Soziale NetzeFacebook giert nach den Kommentaren

Facebook will seine Kommentare anderen Seiten zur Verfügung stellen. Deren Gewinn ist fragwürdig: Trolle provozierten weiter, die rechtliche Verantwortung ist unklar. von 

Bildschirmfoto des Facebook-Logins

Bildschirmfoto des Facebook-Logins  |  © Nicholas Kamm/AFP/Getty Images

Nicht einmal ein Jahr ist es her, da bot Facebook anderen Websites seinen "Like"-Knopf an . Seitdem können Leser einen Artikel weiterempfehlen, ohne die Seite verlassen und sich bei Facebook einloggen zu müssen. Nun plant der Socialmedia-Anbieter offenbar, auch seine Kommentarfunktion für Dritte zu öffnen. Das berichtet das amerikanische Computermagazin CNET . Innerhalb der kommenden Wochen sollen Medien Facebook-Kommentare auf ihren Seiten einbinden können. Das Unternehmen suche derzeit aktiv nach großen Medienpartnern für den Start. Offiziell bestätigt hat Facebook das Vorhaben noch nicht.

Will eine Nachrichtenseite wie ZEIT ONLINE mit ihren Lesern reden, baute sie dazu bislang ein eigenes Kommentarsystem auf. Was den Vorteil hat, dass sich die Diskussion unmittelbar unter dem Gegenstand der Debatte abspielt, dem betreffenden Artikel. Allerdings ist das aufwändig, es braucht dafür nicht nur Technik, sondern vor allem ein Team, das die Kommentare beobachtet und die Kommentierenden betreut.

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Eine andere Strategie, um mit den Lesern ins Gespräch zu kommen, verfolgen Medien, wenn sie ihre Artikel auf Facebook posten. Dann findet die Diskussion nur im sozialen Netzwerk statt. Für Facebook ist das gut, denn es sammelt fleißig Klicks und Nutzerdaten. Für die Medien macht das bedingt Sinn, denn sie finden im Netzwerk die Aufmerksamkeit neuer Leser, die sie sonst nicht erreichen würden. Allerdings kommen nicht alle von dort auch auf die Nachrichtenseite, was letztlich ja das Ziel werbefinanzierter Medien ist, verdienen sie ihr Geld doch mit Werbebannern und brauchen daher hohe Leserzahlen.

Privatsphäre

Die 2004 gestartete Seite Facebook will nach Aussage ihre Gründers Mark Zuckerberg die Welt offener und vernetzter machen. Das gelingt ihr offensichtlich viel zu gut, gab es doch bereits häufig Proteste, Facebook nötige seine Nutzer zu mehr Offenheit, als diese sich wünschten. So sammelt die Seite E-Mail-Adressen und Telefonnummern auch von Nichtmitgliedern, wenn Mitglieder ihr Adressbuch bei Facebook speichern. Sie nutzt diese Informationen, um Nichtmitglieder zu kontaktieren. Facebook betont, dass dabei keine "Schattenprofile" von Nichtmitgliedern erstellt werden. Der Konzern hat auf den Widerstand seiner Nutzer reagiert und zumindest die möglichen Einstellungen, welche Profilinformationen für wen sichtbar sein sollen, überarbeitet. Auch "Gruppen" wurden eingeführt. Nutzer können ihre Kontakte in solchen organisieren, damit nicht jede Information an alle geht.

Vernetzung

Aufgrund der Struktur der Seite ist es jedoch möglich, Schlüsse über jemanden zu ziehen, die er so nicht beabsichtigt hatte. Allein die als Freunde bezeichneten Mitglieder können durch ihre Interessen beispielsweise nahe legen, dass jemand homosexuell ist, auch wenn er selbst das nicht in seinem Profil angibt. Der hohe Vernetzungsgrad und die vielen verfügbaren Informationen machen es möglich, statistische Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und so neue Schlüsse zu ziehen. Kritiker sagen, das Netzwerk könne beispielsweise für Dissidenten lebensgefährlich sein, da es Gruppenstrukturen durchschaubar mache.

Profil

Wer Facebook nutzen, aber so wenig wie möglich über sich verraten will, sollte beispielsweise keinen Gruppen beitreten und keine persönlichen Interessen wie Musik angeben. Was genau das eigene Profil nach außen sichtbar macht, lässt sich unter anderem bei dieser Seite abfragen. Sie nutzt die offizielle API von Facebook, die Schnittstelle also, durch die externe Firmen Informationen über Mitglieder beziehen dürfen. Wer sich darüber hinaus davor schützen will, dass ihm mit einem gestohlenen Passwort sein halbes Leben abhanden kommt, kann inzwischen beim Login in seinen Account temporäre Passwörter nutzen.

