Netzneutralität : Geht halt sterben

Im Netz könnte gleiches Recht für alle gelten. Diese Chance hat die US-Regulierungsbehörde vertan. Und das nur, um veraltete Geschäftsmodelle zu retten. Ein Kommentar
Was Diskriminierung im Netz bedeuten kann, erlebt die Welt gerade am Beispiel von Wikileaks © Carl Court/AFP/Getty Images

Das Internet ist eines der größten Dinge, die Menschen gebaut haben. Es ist unglaublich nützlich und wird noch viel wichtiger werden, als es heute schon ist. Zugangsanbieter sagen nun , sie wären unter den derzeitigen Bedingungen leider nicht in der Lage, das Netz weiterzuentwickeln. Das sei zu teuer und mit ihren Geschäftsmodellen nicht finanzierbar.

Offensichtlich sind viele staatliche Stellen dumm genug, diesem Argument Glauben zu schenken. Wie anders lässt sich die Entscheidung der amerikanischen Regulierungsbehörde FCC erklären, die den Providern erlaubt, Inhalte zu diskriminieren und damit Geld zu verdienen ?

Das Netz war bislang ein Symbol der Freiheit. Es war offen für jeden, der etwas hochladen wollte und für jeden, der dort etwas suchte. Dank seiner dezentralen Struktur wurden alle Datenpakete auf die gleiche Weise zerlegt und verschickt. War Platz in den Leitungen, bekamen ihn alle, war Stau, betraf er alle. Gleiches Recht für jeden also.

Das Netz böte die Chance, ein diskriminierungsfreier Raum zu sein. Sie wird gerade vertan. Denn dort, wo alle gleich sind, ist es schwer, andere zu unterdrücken und auszubeuten. Darum geht es gar nicht? Doch, genau darum geht es!

Marktwirtschaft bedeutet, sich einen Vorteil über andere zu verschaffen. Gleichberechtigung passt nicht in dieses Konzept. Denn wo jemand einen Vorteil bekommt, müssen andere Nachteile hinnehmen, das Ganze ist ein Nullsummenspiel. Es sei denn, es wird dabei Platz gelassen für neue Ideen, für Kreativität und alternative Geschäftsmodelle. Das aber scheint unerwünscht.

Na und?

Unternehmen können sich nach dem Votum der FCC nun Vorteile kaufen. Sie können dafür bezahlen, dass ihre Inhalte schneller durchgeleitet werden als die anderer Anbieter. Das aufgewendete Geld holen sie sich selbstverständlich zurück.

Über Netzneutralität

Bezahlen werden es also letztlich die Nutzer, denn sie erleiden die daraus resultierenden Nachteile. Ihre Onlinekosten werden langfristig steigen – es sei denn, sie verzichten auf datenintensive Dienste wie beispielsweise Videostreaming. Das ist die Freiheit, die ihnen bleibt: ausgebeutet oder ausgeschlossen zu werden.

Was die FCC zur Netzneutralität beschlossen hat, war daher auch kein "Kompromiss", wie sie selbst es nannte. Oder, wie Jeff Jarvis twitterte : "Kompromiss mit wem? Mit uns? Mit dem Internet? Nö."

Dabei wäre die logische Antwort auf eine solche Forderung der Provider eine ganz andere: Na und, dann entwickelt das Internet eben nicht weiter. Wenn Ihr den Schatz nicht heben wollt, wird ein anderer kommen und es für Euch tun, ob er nun Google, Facebook oder sonstwie heißt. Und wenn es mit Euren Geschäftsmodellen nicht bezahlbar ist, braucht es vielleicht neue. Oder, um es in der Sprache des Netzes zu formulieren: Geht halt sterben.

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Kommentare

32 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Eigentlich doch gar nicht so schlimm

Wenn durch die Beseitigung der Netzneutralität erreicht wird, dass diese furchtbar unnötigen Videobotschaften verschwinden, dann kann ich der Entwicklung vielleicht noch etwas positives abringen. "Videobotschaft" ist das wo sich ein selbstverliebter und profilierungssüchtiger Mensch vor eine Kamera setzt und irgendetwas sagt. Die Aufzeichnung ist dann anschließend beispielsweise auf YouTube zu sehen. Hätte es nicht gereicht, das zu Sagende einfach aufzuschreiben und in Textform zu verbreiten?

Befürchtung

Ich befürchte Sie haben die Möglichkeiten die das Internet bietet, nicht annähernd verstanden.

Es geht um die potentielle Möglichkeit, Bewegtbilder live vom ganzen Globus zu sehen, auf die eigenen Daten von der ganzen Welt aus zuzugreifen, und, am allerwichtigsten, keinem die Deutungshoheit zu überlassen, was wichtig und wünschenswert ist, und was nicht.

Für ein bisschen Mailen und ab und an mal bei Nachrichtenportalen vorbeizusurfen ist dies aber irrelevant, da gebe ich Ihnen recht.

Netzneutralität hat den Erfolg des Internets erst ermöglicht.

auch in Deutschland wird die NEtzneutraltität zunehmend in Frage gestellt.
Wenn man für den Zugriff auf Google 1€ pro Monat zahlen muss und für den auf den kleinen Konkurrenten 10€, dann wird die Kreativität und Entwicklung des Internets absterben (ohne jetzt etwas gegen Google zu haben, im Gegenteil, rein willkürliches Beispiel).

Im Festnetzbereich gibt es zum Glück eine Große Menge von Neutralitätsfreunden, bei mobilen Zugängen hingegen wird von Unternehmen wie Apple oder der Telekom die Netzneutralität aktiv bekämpft.

Ich hoffe, dass die PIRATEN durch ein gutes Abschneiden bei den kommenden Wahlen den anderen Parteien zeigen können, dass den Deutschen die Meinungsvielfalt und Artikulationsmöglichkeiten der einzelnen Bürger nicht egal sind.

Falsch verstanden

Ein Internetanschluss ist nicht schnell, er bleibt, wo er ist. Gemeint ist mit "schnell" die Datendurchsatzrate.
Allerdings bestimmt weniger der Anschluss des Clients, mit wieviel Bit pro Sekunde Inhalte heruntergeladen oder gestreamt werden, sondern der Server, von dem diese Inhalte heruntergeladen oder gestreamt werden.
Wenn der Server nur 1MB/s zulässt, was schon sehr viel ist und selten im öffentlichen Teil des Netzes "in freier Wildbahn" vorkommt, geht's eben nur mit 1 MB/s, ganz gleich, ob man einen VDSL-Anschluss mit 50 MB/s hat oder einen DSL-Anschluss mit nur 2 MB/s.
Die Sache mit den "schnellen" Internetzugängen ist reine Augenwischerei, da die ISPs ihre Produkte an den Mann bringen wollen; für den User haben sie in der Praxis äußerst selten einen Mehrwert, eigentlich nur beim Streamen von HD-Inhalten, wenn der Server eine entsprechende Downloadrate auch garantiert.