Deutschland, Du hast Deine Städte entweiht. Du hast die Zahl Deiner öffentlichen Orte verringert und sie entwertet. Du hast Deine Öffentlichkeit beraubt. Und Du hast einen gefährlichen Präzedenzfall für die Zukunft geschaffen.

Das alles mit ein paar Pixeln, die Gebäude bei Google Street View verschleiern.

Im Zuge des Privatsphäre-Wahnsinns der deutschen Regierung und der Medien ist Google dazu gedrängt worden, nicht nur Gesichter und Nummernschilder zu verpixeln, sondern auch Gebäude. Auf einmal haben Gebäude ein eigenes Verpixelungsrecht erlangt.

Diese Gebäude sind von öffentlichen Straßen aus vollständig sichtbar, von dort aus wurden sie auch fotografiert. In Ausübung der deutschen Panoramafreiheit darf jeder sie fotografieren. Nicht aber Google, sofern ein Besitzer die Verpixelung verlangt. Bei 244.000 deutschen Gebäuden haben Besitzer das getan.

Ich habe die Verpixelung von Gebäuden vor allem für albern gehalten – bis ich sie gesehen habe. Jetzt bin ich traurig und verärgert. Sehen Sie sich folgende Szene an, eine Szene von der Hugo-von-Königsegg-Straße in Oberstaufen. Sie können diese Straße entlang fahren, Sie können von der gegenüberliegenden Straßenseite ein Foto vom Edele Buchladen und vom Gebäude des Dr. Fassnacht rechts daneben machen. Sie können sich auch ganz legal das Gebäude dazwischen angucken und es fotografieren. Bei Google Street View sehen Sie aber stattdessen das.

Hässlich, oder? Peinlich würde ich sagen. Als ich kürzlich in Deutschland bei einer von den Grünen organisierten Veranstaltung in Berlin über Datenschutz und Öffentlichkeit sprach, fragte jemand aus dem Publikum, ob Deutschland mit seiner Verpixelung nicht seine digitale Öffentlichkeit bombardiere, seine sichtbare Historie. Damals fand ich diese Sichtweise noch ein bisschen heftig. Jetzt nicht mehr.

Warum geschieht das?

Ich glaube, es geht hier nicht um Privatsphäre. Wie kann die Privatsphäre eines Menschen verletzt sein, wenn ein Foto von einer öffentlichen Straße aus aufgenommen wird, von einem Gegenstand, der öffentlich anzusehen ist?

Ich glaube auch nicht, dass es an der einzigartigen deutschen Geschichte liegt. Wenn ich bei der Grünen-Veranstaltung und anderswo in Deutschland das Thema behandelt habe, haben die Deutschen oft Stasileute und Nazis als Grund angeführt (ich nicht).

Dieses Argument scheint mir unlogisch, ja sogar gefährlich. Denn gerade die Stasi wäre besonders eifrig darin gewesen, ihr Verpixelungsrecht auszuüben, um ihre Gebäude und ihre Taten vor den Blicken der Öffentlichkeit zu verbergen. Gern hätte sie sich der Geheimniskrämerei bedient, die die Idee eines Verpixelungsrechts beinhaltet. Hier wird ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen. Wenn man Google anweisen kann, dass Öffentlichkeit nicht öffentlich ist, wem kann man das dann noch alles sagen? Den Journalisten? Allen?