Das geplante Kommentarsystem nun exportiert die Facebookdebatte zurück auf die Website, von der der Text stammt, zumindest optisch. Wer beispielsweise auf den Seiten des Boulevardmagazins People kommentiert, wo das System schon testweise läuft, tut dies letztlich in Facebook, auch wenn die Kommentare – im Facebook-Layout – unter dem Text auf people.com stehen . Das Programm zum einbinden stellt Facebook auf seiner Website bereit

Die Idee: Wer kommentieren will, muss nicht mehr bei der Website ein Profil anlegen, sondern loggt sich mit seinem Facebook-Account ein. Vielen Nutzern ist es lästig, sich für jedes Portal gesondert anzumelden. Eine solche Hürde würde durch "Facebook-Connect" genommen. Wobei Facebook großzügig davon ausgeht, dass die meisten Menschen einen Account bei dem Netzwerk eben schon besitzen. Wie immerhin schon rund 550 Millionen Menschen weltweit. 

Ziel des amerikanischen Konzerns ist es, die gesamte Kommunikation zu übernehmen, vom Login, über die Veröffentlichung von Meinungsbeiträgen, Postings auf bestimmten Facebook-Pinnwänden bis hin zum "Like"-Button. Verlagen oder Bloggern spart das die Mühe, entsprechende Technik aufzubauen und bedenkliche Kommentare herauszufischen.

Das könnte dann Facebook übernehmen, zumindest theoretisch. " Facebook has been refining their troll-slaying comment system ", titelte das Technikblog TechCrunch dazu, "Facebook hat sein Trolle vernichtendes Kommentarsystem verfeinert". Wobei der Konzern nun nicht etwa Hunderttausende Kommentarbetreuer einstellt. Die Annahme lautet: Da sich die meisten Menschen bei dem Netzwerk mit ihrem wahren Namen anmelden, kommentieren sie auch weniger rüde, als wenn sie anonym wären – wie es bei vielen Nachrichtenseiten möglich ist, die wie ZEIT ONLINE pseudonyme Kommentare zulassen.

Leserkommentare
  1. Kann mal irgendjemand bitte den Monstertroll Facebook aufhalten? Danke!

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  2. Deutschland ist nunmal sehr etepetete, was die freie Meinungsäußerung angeht. Was hierzulande bereits als "schlimme Entgleisung" gegeißelt wird, würde im Rest der Welt bei niemandem den Puls beschleunigen.

    Wenn Deutschland endlich lernen würde, dem Einzelnen auch eine Meinung zuzugestehen und sich nicht täglich im Schlamm der Political Correctness suhlen, dann würde es hierzulande vielleicht auch mal vorwärts gehen.

    Dann diskutiert man in deutschen Medien eben gar nicht mehr mit dem Leser. Der STERN hat es schon vorgemacht, die waren es leid, dass die Leser generell anderer Meinung waren und haben ihre Kommentarfunktion ganz abgeschafft. Blöd nur, dass man das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen kann und der STERN nun so leblos wie Googlenews geworden ist.

    Was mich persönlich stört-die teils lächerliche Zensur. Im Fernsehen wird aller Orten "scheiße" gesagt, würde man das in einem Kommentar anbringen, man kann sich sicher sein, der wird gelöscht. Aber manchmal ist das eben genau das richtige Wort.

    Hingegen wird jeder menschenverachtende Mist durchgewunken, solange er politisch korrekt daher kommt. "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen", das kann man sagen. "Arbeitslose aushungern" wäre hingegen pfui, weil das klingt ja so, wie es gemeint ist. Ist aber beides das Gleiche.

    13 Leserempfehlungen
  3. Sami Skalli schreibt:
    »Die Idee: Wer kommentieren will, muss nicht mehr bei der Website ein Profil anlegen, sondern loggt sich mit seinem Facebook-Account ein.«

    Der Login mittels Facebook-Account ist schon seit Jahren möglich über das OpenID-System. (Gängige Web-Software unterstützt das bereits out-of-the-box. Z. B. Drupal, das die Zeit m. W. für ihre Kommentarfunktion benutzt.)

