Freiheit im InternetDas offene Netz ist längst Illusion

Die Wikileaks-Angriffe haben Macht gezeigt. Die wahren Herren des Netzes aber sind Firmen, viele davon aus den USA. Die interessiert Geld, nicht Freiheit und Demokratie. von 

US-Außenministerin Clinton hielt im Januar eine Rede für die Freiheit im Netz - gerichtet war sie an Staaten wie China, nicht an die eigene Regierung

US-Außenministerin Clinton hielt im Januar eine Rede für die Freiheit im Netz – gerichtet war sie an Staaten wie China, nicht an die eigene Regierung  |  © Joshua Roberts/Getty Images

Was bleibt hängen vom Protest gegen die Vorverurteilung von Wikileaks? Vielleicht können wir es schon nächste Woche sehen, wenn die ersten Jahresrückblicke im Fernsehen laufen: Anonymous, Chiffre der Aktivisten? Die weiße Maske vielleicht, dem Comic V für Vendetta entlehnt? Sicher bleibt etwas von der Kriegsrhetorik hängen, in den Köpfen wie in den Zeitungsarchiven …

"Cyber-Krieg im Internet", "Datenkrieg" und "Krieg im Netz": Als in der vergangenen Woche eine Schar von Sympathisanten die Websites von Weltkonzernen wie Visa oder Paypal aus Protest gegen die Verfolgung von Wikileaks und Julian Assange mit Anfragen in die Knie zwangen, dominierte martialisches Vokabular den öffentlichen Diskurs. Und erzeugte ein Zerrbild davon, was bei dieser Operation Payback (Vergeltung) passiert ist.

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Erhellender ist eine technische Betrachtung: Welche Mittel haben die Akteure beider Seiten eingesetzt? Wer ist überhaupt die Gegenseite zu den Protestlern? Wie werden künftige Konflikte im Netz verlaufen?

Zunächst die Aktivisten, die mit der Ausstattung von Amateuren antraten: Sie luden die Software Ionenkanone (LOIC) auf ihre Privatcomputer und schlossen diese zum digitalen Proteststurm zusammen. " Das ist technisch auf sehr niedrigem Niveau ", sagt Sandro Gaycken, Technikphilosoph und Sicherheitsforscher an der Freien Universität Berlin. "Beim Cyberwar wären ganz andere Waffen im Spiel."

Stuxnet etwa , ein Computervirus, der offenbar auf iranische Atomanlagen zugeschnitten war. Wer so eine digitale Waffe bauen will, braucht Labore, Testgeräte und viel Geld. Der Hamburger Sicherheitsexperte Ralph Langner, der als erster das Herzstück von Stuxnet analysiert hat, sagt: "Hier wurde mit einem Stück Software ein militärisches Ziel angegriffen und physisch etwas kaputt gemacht". Die Operation Payback wirke da eher wie ein Sitzstreik im Netz.

Das gilt auch im Vergleich zur organisierten Kriminalität . Da infizieren etwa Trojaner – im Prinzip Viren mit Fernsteuerung – die Rechner argloser Nutzer. "Nur ein paar Hundert Kriminelle kontrollieren mehr als 100 Millionen Computer", analysierte die Sicherheitsfirma Trend Micro im Herbst 2009. "Sie verfügen über mehr Rechenkraft als alle Supercomputer der Welt zusammen."

Über die sogenannten Botnetze werden Viren und Spam verbreitet, fremde Server gestört oder geknackt – je nachdem, wofür die Auftraggeber zahlen . Auf so etwas müssen sich große Rechenzentren vorbereiten. Auch des Payback-Ansturms wurden ihre Systemadministratoren schließlich Herr. Zwar oft erst nach Stunden, aber ohne dauerhafte Schäden.

Was ist die Reaktion auf Kriminelle und Kriegsszenarien im Internet? In diesem Jahr nahm auf ausdrücklichen Wunsch Barack Obamas das US Cyber Command in Fort Meade bei Washington seinen Dienst auf. Die Militärs veranstalten Übungen, simulieren, wollen künftig mehr Hacker rekrutieren ("Sie müssen nicht notwendigerweise einen Gewaltmarsch überstehen können").

