Netzkultur Wer schützt den Raum im Internet?

Auch wenn es anders scheinen mag: Im Internet sind wir weder frei, noch geschützt. Das muss sich dringend ändern. Doch es gibt einige Hindernisse. Ein Kommentar

In unseren sprachlichen Bildern ist das Internet ein großer, freier Raum, in dem jeder tun kann, was er will. Doch das Netz verfügt nicht über einen öffentlichen Raum, wie wir ihn aus dem realen Leben kennen. Man darf hier vor allem das tun, was Unternehmen zulassen.

Wikileaks musste das gerade erfahren . Private Unternehmen wie Visa, MasterCard, die Schweizer Bank Postfinance und Amazon verweigerten der Organisation ihre Dienstleistungen. Die Plattform muss sich nun neu organisieren, wenn sie weiterhin bestehen und ihre Dokumente im Internet veröffentlichen will.

Anzeige

Jahrhundertelang haben wir dafür gekämpft, einen geschützten öffentlichen Raum zu installieren. Wir haben die Regeln formuliert, nach denen wir uns bewegen und ausdrücken wollen (niedergelegt im Grundgesetz und allen daraus abgeleiteten Gesetzen). Und wir haben uns Mechanismen überlegt, wie diese Regeln funktionieren können. Die Gewaltenteilung zum Beispiel hat sich als sinnvoll erwiesen. So kommt es, dass wir uns versammeln und eine Demonstration planen können, auf der wir vor dem Hamburger Rathaus die Gleichstellung der Homo-Ehe, die Nutzung einer Präimplantationsdiagnostik oder auch Abwegiges wie die Abschaffung der Bundesregierung fordern können.

Im Internet gibt es solche Mechanismen nicht. Es gibt keinen öffentlichen Raum, der irgendwie geschützt wäre. Vielmehr bewege ich mich im Netz von einem Laden zum nächsten. Ich lebe in gated communities. Die können riesig sein, wie Facebook, Google oder Amazon. Aber es herrschen die Regeln, die das jeweilige Unternehmen diktiert.

Gegen Wikileaks liegt bislang keine Anklage vor. Das schiere Verbreiten von Informationen ist in westlichen Ländern erlaubt. Im Grunde wissen das auch die Unternehmer, und würde man sie fragen, sie würden wohl auch behaupten, dafür einzustehen. De facto haben sie jedoch die Wikileaks-Dokumente vom Server gelöscht, die Bankverbindungen gekappt, Spendentransfers unmöglich gemacht, weil sie wirtschaftlichen Schaden für sich fürchten.

Wenn wir Grundsätze wie die Meinungsfreiheit, um die wir doch so lange gerungen haben, auch im Internet gewahrt wissen wollen, müssen wir also überlegen, ob es ausreicht, deren Schutz in die Hände von Unternehmen zu legen. Die Erfahrung lehrt, dass sie allzu oft nicht für das Gemeinwohl eintreten und gesetzliche Regelungen vonnöten sind. So kam es beispielsweise zu den Umweltschutzauflagen für Chemiekonzerne oder der Deklaration von Inhaltsstoffen auf Nahrungsmitteln, weil die Hersteller von überzuckerten Joghurts schlicht nicht auf falsche Slogans verzichten wollten, die ihr Produkt als kindertauglich preisen.

Noch könnten Internet-Unternehmen um Regelungen oder gar Sanktionen herumkommen: Wenn sie sich tatsächlich für die Werte stark machen, für die unsere Gesellschaft steht, und in der sie ihr Geld verdienen. Nutzt diese Chance! Ein Unternehmen, dass es ernst meint mit dem Grundsatz der Meinungsfreiheit, darf Wikileaks die Dienstleistung nicht ohne juristische Notwendigkeit entziehen.

Tun Unternehmen nicht das ihrige, um die Freiheit und Sicherheit der Bürger im Netz zu gewährleisten, müssen auch hier Kontrollinstanzen her. Zu definieren, wie die organisiert sein könnten, ist freilich eine weitaus größere Aufgabe, als einen Chemie- oder Lebensmittelkonzern zu kontrollieren. Aber demokratische Rechtsstaaten gegen einzelne absolute Herrscher durchzusetzen, war auch eine gewaltige Aufgabe. Und eine, die bewältigt wurde.
 

