DatenverkehrComcast läutet Ende der Netzneutralität ein

Internetanbieter leiten Daten der Konkurrenz oft kostenlos durch ihr Netz. In den USA haben sich nun zwei gestritten. Das zeigt, wie ungeliebt Netzneutralität längst ist. von Jens Ihlenfeld

Comcast-Hauptquartier in Philadelphia

Comcast-Hauptquartier in Philadelphia  |  © William Thomas Cain/Getty Images

Der größte US-Kabelnetzbetreiber Comcast fordert von einem der größten Backbone-Provider, Level 3, weltweit Geld dafür, dass der seine Daten durch das Kabelnetz zu den Kunden weiterleiten kann.

Große Provider schalten im Rahmen sogenannter Peeringabkommen ihre Netze zusammen, ohne sich dafür gegenseitig Gebühren in Rechnung zu stellen. Nur so ist es möglich, dass Kunden eines Providers auf Inhalte, die bei einem anderen Anbieter gehostet werden, zugreifen können. Die Kosten tragen letztendlich die Endkunden, die für ihre Gebühren einen Zugang zum gesamten Internet erhalten.

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Der Backbone-Provider Level 3 wirft Comcast nun vor, an beiden Enden kassieren und damit das Prinzip der Netzneutralität aushebeln zu wollen. Er errichte eine "Zollschranke" vor dem Comcast-Netz, so Level 3. Das aber sieht Comcast anders und wirft Level 3 im Gegenzug vor, die Situation falsch darzustellen. Es gehe nicht um eine Frage der Netzneutralität, sondern darum, dass Level 3 für sein Content-Delivery-Network (CDN) Sonderkonditionen verlange. Man verfahre dabei nicht anders als Level 3 selbst, so Comcast.

"Wir hoffen, dass Comcasts Topmanagement, vor dem wir großen Respekt haben, die eigene Position in dieser Angelegenheit nochmals gründlich überdenkt und einen Ansatz findet, der für Comcast und seine Kunden besser ist", kommentiert Thomas Stortz, Justiziar von Level 3, den Streit mit Comcast. 
Nach Angaben von Comcast leitet Level 3 deutlich mehr Daten in das Netz von Comcast als umgekehrt. Außerdem verlange Level 3 von Comcast, noch viel mehr Traffic einspeisen zu können als bisher.

Das verwundert nicht. Comcast hat vor allem 16,7 Millionen Endkunden, die über den Betreiber im Internet surfen. Level 3 dagegen betreibt einen Backbone, ein Rechenzentrum und ein CDN und zählt vor allem Internetanbieter zu seinen Kunden. Die wollen Inhalte an Endkunden ausliefern und verursachen sehr viel größere Datenaufkommen als Privathaushalte. Noch dazu da einer dieser Kunden Netflix ist, ein Anbieter von Videodownloads.

Nach Angaben von Comcast will Level 3 fünfmal mehr Traffic in Comcasts Netz leiten als umgekehrt. Diese Menge sei nicht durch ein kostenloses Peering gedeckt. Man habe nichts dagegen, auch weiterhin einen kostenlosen und ausgewogenen Trafficaustausch mit Level 3 zu unterhalten.

Dabei folgt Comcast einer Argumentation, die Level 3 gegenüber kleineren Providern selbst anführt. Denn sogenanntes Paid-Peering ist nichts Ungewöhnliches unter verschieden großen Betreibern.

Leserkommentare
  1. 1. ~ 1267

    Überraschend ist es nicht, eher ist das Desinteresse an solchen Problemen bezeichnend. In der Selbstdarstellung mancher Anbieter, besonders aber im Selbstverständnis der Endkunden gibt es nur die Vorstellung, dass alles jederzeit kostenfrei zur Verfügung steht. Man betrachtet das Internet wie eine abstrakte Substanz, auf die von außen zugegriffen wird und die Verbesserung der Möglichkeiten wäre allein durch die erweiterten technischen Möglichkeiten der Endgeräte gegeben. Die letzte Debatte, die zumindest das Problemfeld berührte, war vielleicht rund um die Einführung von UMTS, angereichert um Besorgnisse von Elektrosmog bis um fehlende Sendemasten, aber auch hier stand vor allem die reine Verlockung im Vordergrund, was man durch die erhöhte Bandbreite nicht alles in noch kürzerer Zeit versenden und empfangen könnte.