" Natürlich kann man Teile des Internets abschalten ", sagt Richard Clarke, Cyberberater der Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush. Ein entsprechender Gesetzentwurf existiert bereits – für den Ernstfall, wenn Waffen wie Stuxnet oder riesige Botnetze gegen die USA gerichtet würden.

Leserkommentare
  1. 1. ~ 1309

    Ein wertvoller Hinweis, da tatsächlich in der Debatte um wikileaks, sogar um die Freiheit im internet dieser Punkt traditionell zu kurz kommt - wenn er überhaupt gesehen wird. Denn wie in anderen wirtschaftlichen Bereichen sind Quasi-Monopolisten an sich ein Problem. Das internet, als irgend wie aus Nichts Gewachsenes, versprüht zwar den Flair von Unabhängigkeit, faktisch haben sich jedoch gerade dadurch einige wenige Anbieter alles gesichert. Zum Teil sind Markennamen zu Synonymen für Funktionen geworden: google, facebook, ebay, etc. Das gilt auch für die technische Infrastruktur, die überdies vom normalen Nutzer selten durchschaut wird.

    So frage ich seit Jahren bei solchen Diskussionen immer wieder nach, worin Deutschland sich hier positioniert hat. Von Kabeln bis hin zur hardware des Endbenutzers dominieren amerikanische Firmen. Kritisch wird dies, wenn eine Alternative gebraucht würde. Sie existiert ebenso wenig, wie es eine andere Sprache im uns bekannten internet gibt. Russland, Japan und China sind da wehrtüchtiger und versuchen durch eigene Angebote nationale Interessen zu wahren. Man mag dies belächeln oder in Frage stellen, es sind immerhin angebotene Alternativen, die gerade gegen möglichen Missbrauch durch Einzelmächte schützen.

    5 Leserempfehlungen
    • kerle51
    • 17. Dezember 2010 17:47 Uhr

    das ist reine Angstmacherei. Die Macht hat immer der, der das Wissen hat, und das haben nicht die Manager der großen Firmen, sondern die Geeks, die Spieler, die Kreativen. Bis das Wissen in den Konzernzentralen angekommen ist, ist es längst veraltet. Wäre es nicht so, würden Botnetze nicht funktionieren, und es würden nicht tausende Kreative an offener Software arbeiten. Mikrosoft ist ja das beste Beispiel, daß sie mit ihren bezahlten Fachkräften den Hackern immer ein Stück hinterher hinken, daher die Botnetze. Konzernstrukturen sind zu langsam, und Regierungen schnallen ohnehin kaum etwas, "meine mails druckt mir meine Sekretärin immer aus" etc.
    Die Spitzenkräfte der Computerwelt arbeiten nicht für die Regierungen, sondern bei der Mozilla Foundation, Google, Apple, Microsoft etc. und sie sind im Clubs wie CCC oder gar nicht organisiert. Und sie sind Forscher an den Unis. Sie sind weder zu sehen noch kennt man sie mit Namen. Die Welt ist nicht so, wie sie scheint. Man bedenke, die Regierungen und Konzernzentralen sind immer darauf angewiesen, von Fachleuten beraten zu werden. Diese werden keineswegs ihre letzten Trümpfe aus der Hand geben.
    Die Deutsche Telekom hat auch schon mal versucht, sich das Internet in Deutschland anzueigen und ist damit kläglich gescheitert, ebenso AOL. Beide meinten ein eigenes Internet aufbauen zu wollen.
    Man sollte auch bedenken, daß das Internet die tragende Säule für die Weltwirtschaft ist, Kommunikation funktioniert nur so.

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    • cvnde
    • 17. Dezember 2010 18:00 Uhr

    Außerdem sollten hier bestimmte herrschaft nicht vergessen, dass fast alle genannten Unternehmen an der Börse notiert sind.

    Wer an der Börse notiert ist der kann aufgekauft werden, vielleicht nicht voll, aber eine Sperrminorität reicht ja oft.

    Da muss ich Dir Recht geben. Leider beschränken sich viele Regierende auf Angst machen und Grenzen setzen. Die Zeit in letzter Zeit auch. Nur bei Gutenberg wird Licht angemacht.

    • cvnde
    • 17. Dezember 2010 18:00 Uhr

    Außerdem sollten hier bestimmte herrschaft nicht vergessen, dass fast alle genannten Unternehmen an der Börse notiert sind.