 
Leser-Kommentare
  1. "Wer schützt uns vor den Politikern, welche meinen zu wissen, wie sie uns zu schützen haben?"

    11 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Und wer schützt uns vor Leuten wie Assange, die von sich aus festlegen, daß eine absolute Transparenz gut ist?

    Und wer schützt uns vor Leuten wie Assange, die von sich aus festlegen, daß eine absolute Transparenz gut ist?

  2. Entfernt aufgrund respektloser Inhalte. Die Redaktion/vv

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Danke. Die Redaktion/er

    "Entfernt aufgrund respektloser Inhalte. Die Redaktion"

    Ist das die deutsche Version der Verunglimpfung des Türkentums? Hat der Kommentar den Kaiser beleidigt? Ach, wie die ZEIT vergeht...

    Entfernt. Bitte respektieren Sie Moderationsentscheidungen und nutzen Sie die Kommentarfunktion zur Diskussion des Artikels. Anmerkungen zur Moderation können Sie gerne an community@zeit.de senden. Danke. Die Redaktion/ag

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Danke. Die Redaktion/er

    "Entfernt aufgrund respektloser Inhalte. Die Redaktion"

    Ist das die deutsche Version der Verunglimpfung des Türkentums? Hat der Kommentar den Kaiser beleidigt? Ach, wie die ZEIT vergeht...

    Entfernt. Bitte respektieren Sie Moderationsentscheidungen und nutzen Sie die Kommentarfunktion zur Diskussion des Artikels. Anmerkungen zur Moderation können Sie gerne an community@zeit.de senden. Danke. Die Redaktion/ag

    • rajo1
    • 09.12.2010 um 18:50 Uhr
    3. Danke

    Danke, Karsten Polke-Majewski, für diesen Artikel. Auf höchstem Niveau werden die bisher höchsten Errungenschaften der Moderne verteidigt. Mussten Sie kämpfen, dass dies im Blatt erscheint?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Lieber rajo1,

    Vielen Dank für Ihr Lob - es gebührt allerdings nicht mir, sondern meiner Kollegin Wenke Husmann. Sie hat diesen Kommentar geschrieben; während der Anlage des Artikels trat ein Fehler bei der Autorenkennzeichnung auf. Er ist nun behoben.

    Viele Grüße
    Karsten Polke-Majewski

    Redaktion

    Lieber rajo1,

    Vielen Dank für Ihr Lob - es gebührt allerdings nicht mir, sondern meiner Kollegin Wenke Husmann. Sie hat diesen Kommentar geschrieben; während der Anlage des Artikels trat ein Fehler bei der Autorenkennzeichnung auf. Er ist nun behoben.

    Viele Grüße
    Karsten Polke-Majewski

    • rajo1
    • 09.12.2010 um 18:56 Uhr

    könnte es sein, dass wikileaks wegen der "Noch"-Freiheit des Internet staatlichen Schutz gar nicht braucht? Wikileaks macht doch gerade Fehlverhalten staatlicher Organe sichtbar, evtl. auch von Abgeordeten, die von diesen großen Firmen doch intensiv umschmeichelt werden !?

  3. Und wer schützt uns vor Leuten wie Assange, die von sich aus festlegen, daß eine absolute Transparenz gut ist?

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • AZ
    • 10.12.2010 um 0:02 Uhr

    Haben Sie durch Wikileaks einen Schaden erlitten? Welchen denn? Oder warum wollen Sie vor Assange geschützt werden?

    • AZ
    • 10.12.2010 um 0:02 Uhr

    Haben Sie durch Wikileaks einen Schaden erlitten? Welchen denn? Oder warum wollen Sie vor Assange geschützt werden?

