Facebook erinnert mich ständig daran, dass ich mich mal wieder bei Claudia melden sollte. Dabei ist sie schon seit einem Jahr tot. Trotzdem werden Claudias Freunde regelmäßig aufgefordert, etwas auf ihre Pinnwand zu schreiben. Da sie sehr beliebt war, sind es über 800.

Fast täglich postet jemand etwas auf ihr Profil. Selbst vage Bekanntschaften hinterlassen hin und wieder die Erinnerung an einen gemeinsamen Kaffee. Jedes Mal werden per Newsfeed alle Freunde informiert. Und auch die Einträge der Toten kann jeder lesen. Ihr letztes Posting war ein Video des Whitest Boy Alive – ziemlich fröhlich eigentlich.

Und Claudia ist nur eine von sehr vielen. Jedes Jahr sterben 375.000 Facebook-User, ihre Profile jedoch nicht unbedingt.

Der Tod im Zeitalter des Internets ist entwaffnend und erschreckend zugleich. Die klassische Moderne verbannte ihn aus dem Leben. Die Friedhöfe verwaisen. In der digitalen Welt aber sind die Toten wieder mitten im Alltag angekommen. Jeder ist ein bisschen unsterblich. Nicht nur unsere Freundschaften und Fotos sind noch lange nach dem Tod für jedermann sichtbar, sondern auch das Gedenken unserer Freunde und unsere letzten geposteten Worte.

Viele wollen diese posthume Öffentlichkeit allerdings gar nicht. Denn in ihr liegt auch etwas Unheimliches. Während das persönliche Gedenken an Tote eine Entwicklung von der Idealisierung bis hin zum Vergessen durchläuft, bleiben sie auf Facebook immer dieselben: Wer aber möchte mit jeder Albernheit in die Ewigkeit eingehen? Und ist es nicht ein furchtbarer Gedanke, noch als Toter zum Informationsschatz sozialer Netzwerke zu gehören?

Twitter, GMail und Facebook bieten Hinterbliebenen Hilfe beim Löschen von Profilen an. Und bei den deutschen VZ-Netzwerken legt man Wert auf individuelle Betreuung. Ein Standardverfahren gebe es ganz bewusst nicht, sagt ein Sprecher. Es braucht die Kopie der Sterbeurkunde, dann gehört der Account samt Zugangsdaten rechtlich den Erben. Sie können entscheiden, ob er erhalten, gesäubert oder gelöscht wird.

In den USA boomt bereits das Berufsbild des digitalen Bestatters. Seiten wie AssetLock , Deathswitch und Legacy Locker kümmern sich um das digitale Erbe einer Person. Dort können Passwörter und Anweisungen hinterlegt werden für den Tag, an dem das Leben endet: was gelöscht wird, was erhalten bleibt. Zwei Vertrauenspersonen müssen den Todesfall verifizieren, dann beginnt die digitale Beisetzung.

Auf Death Switch gibt der Inhaber selbst in Intervallen ein Passwort ein – bleibt es aus, wird das Todesprogramm gestartet und die gewünschten Accounts werden gelöscht.