    Facebook dürfte es im Wesentlichen um eine Monopolisierung der Kommentare gehen: Andere OpenID-Anbieter sollen verdrängt werden, Online-Medien sollen abhängig von Facebook werden; ihre Benutzer sollen dazu gedrängt werden, sich bei Facebook zu registrieren.
    Und natürlich ist es auch interessant, wer was schreibt.
    Mit einer bei Facebook gehosteten Kommentarfunktion hätte die US-Firma vollen Zugriff: Die Benutzerprofile würden nocheinmal erheblich feiner.

    4 Leserempfehlungen
  4. Gibt es schon und die komerz Version der Stasi/KGB etc.

    Ein zentralisiertes Kommentarsystem gibt es schon - Disqus, OpenID kann dazu auch benutzt werden.
    Insofern ist der Vorschlag nichts neues.

    Was ich eher bedenklich finde, ist das Unternehmen zu KapitalismusVersionen der Stasi werden - OK, sie inhaftieren nicht und foltern auch nicht, aber sammeln wie verrückt und analysieren um Profile zu erstellen.

    Mir scheint es aktuell ein wenig als ob Unternehmen wie Facebook und Google die Stasi der Moderne sind - anstatt einem Diktator huldigen sie dem Kapital - im Namen des Kapitals wird der Nutzer zum Datensatz der analysiert und kartiert werden muss - und wenn man ein Profil hat, dann kann man es verkaufen.

    2 Leserempfehlungen
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    Zitat:
    "Was ich eher bedenklich finde, ist das Unternehmen zu KapitalismusVersionen der Stasi werden - OK, sie inhaftieren nicht und foltern auch nicht, aber sammeln wie verrückt und analysieren um Profile zu erstellen."

    ...und dann greift der Staat nach diesen Daten und macht den Sack zu.

    Das die Telekom die Verbindungsdaten aufbewahrt hat war auch solange unkritisch, wie der Staat nicht auf die brilliante Idee kam, das ganze zu zweckentfremden...

    Ich sagte es schon öfter und auch gerne wieder:
    - Ein UNTERNEHMEN kann mich ärgern, mich vielleicht auch Geld kosten
    - Der STAAT kann mich in ein Loch werfen und den Schlüssel verlieren
    Das sind komplett unterschiedliche Kategorien, deswegen ist die Datensammelei der Privaten PRIMÄR deswegen gefährlich, weil es Begehrlichkeiten beim Staat weckt.

  5. Was wesentlich schlimmer ist, ist dass es scheinbar Leute gibt die glauben solche Unternehmen bieten diese Dienste aus purer Menschenfreundlichkeit an.
    Sie tun es nicht - Facebook, Google - sie alle existieren für finanziellen Gewinn - sie alle "huldigen dem Kapital", der Nutzer selbst ist nur Ware in dem Moment in dem er sich daran beteiligt, nur eine Statistik.
    Trotzdem werfen Menschen diesen Unternehmen regelmäßig Informationen "in den Rachen"...
    In dem Sinne - während an vielen Orten Google Analytics läuft baut sich Facebook ein verschleiertes "tracking system" auf, eines das nicht direkt funktioniert - aber noch zuverlässiger ist. Like Buttons und nun Kommentarfelder - so lassen sich Interessen noch besser einschätzen als durch die Verweildauer auf einer Seite - dazu noch mit Klarnamen...

    In dem Sinne - gegen Google kann man TrackMeNot einsetzen - das sorgt für unsinnige Suchanfragen.

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  6. sobald eine seite geschaffen wurde, die von usern gut frequentiert wird und die user sich dort ihre vernetzung schaffen, die funktionen einigermaßen brauchbar sind usw. - fängt der dahinter stehende konzern an, das ganze kommerziell auszuschlachten und damit gegen die interessen der user zu verstoßen.
    ich bin an sich gern auf facebook und habe mir dort ein richtig schönes informations- und freundesnetzwerk zusammengebastelt, das mir viel bringt, an informationsgewinn etc. aber die meldungen über facebook-aktivitäten behagen mir ganz und gar nicht. ich habe extreme datenschutzrechtliche bedenken und beginne auch bereits damit, mich damit auseinanderzusetzen und vorzusorgen. so habe ich meinen facebook-account bspw. vor einigen tagen anonymisiert. per ip-adresse bin ich so sicherlich noch zu finden, aber nicht mehr auf die einfache art und weise mit meinem namen. und ob ich das theater dort noch lange mitmachen werde, weiß ich auch nicht. sobald ich eien alternative sehe, werde ich sicherlich dorthin wechseln. einstweilen gefällt mir aber gerade die prinzipielle offenheit und vernetztheit. mit den richtigen verbindungen kommt man auch an die richtigen informationen.

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    • Problem
    • 02. Februar 2011 13:53 Uhr

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