Transparenz : Wikileaks ist das Napster der Regierenden

Was Tauschbörsen für Hollywood sind, ist Wikileaks für Regierende. Sie können es behindern, gewinnen können sie nicht, schreibt Michael Seemann und fordert: Lebt damit!
Der konservative Radiomoderator Rush Limbaugh empfahl, Wikileaks-Gründer Assange "aufzuknüpfen" © Bill Pugliano/Getty Images

Wikileaks und die dazu gehörende Idee – der Verlust aller Werkzeuge der Informationskontrolle – werden das Paradigma des kommenden Jahrzehnts werden. Was Napster für die Musikindustrie und BitTorrent für Hollywood war, wird Wikileaks für die Politik sein. Und es wird die Gesellschaften der Welt im kommenden Jahrzehnt ähnlich stark prägen wie der Mauerfall die neunziger Jahre und wie die Anschläge des 11. September das Jahrzehnt nach dem Jahrtausendwechsel.

Wikileaks ist die Vollbremsung des politischen Hinterzimmers. Fand Politik bislang immer unbeobachtete Nischen, um Entscheidungen auf nationaler und internationaler Ebene "vorzubereiten", kann sie sich heute nirgends mehr sicher fühlen.

Michael Seemann

Seemann bloggt und twittert seit Jahren unter dem Pseudonym mspro und beschäftigt sich unter anderem mit dem gesellschaftlichen Phänomen des Kontrollverlustes.

Angesichts der Betriebsamkeit der Akteure kann man vermuten, dass es dabei um mehr geht als um die paar Indiskretionen aus dem diplomatischen Korps oder der Armee. Es geht ums Ganze.

Offensichtlich ist Geheimhaltung tief verankert im System selbst der demokratischsten Staaten. Wie tief, ist an den wütenden Reaktionen auf Wikileaks zu sehen. Und sie sind verständlich, fordert die Plattform doch nicht weniger als das Gesamtsystem heraus. Im Grunde bleiben den Regierungen nur zwei Handlungsoptionen: zensieren bis zur totalitären Informationskontrolle oder die Akzeptanz der neuen, unkontrollierbaren Transparenz.

Es ist viel gestritten worden, was Wikileaks ist, was es sein könnte und sein müsste. Angetreten ist die Plattform einst mit dem Anspruch, nicht auswählen, redigieren oder filtern zu wollen. Das haben die Betreiber inzwischen aufgegeben und leiten der Effektivität und Publizität wegen alles durch einen journalistischen Filter. Kritisiert wird die Seite für beides. Die einen monieren die journalistische Sorglosigkeit und wünschen sich mehr redigierende Eingriffe. Die anderen geißeln die bereits stattfindende Filterung und Kommentierung als zu willkürlich und intransparent.

Langfristig ist keine der Techniken entscheidend. Es zählt nur die Idee. Wikileaks ist das Napster der Regierungen der Welt. Ein Agent, ein Vehikel und gleichzeitig ein Symptom einer viel grundlegenderen Veränderung, die nicht mehr weggehen, sondern sich ausweiten wird und es schon tut.

Selbst wenn sich Wikileaks "domestizieren" lässt, dürfte jedem klar sein, dass nicht wenige Nachfolger von Wikileaks das puristische Konzept der ungefilterten und ungeschwärzten Veröffentlichung von Originalen favorisieren. Der Trend ist eindeutig: Kontrollstrukturen sollen verunmöglicht werden. Spätestens wenn es die erste Whistleblowerplattform auf Peer-to-Peer-Technologie wie BitTorrent basiert, wird er sich manifestieren.

Die politischen Kämpfe der vergangenen Jahre drehten sich um die Deutungshoheit und um die Definition, was gute und was schlechte Informationen waren. Die Netzpolitik der nächsten Jahre wird von der Frage bestimmt sein, wer das entscheiden darf. Es wird nicht darum gehen, was veröffentlicht werden soll und was nicht, sondern darum, ob es in Zukunft noch eine Instanz geben kann und darf, die darüber entscheidet.

Diese radikale, anarchische Transparenz ist das eigentliche Versprechen und auch die eigentliche Drohung, die hinter Wikileaks steckt.

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Kommentare

48 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Na endlich mal!

Nicht nur, dass er vielen aus der Seele spricht, Ihr Artikel klingt auch professioneller als alles, was wir in der Zeit bisher zum Thema wikileaks lesen durften.

Und besonders wichtig: "Einige Journalisten sprechen gar schon von "totalitärer Transparenz". Dabei müsste Wikileaks eigentlich das Symbol ihres Berufsethos' sein."
Genau das ist es doch. Das ist der Hauptgrund, warum das ganze bisherige pseudo-verantwortliche Gewäsch vielen Lesern regelrecht Angst eingejagt hat.

Noch was zu Ihrem Fazit: Im Gegensatz zu Musikindustrie ernährt sich die Politik nicht durch den Verkauf von "Informationen", sondern durch Steuermittel, die ihr auf Vertrauen gewährt werden. Wenn die Politik unter wikileaks so leiden wird wie die Musikindustrie unter Napster, heißt das dann, dass das Regieren bisher ALLEIN auf Geheimniskrämerei und Lügen aufgebaut war?

Wirtschaft, Lobbyismus, Korruption

Auf diese Enthüllungen warte ich sehnsüchtig.
Was sind die geheimen Agendas der Konzerne? Welche Verbrechen haben sie vorsätzlich begangen? Wer sind die persönlich Verantwortlichen für das Öl vor Afrikas Küste, usw.
Und wie sieht die Verflechtung mit der Politik im Detail aus, welche Politiker spielen für welches Team?

Vermutlich werden jetzt gerade neue, extrem harte Strafen für Whistleblower beraten und an die politischen Entscheidungsträger weitergereicht.

Viel zu optimistisch...

...ist der Artikel und der vergleich mit Nappster zu weit hergeholt.
Musik kann sich JEDER kaufen und dann auf einer Festplatte speichern und es anderen zu Verfügung stellen (- das rechtliche Für und Wider sei hier nicht von Bedeutung).
Wikileaks stellt teils hochbrisantes streng geheime Dokumente ins Netz zu denen eben nicht JEDER einsicht hat.
Mit anderen Worten es braucht einen "Leaker" und genau das lässt sich wenn schon nicht verhindern, so doch eingrenzen.
Man sollte den Machtwillen und die Intellegenz der Machthabenden nicht unterschätzen.
Sicher, es wird sich nicht alles verheimlichen lassen, damit werden die Regierungen des 21.Jahrhunderts leben müssen, aber so einfach wie bisher werden sie es Wikileaks und Nachahmern/Nachfolgern nicht (mehr) machen.
Der Arm der Regierungen ist lang und Dank Wikileak wissen wir wie wenig Skrupel sie haben...

Freiheit für Assange!!!!

@4. Ihr Kommentar ist ein Stück zu pessimistisch

1. Sie haben richtig erkannt: Auch Tauschbörsen brauchen erstmal einen Leaker, der Daten ins Netz stellt. Meist ist das Material schon vor dem offiziellen Veröffentlichungsdatum dort zu finden. Also lässt sich der Kreis der Leakenden ebenfalls einschränken.

2. Egal wie ausgefeilt die Sicherheitsmechanismen seien werden, geheime Protokolle werden immer so abgelegt werden müssen, dass sie jemand dechiffrieren kann. Das liegt in der Natur der Sache.

Ich weiß zwar nicht, ob Wikileaks und Co. die Demokratie retten - das ruinieren selbiger hat jedoch die Politik bereits übernommen.