Justine Ezarik, besser bekannt als iJustine, stellt seit 2007 ihr Leben auf Justin.tv aus © Noel Vasquez/Getty Images

Das Netz vergisst nichts , heißt es immer, aber das ist Unsinn. Wenn überhaupt, merkt sich das Netz das Falsche . Die vorletzten Aushilfsjobs: Sind immer noch da. Die aufwühlende private Korrespondenz vom Sommer 1999 bleibt dagegen verschollen im Onlinenirwana.

Die Antwort auf solche ungewollten Lücken gibt es schon lange, sie heißt Lifelogging oder Lifecasting und meint die maximale private Vorratsdatenspeicherung. Als Erfinder dieser Vision gilt der amerikanische Ingenieur Vannevar Bush, der 1945 eine Lebensdatensammelmaschine, genannt Memex, entwarf. Ihm folgten in den neunziger und nuller Jahren etliche Männer mit komischen Geräten um den Hals. Der Bekannteste ist Gordon Bell , der seit 2001 MyLifeBits testet, ein Totalerinnerungssystem aus dem Hause Microsoft.

2009 ist das Buch zum Projekt erschienen: Total Recall. How the E-Memory Revolution will change everything .

Tatsächlich ist der Anspruch der Lifelogger-Avantgarde so einfach wie irrwitzig: Alles soll mitgeschnitten werden, nichts darf verloren gehen. Angefangen von den gewöhnlichen Aktivitäten, Begegnungen, Gesprächen, Mahlzeiten über das gesamte Mediennutzungsverhalten bis hin zu Standort- und Bewegungsprotokollen, Puls, Körpertemperatur und so weiter.

Der perfekt verkabelte Chronist wüsste: Als ich vor 489 Tagen mit Freund A an Kreuzung B stand, sprach ich von C. Und mein Herz schlug höher.

Trotzdem: Vom baldigen Durchbruch einer Selbstüberwachungssoftware kann keine Rede sein. "Lifelogging kommt", prognostiziert zwar auch Stefan Selke , Professor für Mediensoziologie an der Hochschule Furtwangen, "aber eher in einer weichen, individuellen Variante." Im gerade erschienenen Sammelband Postmediale Wirklichkeiten aus interdisziplinärer Perspektive (Heise Verlag) untersucht Selke dieses partielle Lifelogging.

Denn die persönlichen Lebensspuren auf den Servern nehmen auch ohne Memex-Maschine ständig zu. Das fängt mit der privaten Urlaubs- und Familienfotografie an, reicht über Filme und Texte und endet bei E-Mail-Accounts und sozialen Netzwerken.

Der Wunsch nach Unvergänglichkeit ist nicht neu. Nur kann er heute in ganz anderen Dimensionen ausgelebt werden. Google Mail zum Beispiel ermuntert seine Nutzer ausdrücklich, alle E-Mails für immer aufzubewahren. Auch bei Facebook können seit einigen Wochen die Inhalte des eigenen Profils samt Postings von Freunden und Kommentaren von Freundesfreunden als Zip-Datei heruntergeladen werden. Interaktionsschnappschüsse, festgehalten für die Ewigkeit.