  4. wenn solche Sicherheitsrufe ertönen. Ich vermute dann immer Reglementierung, und wenn auch vielleicht in guter Absicht, so schnürt das doch ein. Der Raum ist ja gar nicht ungeschützt! Je mehr jemand über das Internet weiß, desto besser kann er sich auch schützen. Auch dadurch ist der Cyberspace geschützt, daß er ja ursprünglich als Schutzraum erfunden wurde und daher
    1. dezentral
    2. mobil
    aufgebaut ist. Dezentral: Das System kann, wenn Punkte des Netzes ausfallen, sofort Umgehungen einschlagen. Es ist also praktisch unzerstörbar, weil eigentlich schon ein Modem, ein Telefon und einfaches HTML ausreichen, um die grundlegende Informationsstruktur wieder neu zu errichten. Mobil: Die Daten können von einem Server zum anderen umgeschichtet werden oder neu eingestellt, wenn sie gelöscht wurden.
    Der Schutz, den Sie meinen, ist also schon da. Die Blockaden der Websites sind nichts als Demonstrationen, als gewaltlose Streiks. Sie mögen unschön sein, aber sie sind im Verhältnis zu lachenden GIs, die von ihren Helikoptern schießen, wirklich das kleinere Übel.
    Cyber-Attacken legen Schwachstellen bloß, was den Admin jeder großen Firma eigentlich freuen sollte.
    Das Internet muß seine Funktion als Beschützer dieser Opfer nur wahrnehmen. Rufe nach Reglementierung gehen an der Natur des Cyberspace vorbei und sind das falsche Signal.
    Übrigens hat PayPal ja die eingefrorenen Spendengelder freigegeben. Es war also richtig, dem Recht mit diesen Aktionen zum Durchbruch zu verhelfen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Übrigens hat PayPal ja die eingefrorenen Spendengelder freigegeben. Es war also richtig, dem Recht mit diesen Aktionen zum Durchbruch zu verhelfen."

    Der Zweck heiligt also die Mittel?

    "Übrigens hat PayPal ja die eingefrorenen Spendengelder freigegeben. Es war also richtig, dem Recht mit diesen Aktionen zum Durchbruch zu verhelfen."

    Der Zweck heiligt also die Mittel?

    • gquell
    • 09.12.2010 um 19:34 Uhr
    7. Lernen

    Genau wie Kinder das Überqueren einer Strasse lernen müssen, müssen sie auch lernen, sich im Internet zu verhalten. Niemand geht über die Strasse, wenn ein Auto heranrast. Genauso ist es im Internet, sie sollten tunlichst keine Informationen öffentlich verbreiten, die sie geheim halten wollten.
    Es ist übrigens ein Irrtum, zu glauben, das Internet sei ein rechtsfreier Raum. Auch hier gelten die gleichen Gesetze. Mir wird immer übel, wenn ich unsere lernresistenten Betonköpfe von rechtsfreien Räumen schwafeln höre, allen voran unsere Mutter der Nation. Das Internet ist freier, schneller aber keinesfalls rechtsfrei!

    Aber für unsere Politiker ist es normal, den Bürger nicht an Entscheidungen teilhaben zu lassen, es soll nach Möglichkeit alles im geheimen Kämmerlein geregelt werden (siehe HartzIV-Berechnungen oder die SOFIN!). Dummerweise erlaubt es gerade das Internet, daß wir Bürger uns informieren können und vor allem, daß wir informieren können! Und damit stören wir die Kreise der Mächtigen, bei den Verschwiegenheit oberste Tugend ist.

    Ich finde es sehr gut, was Wikileaks macht. Ich hoffe nur, daß es in Zukunft noch mehr Enthüllungsplattformen geben wird. Ich habe kein Verständnis dafür, wenn staatliche Organe Vorgänge vor uns Bürgern geheim halten, nur damit einige wenige Profiteuere ungestört absahnen können. Natürlich finden die Enthüllungen ihre Grenzen dann, wenn Menschen direkt gefährdet werden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Danke, dass Sie sich für mehr Enthüllungsplattformen stark machen. Eine Antwort ist: Wikipsy.org

    Danke, dass Sie sich für mehr Enthüllungsplattformen stark machen. Eine Antwort ist: Wikipsy.org

  5. Ich werde in Kürze (bitte notieren) die Seite Wikipsy.org aufstarten .Darin werde ich Krankengeschichten, psychiatrische Gutachten, Strafauszüge, Personaldaten etc. veröffentlichen, die mir z.T. heute schon zur Verfügung stehen. Ich bin der Ansicht, derartige Informationen sind wichtig für Nachbarn, Mitmenschen ganz allgemein, Schulen, etc.- ganz so wie Wikileaks.

