Die Wikipedia gilt als Vorbild für Zusammenarbeit vieler via Internet. Doch etablierte Unternehmen haben Mühe, diesen Erfolg nachzuahmen und Nutzer zur Mitarbeit zu bewegen. Google beispielsweise scheiterte mit Wave daran, das Modell der Kollaboration zu übertragen. Und auch eine Reihe potenzieller Mitbewerber versuchte, entweder Wikipedia selbst nachzubauen, eine bessere Wikipedia zu werden oder schlicht ihre alte Druckenzyklopädie durch Nutzerbeteiligung aufzuwerten.

Ohne Erfolg. Sind die Nutzer schlicht nicht bereit zur Onlinekollaboration?

Fast jeder Surfer nutzt auch Youtube. Doch nur ein Bruchteil der Nutzer lädt dort Inhalte hoch oder beteiligt sich mit Kommentaren oder Wertungen.

In jedem größeren Unternehmen gibt es ein Intranet, um Dokumente über Orte und Abteilungen hinweg zu teilen, gibt es gemeinsam genutzte Ordner auf Netzwerkfestplatten, komplexe Cloud-Anwendungen oder Wikis (auch ZEIT ONLINE hat eines). Dennoch sieht der Büroalltag anders aus. Angestellte schreiben sich lange Mail-Ketten, bearbeiten Dokumente in vielen verschiedenen Versionen gleichzeitig und dadurch immer wieder auch doppelt.

Wave sollte da Abhilfe schaffen. Statt wie bislang verteilt mit verschiedenen Programmen zu hantieren, sollten Menschen an einem Projekt zentral arbeiten können. Wave wollte eine Mischung aus Bürosoftware, Aufgabenmanagement, E-Mail und Notizblock sein. Doch im Sommer 2010 blies Google die angekündigte Revolution des Arbeitens ab und stellte das Experiment ein. Im Anwendertest war es gnadenlos gefloppt. Unbenutzbar, lautete das Urteil. Nur wenige hatten Bedienung oder Sinn der Software überhaupt verstanden.

 Programme werden von Programmierern geschrieben. Naheliegend, dass die ersten Tester solcher Software hohe Kompetenz aufweisen. Doch nicht jeder Internetnutzer ist so technikaffin wie Programmierer und professionelle Betatester. Eine Falle, in die auch Google tappte. Dort gilt der Grundsatz, "you've got to eat your own dogfood" – was übertragen so viel heißt wie: Nutz deine eigenen Produkte. Intern kam Wave bei den Google-Nerds gut an, draußen nicht.

Zwei Nutzertypen ließen sich grundsätzlich unterscheiden, sagt Jochen Prümper, Professor für Wirtschafts- und Organisationspsychologie an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin: "Diejenigen, die sich auf die Benutzung einer Software intensiv vorbereiten und diejenigen, die diese beim Benutzen erlernen." Wobei letztere deutlich in der Überzahl seien.

Nun sind Wikis keine Geheimwissenschaft. Einfach zu verstehen aber ist ihre Struktur auf den ersten Blick auch nicht. Die von der Wikipedia eingesetzte Software MediaWiki verwendet eine spezielle Beschreibungssyntax mit vielen eckigen Klammern, um Funktionen jenseits der reinen Textänderung zu nutzen. Wer an einem Wiki mitarbeiten und das Potenzial ausschöpfen will, muss also zuerst einmal eine neue Sprache lernen. Wer dazu keine Lust hat, bleibt außen vor.