    Heute ist die Entwicklung viel weiter als damals vor wenigen Jahren. Die Vernetzung hat zugenommen, die Möglichkeiten im Alltag ebenso, die gewöhnliche Bandbreite immens und youtube steht für die Selbstverständlichkeiten. Es scheint niemanden zu interessieren, welch gewaltige Infrastruktur dafür nötig ist. Allenfalls stolpert mal jemand über Abschätzungen, wieviel Strom dafür verbraucht wird. Natürlich müssen aber Kosten dafür geschultert werden, eben von privatwirtschaftlichen Unternehmen. Doch gibt es keinen Plan dafür. Mehr Streit ist vorprogrammiert.

  2. Wobei die Datenpakete sich ihren Weg selbst suchen, das freie Netz gerät immer mehr unter Druck, die neuen Jugendschutzregelungen sind auch ein solcher Baustein, was haben kleine Kinder auch im Netz zu suchen?

    • GDH
    • 02. Dezember 2010 13:15 Uhr

    Die Abrechnung von Providern untereinander soll ruhig der Preisfindung am Markt unterliegen (was die Kontrolle durch Wettbewerbsbehörden natürlich einschließt).

    Kritisch für die Meinungs- und Veröffentlichungsfreiheit würde es bloß, wenn die Leistung, die "nach außen" (also an Privatkunden, Content-Provider etc.) verkauft wird, nichtmehr "Internetzungang bestimmter Bandbreite" sondern "Internetzugang mit Bandbreite X für Dienst A, Bandbreite Y für Dienst B" hieße. Dass Provider untereinander für Übertragungsleistungen abrechnen, ist (wie im Artikel ja auch beschrieben) garnicht so ungewöhnlich und auch nur fair (solange der Missbrauch marktbeherrschender Positionen verhindert wird). Solange des einzige Kriterium "Traffic aus dem Netz von XY" lautet(und egal ist, wo der Traffic ursprünglich herkommt und wo er hin soll), sehe ich kein Problem.

    In diesem Sinne scheinen verschiedene Auffassungen von Netzneutralität zu bestehen. Die Aufladung des Begriffs mit Grundsatzbedeutung für die offene Gesellschaft wird offenbar gerne missbraucht um Schutz für ein bestimmtes Geschäftsmodell zu fordern.

    • kerub
    • 05. Dezember 2010 17:42 Uhr

    Wenn sich so etwas durchsetzt bedeutet das das Ende des Internets so wie wir es heute kennen. Freier Zugang zum gesamten Internet sollte ein Grundrecht werden, und zwar in jeder Nation. Das würde die GEZ-Gebühren für Computer wenigstens rechtfertigen.

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    • GDH
    • 09. Dezember 2010 12:48 Uhr

    Das Abrechnen von Bandbreite sehe ich als nicht so kritisch an. Es ist ja schon heute so, dass ich als Privatperson oder kleineres Unternehmen kein kostenloses "Peering" mit meinem Provider machen kann (ich leite den Traffic von der Verbindungsstelle in mein Privatnetz weiter und umgekehrt). Natürlich muss ich bei asymmetrischem Aufwand bezahlen.

    Kritisch wird es, wenn nicht mehr nur die Bandbreite (oder das Übertragungsvolumen) abgerechnet wird, sondern der Inhalt eine Rolle spielen soll (also entweder "die Art der Daten" oder "die Herkunft" in dem Sinne, dass den Provider die Vorgeschichte meiner Daten, also vor dem Übergang in sein Netz, interessiert). Da ist für mich auch die Grenze, an der der Gesetzgeber (gerne auch schon vorsorglich) einen Riegel vorschieben sollte.

    • GDH
    • 09. Dezember 2010 12:48 Uhr

    Das Abrechnen von Bandbreite sehe ich als nicht so kritisch an. Es ist ja schon heute so, dass ich als Privatperson oder kleineres Unternehmen kein kostenloses "Peering" mit meinem Provider machen kann (ich leite den Traffic von der Verbindungsstelle in mein Privatnetz weiter und umgekehrt). Natürlich muss ich bei asymmetrischem Aufwand bezahlen.

    Kritisch wird es, wenn nicht mehr nur die Bandbreite (oder das Übertragungsvolumen) abgerechnet wird, sondern der Inhalt eine Rolle spielen soll (also entweder "die Art der Daten" oder "die Herkunft" in dem Sinne, dass den Provider die Vorgeschichte meiner Daten, also vor dem Übergang in sein Netz, interessiert). Da ist für mich auch die Grenze, an der der Gesetzgeber (gerne auch schon vorsorglich) einen Riegel vorschieben sollte.

    Antwort auf "Das Ende des Internets"

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  • Schlagworte BitTorrent | Gebühr | Netzneutralität | Provider | Internet | Privathaushalt
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