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Und warum? Billiger kann man ja wohl kaum argumentieren. Das Helikoptervideo ist doch nicht mit beliebigen, schützenswerten Daten vergleichbar.
    Traurig.

    Ihr Vergleich und ähnliche Vergleiche, die in der letzten Zeit in den Medien – auch und vor allem in der ZEIT – aufgestellt werden, sind nicht tragbar.

    Sie sprechen von Transparenz im gesellschaftlichen Raum. Man hört auch in diesem Zusammenhang oft das Wort "gläserner Bürger". Diese Form der Transparenz will allerdings der Staat errichten und richtet sich einzig und allein gegen die Bevölkerung.

    Was Wikileaks anstrebt ist die Transparenz im politischen Raum, welche für eine Demokratie eine objektive Kontrollistanz darstellt.

    Ich bin mir nur nicht sicher, ob Sie das absichtlich vertauschen, ober ob Sie das Prinzip von Wikileaks nicht verstanden haben.

    "private Daten schützen, öffentliche Daten nützen" - ein Zusatz den Wau Holland (Mitbegründer des CCC) zur "Hackerethik" hinzugefügt hat.

    Das von ihnen konstruierte Schreckenszenario widerspricht der Ideologie, die hinter wikiLeaks steht, vollkommen.

    und was bedeutet das, wenn Sie z.B. psychiartrische Gutachten veröffentlichen für Nachbarn, Schulen usw.? Ich versteh das nicht ganz und möchte gerne genaueres wissen

    Das ist meine Diagnose. Wenn sie ihre Webseite eröffnen, bin ich gerne zu näheren Informationen bereit. Ich finde auch, das die Öffentlichkeit über mich informiert sein sollte, würde mir viele Probleme ersparen.

    Und warum? Billiger kann man ja wohl kaum argumentieren. Das Helikoptervideo ist doch nicht mit beliebigen, schützenswerten Daten vergleichbar.
    Traurig.

    Ihr Vergleich und ähnliche Vergleiche, die in der letzten Zeit in den Medien – auch und vor allem in der ZEIT – aufgestellt werden, sind nicht tragbar.

    Sie sprechen von Transparenz im gesellschaftlichen Raum. Man hört auch in diesem Zusammenhang oft das Wort "gläserner Bürger". Diese Form der Transparenz will allerdings der Staat errichten und richtet sich einzig und allein gegen die Bevölkerung.

    Was Wikileaks anstrebt ist die Transparenz im politischen Raum, welche für eine Demokratie eine objektive Kontrollistanz darstellt.

    Ich bin mir nur nicht sicher, ob Sie das absichtlich vertauschen, ober ob Sie das Prinzip von Wikileaks nicht verstanden haben.

    "private Daten schützen, öffentliche Daten nützen" - ein Zusatz den Wau Holland (Mitbegründer des CCC) zur "Hackerethik" hinzugefügt hat.

    Das von ihnen konstruierte Schreckenszenario widerspricht der Ideologie, die hinter wikiLeaks steht, vollkommen.

    und was bedeutet das, wenn Sie z.B. psychiartrische Gutachten veröffentlichen für Nachbarn, Schulen usw.? Ich versteh das nicht ganz und möchte gerne genaueres wissen

    Das ist meine Diagnose. Wenn sie ihre Webseite eröffnen, bin ich gerne zu näheren Informationen bereit. Ich finde auch, das die Öffentlichkeit über mich informiert sein sollte, würde mir viele Probleme ersparen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service