    Wer an der Börse notiert ist der kann aufgekauft werden, vielleicht nicht voll, aber eine Sperrminorität reicht ja oft.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Angstmacherei"
  2. Die Aussagen des Artikels stimmen leider nicht.

    Es gibt nur wenige Kreditkartenfirmen, ein Telefonat eines Senators kann bewirken, dass Sie keine mehr nutzen können. Das hat mit dem Monopol dieser Firmen zu tun, nicht mit dem Netz.

    Das aktuell zweitwichtigste Betriebssystem wurde nicht in Labors und Firmen sondern von Netzbürgern selber entwickelt. Ähnliches gilt für den wichtigsten Web-Browser, oder für Verschlüsselungsprogramme, die military grade Sicherheitsstufen erreichen. Das größte Online Lexikon stammt nicht von einem Verlag sondern von Netzbürgern. Die Gemeinschaft vieler erreicht wesentlich mehr als wenige Firmen!

    Root Server: Neben den offiziellen Root Servern gibt es viele privat betriebene "Telefonbücher" - unter anderem auf dem Notebook, auf dem ich gerade schreibe. Und: Wie Wikileaks zeigt: Es geht auch ganz ohne Root Server. Die IP Adresse reicht aus. Und: Es gibt Systeme, die ohne zentrale "Root" arbeiten.

    Der US Präsident kann einige große Kommunikationsadern in die USA abschalten und damit seinem Land nachhaltigen und enormen Schaden zufügen. Das wird er deshalb besser bleiben lassen. Und: Er kann die USA damit nicht völlig vom Netz trennen, es gibt zu viele Alternativen. Die Leidtragenden wären youtube, cnn und Google, aber nicht die Netzpioniere, die brauchen keine Multimedia-Bandbreite.

    Router: Cisco ist Marktführer. Na und. Auf jedem PC eines besseren Informatikers läuft Linux und damit ein Router.

    Bitte in Zukunft besser recherchieren !

    6 Leserempfehlungen
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    soll es geben! Es ist allerdings, auch wenn es einige User gerne so darstellen, nicht die einzige Alternative bzgl. Betriebssystem und Server- Routerplattform. Ich habe noch ein paar leistungsstarke 680xx Computer, Akustikkoppler & Modems rumliegen, BBS wäre damit auch noch möglich... Aber zurück zum eigentlichen Thema. Sollte es irgendwann zu viel Kontrolle/Zensur & Filter im www geben wäre das Darknet und ähnliche Projekte sicherlich die nächste Generation für Phreaks. Das wird zwar, wie mit dem www (BBS & www war ja anfangs auch nur von & mit Phreaks im Einsatz...) auch nicht ewig funktionieren - aber c’est la vie - so läuft es eben mit der Evolution. Kein Stillstand!

  3. "Die wahren Herren ... sind Firmen,viele davon aus den USA. Die interessiert Geld, nicht Freiheit und Demokratie."
    Passt!
    Kennt jemand deutsche Politiker, die dagegen sind?
    Nein, denn die Rollen von Koch und Kellner sind längst neu verteilt.

    Eine Leserempfehlung
    • ikonaut
    • 17. Dezember 2010 20:03 Uhr

    strotzt leider wieder von halbwahrheiten und soll in unseren köpfen die vermeintliche ohnmacht des "netzbürgers" gegen die "mächtigen" zementieren.

    viele kreative geister werden immer stärker/schneller sein als statische, nur auf erhalt des status quo gerichtete strukturen mit viel zu überdimensionierten entscheidungshierarchien.

    OBEN BLEIBEN !

    commonleaks > http://commonman.de/wp/?p...

    http://commonman.de/wp/?p...

    http://commonman.de/wp/?p...

    http://commonman.de/wp/?p...

    Eine Leserempfehlung
    • ikonaut
    • 17. Dezember 2010 20:05 Uhr
    • ikonaut
    • 17. Dezember 2010 20:08 Uhr

    man kann auch "offline" geld sammeln

    guten abend

    http://commonman.de/wp/?p...

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  • Schlagworte Internet | Bill Clinton | Google | Microsoft | Amazon | Yahoo
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