrachte wohl doch noch spätestens in ca. 50 Jahren.
    Wir sollten uns rechtzeitig gedanken machen, ob man eine solche "Maschine" einfach abstellen darf. Wäre das Mord? Eventuell. Oder wir haben irgendwann einfach die Situatio, dass wir neue Sklaven haben. Die sind dann nicht mehr schwarz, sondern einfach nur aus anderem Materialien als wir!
    Mal weiter denken!

  4. Don: My name is Don, great to see you today. Can I please have your name?
    Visitor: Harun
    Visitor: What was your favorite school subject ?
    Don: I do not know that about me yet.
    Visitor: What is your favorite sport ?
    Don: I do not know that about me yet.
    Visitor: What do you think about germany ?
    Don: Whatever the real Don usually thinks about. I might need some training to reflect that though.
    Visitor: Do you have children, Don ?
    Don: We have two children and our first child was born 2 years after we were married.
    Visitor: What's the name of your first child ?
    Don: People call me both Don and Donald, I'm all right with both.

    Na, wenn das KI sein soll, heiß ich auch Donald (Duck nicht Davidson). Sieht mehr nach einem ELIZA-Clon aus.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn das Ding wirklich diese Antworten ausspuckt (siehe Kom. Nr. 8), dann ist es nicht mal ein guter ELIZA-Klon. Da ist iGod ja viel besser.

    Ich finde übrigens, einige Zeitreporter wären in der Werbebranche besser aufgehoben. Euer Job ist es nicht, Werbetexte pber diese "neue, tolle Technologie" zu verfassen, sondern zu informieren. Gut, dass die OnlinZEIT kostenlos ist, sonst würde ich mein Geld zurück verlangen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Intelligenz | Avatar | Enkel | Gehirn | Geschäftsführer | Naturkatastrophe
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