Plakat und USB-Stick des Bündnisses White IT, das die Verbreitung von Kinderpornos untersucht und bekämpft © Jochen Lübke/dpa

Vor zwei Jahren hat die Bundesregierung den Kampf gegen Kinderpornografie ausgerufen. Nun macht sich mit dem Bündnis White IT jemand auf, die Ursachen zu erforschen und praktikable Lösungen zu überlegen. Erste Ergebnisse zeigen: Fast nichts ist so, wie es die Politik bislang vermutete.

"Bisher gibt es fast keine Grundlagenforschung zu diesem Thema", sagte der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann auf dem White-IT-Kongress in Hannover. "So war ich mir fast sicher, dass Geld eine wesentliche Rolle bei der Verbreitung von Kinderpornografie spielt." Auch die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen sprach oft vom "Milliardenmarkt Kinderpornografie", wenn sie für Internetsperren warb. Mit diesem sogenannten Zugangserschwerungsgesetz wollte sie den mafiösen Strukturen den Geldhahn abdrehen.

Doch wirklich überprüft, ob es diese gibt und wie überhaupt die Vergewaltigungsbilder verbreitet werden, hatte bislang niemand. Auch wenn es Indizien gab, dass die Annahmen der Politik falsch sind. Nun sucht das von Schünemann initiierte Bündnis White IT nach Belegen.

Mitarbeiter des Kriminalwissenschaftlichen Instituts der Universität Hannover haben dazu Hunderte Justizakten aus dem Jahr 2008 durchgearbeitet. Sie wollten erstmals systematisch ergründen, wie die Missbrauchsbilder in Deutschland verbreitet werden, welches Material im Umlauf ist und wer Anbieter und Abnehmer sind. Bisher gab es hierzu keine gesicherten Erkenntnisse – die Justiz urteilt die Täter ab und verliert sie dann aus den Augen.

Die Wissenschaftler analysierten sämtliche Fälle der Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft in Hannover, ein Drittel der Akten des Jahres 2008 haben sie inzwischen ausgewertet. Die Zahl der Stichprobe ist klein, aber die Trends sind eindeutig: So war in nur 10 von 81 Fällen Geld im Spiel. Meistens fanden die Ermittler keine Belege dafür, dass die Beschuldigten für die Missbrauchsdokumente bezahlt hatten. "Es gibt zwar Anbieter und Abnehmer, in der großen Masse der Fälle wird das Material jedoch getauscht", sagte Professor Bernd-Dieter Meier, der die Studie verantwortet.

Marco Herb vom Bundeskriminalamt widersprach der Aussage, dass der kommerzielle Aspekt bei Kinderpornografie nur eine geringe Rolle spielt: "Wir gehen nach wie vor davon aus, dass es einen Milliardenmarkt gibt." So habe man in einzelnen Fällen Millionenzahlungen an Anbieter kommerzieller Kinderpornografie festgestellt. Eine Statistik oder eine systematische Untersuchung konnte er aber nicht vorlegen.

Wie wird das Material verbreitet? Meist wurden die Konsumenten in Internet-Tauschbörsen fündig: in 33 Fällen wurde das Material über Peer-to-Peer-Netzwerke übermittelt. Das World Wide Web steht mit 18 Fällen an zweiter Stelle. Danach kommen E-Mails mit 16 Fällen, in sechs Verfahren hatten die Beschuldigten die Dateien per Handy über MMS verschickt.

Der politische Streit über das Löschen oder Sperren von Websites deckt also nur einen Bruchteil der Fälle ab.