Der konservative Radiomoderator Rush Limbaugh empfahl, Wikileaks-Gründer Assange "aufzuknüpfen" © Bill Pugliano/Getty Images

Wikileaks und die dazu gehörende Idee – der Verlust aller Werkzeuge der Informationskontrolle – werden das Paradigma des kommenden Jahrzehnts werden. Was Napster für die Musikindustrie und BitTorrent für Hollywood war, wird Wikileaks für die Politik sein. Und es wird die Gesellschaften der Welt im kommenden Jahrzehnt ähnlich stark prägen wie der Mauerfall die neunziger Jahre und wie die Anschläge des 11. September das Jahrzehnt nach dem Jahrtausendwechsel.

Wikileaks ist die Vollbremsung des politischen Hinterzimmers. Fand Politik bislang immer unbeobachtete Nischen, um Entscheidungen auf nationaler und internationaler Ebene "vorzubereiten", kann sie sich heute nirgends mehr sicher fühlen.

Angesichts der Betriebsamkeit der Akteure kann man vermuten, dass es dabei um mehr geht als um die paar Indiskretionen aus dem diplomatischen Korps oder der Armee. Es geht ums Ganze.

Offensichtlich ist Geheimhaltung tief verankert im System selbst der demokratischsten Staaten. Wie tief, ist an den wütenden Reaktionen auf Wikileaks zu sehen. Und sie sind verständlich, fordert die Plattform doch nicht weniger als das Gesamtsystem heraus. Im Grunde bleiben den Regierungen nur zwei Handlungsoptionen: zensieren bis zur totalitären Informationskontrolle oder die Akzeptanz der neuen, unkontrollierbaren Transparenz.

Es ist viel gestritten worden, was Wikileaks ist, was es sein könnte und sein müsste. Angetreten ist die Plattform einst mit dem Anspruch, nicht auswählen, redigieren oder filtern zu wollen. Das haben die Betreiber inzwischen aufgegeben und leiten der Effektivität und Publizität wegen alles durch einen journalistischen Filter. Kritisiert wird die Seite für beides. Die einen monieren die journalistische Sorglosigkeit und wünschen sich mehr redigierende Eingriffe. Die anderen geißeln die bereits stattfindende Filterung und Kommentierung als zu willkürlich und intransparent.

Langfristig ist keine der Techniken entscheidend. Es zählt nur die Idee. Wikileaks ist das Napster der Regierungen der Welt. Ein Agent, ein Vehikel und gleichzeitig ein Symptom einer viel grundlegenderen Veränderung, die nicht mehr weggehen, sondern sich ausweiten wird und es schon tut.

Selbst wenn sich Wikileaks "domestizieren" lässt, dürfte jedem klar sein, dass nicht wenige Nachfolger von Wikileaks das puristische Konzept der ungefilterten und ungeschwärzten Veröffentlichung von Originalen favorisieren. Der Trend ist eindeutig: Kontrollstrukturen sollen verunmöglicht werden. Spätestens wenn es die erste Whistleblowerplattform auf Peer-to-Peer-Technologie wie BitTorrent basiert, wird er sich manifestieren.

Die politischen Kämpfe der vergangenen Jahre drehten sich um die Deutungshoheit und um die Definition, was gute und was schlechte Informationen waren. Die Netzpolitik der nächsten Jahre wird von der Frage bestimmt sein, wer das entscheiden darf. Es wird nicht darum gehen, was veröffentlicht werden soll und was nicht, sondern darum, ob es in Zukunft noch eine Instanz geben kann und darf, die darüber entscheidet.

Diese radikale, anarchische Transparenz ist das eigentliche Versprechen und auch die eigentliche Drohung, die hinter Wikileaks steckt.