Jetzt wird Google wohl auch zum Hüter der judäo-christlichen Tradition: das Unternehmen wird die Qumran-Rollen digitalisieren. Die Reproduktion dieser ältesten erhaltenen Bibelmanuskripte ist nur das augenscheinlichste Beispiel für eine Entwicklung, die das religiöse Leben der Zukunft prägen könnte. Ob ägyptisches Totenbuch, Veden , Pali Kanon oder jüngere Texte wie das Neue Testament und der Koran – immer mehr religiöse Schriften lassen sich im Netz studieren.

Rund ein Viertel aller Internetnutzer besucht das Netz regelmäßig zu spirituellen Zwecken. Das sind mehr als sich zu Partnervermittlung, Banking, Glücksspiel und sogar Online-Auktionen einloggen. Die meisten davon informieren sich dort über religiöse Themen. Unklar ist, wie sich das auf die Religion selbst auswirken wird.

Auch Online-Rituale sind bislang zwar noch ein Randphänomen, nehmen aber ebenfalls an Bedeutung zu. Vor allem neu-heidnische Kulte wie das jüngst in Großbritannien als Religion anerkannte Druidentum sind vertreten, aber auch der Rosenkranz. Eine Website bietet die Möglichkeit, über das Netz einen "Tzetel" in der Jerusalemer Klagemauer zu platzieren. Und im Online-Hindutempel Saranam kann man Rituale per Kreditkarte ordern. Ende September richtete der Vatikan gar ein Amt zur Internet-Mission ein: "Ubicumque et semper" lautet der vielsagende Titel des diesbezüglichen apostolischen Schreibens . "Überall und Immer".

Die Möglichkeiten des Internets wurden oft mit denjenigen der Druckerpresse im 15. Jahrhundert verglichen. Damals veränderte das Medium die Art, wie über Religion nachgedacht wurde. Durch die massenhafte Verbreitung der Bibel als Buch in der Volkssprache gewann der Einzelne Macht über die Interpretation des Textes. Der Klerus verlor an Einfluss und die Reformation wurde eingeleitet. Auch wenn das jetzt eine stark verkürzte Zusammenfassung ist –  steht heute eine ähnlich tiefgreifende Entwicklung bevor?

Laut dem protestantischen Theologen Bernd-Michael Haese ist das zumindest teilweise so. Für ihn markiert insbesondere die "gesteigerte Pluralität" im Netz einen Epochenwandel. Im Internet werde man wesentlich leichter mit anderen Kulturen konfrontiert. Daher sei es "der prädestinierte Ort" des interreligiösen Dialoges. Sorgen macht er sich lediglich um das Niveau. Es drohe "ein Substanzverlust". Nötig sei "eine integrative Moderation der im Netz wild wuchernden religiösen Kommunikation" – professionelle Theologen sollten interessierten Laien "klärend und moderierend zur Seite stehen".

Tatsächlich überblickt offiziell keine Institution das religiöse Leben im Netz, nicht einmal Verlage. Es fehlt auch der informelle soziale Druck, der für Religionen immer wichtig war. Das krude esoterische Patchwork, das im Internet so populär ist, würde den Selektionsmechanismen der Offline-Öffentlichkeit nicht standhalten können.

Deshalb droht allerdings nicht zwangsläufig der Substanzverlust. Die neue Situation bringt nicht nur religiöse Freiheit, sondern vor allem auch die ungeheuer effektiven Instrumente elektronischer Lektüre.