Gerade hat Wikileaks mit der Veröffentlichung vertraulicher Depeschen von US-Diplomaten weltweit für Schlagzeilen gesorgt, da plant die Internetplattform wohl schon den nächsten Coup: Anfang nächsten Jahres solle eine amerikanische Großbank zum Ziel werden, sagte Gründer Julian Assange in einem Interview des US-Magazins Forbes , das am Montag (Ortszeit) online veröffentlicht wurde. "Es geht um Zehntausende oder Hunderttausende Dokumente, je nach Definition." Es handle sich dabei um ein "Megaleak".

Die geplante Offenlegung des Materials eröffne "wahre und repräsentative Einsichten, wie sich Banken auf der Managementebene verhalten", sagte der Wikileaks-Gründer weiter. "Man kann es das Ökosystem der Korruption nennen." Die Folge der Veröffentlichung dürften "vermutlich Untersuchungen und Reformen sein". Die Dokumente enthüllten "ungeheuerliche Übertretungen" und "unethische Praktiken" und könnten "ein oder zwei Banken in die Tiefe reißen". Gegenstand des Materials seien aber auch "die unterstützenden Entscheidungsstrukturen und die interne Ethik des Managements".

Der Australier verglich in dem Interview die anstehende Veröffentlichung mit den E-Mails, die im Zusammenhang mit dem Enron-Unternehmensskandal ans Licht kamen. Der einst zehntgrößte US-Konzern hatte 2001 nach einem Bilanzbetrug Insolvenzantrag gestellt – Auftakt einer ganzen Reihe von Betrugsfällen, die die US-Wirtschaft in den folgenden beiden Jahren erschütterten.

Assange sagte jedoch, dass noch unklar sei, ob es sich hier um kriminelle Vorgänge handele. "Ich kann nur sagen, dass es klar um unethische Praktiken geht." Man müsse sehr vorsichtig damit sein, Leute als kriminell zu etikettieren, bis man sehr sicher sei.

Sich selbst nennt der Wikileaks-Gründer einen Freund freier Märkte. "Ich sehe den Kapitalismus mit gemischten Gefühlen, aber ich liebe Märkte", sagte er zu Forbes . "Wikileaks ist entworfen, den Kapitalismus freier und ethischer zu gestalten."

Zu dem Wikileaks insgesamt vorliegenden Material sagte Assange: "Wir haben zuviel." Konkrete Mengenangaben machte er allerdings nicht. Etwa die Hälfte davon betreffe Unternehmen. Er habe aber auch noch Material über zahlreiche Unternehmen und Regierungen, auch aus Russland. Auch Dokumente über Pharmafirmen lägen Wikileaks vor. "Wir sind in einer Position, in der wir Rangfolgen einrichten müssen und der Stoff mit der größten Wirkung zuerst veröffentlicht wird."

Der Bundesbeauftragte für Datenschutz, Peter Schaar, sieht in den jüngsten Wikileaks-Enthüllungen derweil ein "alarmierendes Signal". Die Veröffentlichung geheimer US-Dokumente zeige, wie notwendig ein "radikales Umdenken" sei, sagte er der Neuen Osnabrücker Zeitung . "Wir brauchen nicht immer mehr, sondern weniger Daten, und die Daten müssen ordentlich geschützt werden." Sonst sei zu befürchten, dass demnächst nicht nur diplomatische Korrespondenz, sondern ärztliche Diagnosen, Strafakten oder andere sensible Informationen ihren Weg in das Internet fänden, warnte Schaar.

Die seit den Terroranschlägen am 11. September 2001 vor allem in den USA vorhandene Datensammelsucht sei "ein Risikofaktor, der kaum zu beherrschen ist", sagte Schaar weiter. Nicht nur in den USA, sondern überall auf der Welt würden immer mehr personenbezogene Daten angehäuft, teilweise sogar – etwa im Bereich der Telekommunikation – ohne jeden Verdacht und Anlass für viele Monate und Jahre. Erhofft worden sei davon ein Zugewinn an Sicherheit. Eingetreten aber sei das Gegenteil, konstatierte der Datenschutzbeauftragte. "Datensparsamkeit ist deshalb das Gebot der Stunde."

Die Internet-Plattform Wikileaks und mehrere internationale Medien, darunter die New York Times und der Spiegel , hatten am Sonntag mit der Veröffentlichung von mehr als 250.000 vertraulichen oder geheimen Berichten aus US-Botschaften begonnen. In den nächsten Tagen soll weiteres Material publik werden. Zuvor hatte Wikileaks mit Feldberichten der Kriege in Afghanistan und im Irak für Aufsehen gesorgt. Echte Sensationen oder Neuigkeiten boten die bisherigen Veröffentlichungen aber praktisch nicht. In den meisten Fällen sind sie eine Illustration bekannter Tatsachen und Umstände.