Soziale Netze : Facebook giert nach den Kommentaren

Facebook will seine Kommentare anderen Seiten zur Verfügung stellen. Deren Gewinn ist fragwürdig: Trolle provozierten weiter, die rechtliche Verantwortung ist unklar.
Bildschirmfoto des Facebook-Logins © Nicholas Kamm/AFP/Getty Images

Nicht einmal ein Jahr ist es her, da bot Facebook anderen Websites seinen "Like"-Knopf an . Seitdem können Leser einen Artikel weiterempfehlen, ohne die Seite verlassen und sich bei Facebook einloggen zu müssen. Nun plant der Socialmedia-Anbieter offenbar, auch seine Kommentarfunktion für Dritte zu öffnen. Das berichtet das amerikanische Computermagazin CNET . Innerhalb der kommenden Wochen sollen Medien Facebook-Kommentare auf ihren Seiten einbinden können. Das Unternehmen suche derzeit aktiv nach großen Medienpartnern für den Start. Offiziell bestätigt hat Facebook das Vorhaben noch nicht.

Will eine Nachrichtenseite wie ZEIT ONLINE mit ihren Lesern reden, baute sie dazu bislang ein eigenes Kommentarsystem auf. Was den Vorteil hat, dass sich die Diskussion unmittelbar unter dem Gegenstand der Debatte abspielt, dem betreffenden Artikel. Allerdings ist das aufwändig, es braucht dafür nicht nur Technik, sondern vor allem ein Team, das die Kommentare beobachtet und die Kommentierenden betreut.

Eine andere Strategie, um mit den Lesern ins Gespräch zu kommen, verfolgen Medien, wenn sie ihre Artikel auf Facebook posten. Dann findet die Diskussion nur im sozialen Netzwerk statt. Für Facebook ist das gut, denn es sammelt fleißig Klicks und Nutzerdaten. Für die Medien macht das bedingt Sinn, denn sie finden im Netzwerk die Aufmerksamkeit neuer Leser, die sie sonst nicht erreichen würden. Allerdings kommen nicht alle von dort auch auf die Nachrichtenseite, was letztlich ja das Ziel werbefinanzierter Medien ist, verdienen sie ihr Geld doch mit Werbebannern und brauchen daher hohe Leserzahlen.

Das geplante Kommentarsystem nun exportiert die Facebookdebatte zurück auf die Website, von der der Text stammt, zumindest optisch. Wer beispielsweise auf den Seiten des Boulevardmagazins People kommentiert, wo das System schon testweise läuft, tut dies letztlich in Facebook, auch wenn die Kommentare – im Facebook-Layout – unter dem Text auf people.com stehen . Das Programm zum einbinden stellt Facebook auf seiner Website bereit

Die Idee: Wer kommentieren will, muss nicht mehr bei der Website ein Profil anlegen, sondern loggt sich mit seinem Facebook-Account ein. Vielen Nutzern ist es lästig, sich für jedes Portal gesondert anzumelden. Eine solche Hürde würde durch "Facebook-Connect" genommen. Wobei Facebook großzügig davon ausgeht, dass die meisten Menschen einen Account bei dem Netzwerk eben schon besitzen. Wie immerhin schon rund 550 Millionen Menschen weltweit. 

Ziel des amerikanischen Konzerns ist es, die gesamte Kommunikation zu übernehmen, vom Login, über die Veröffentlichung von Meinungsbeiträgen, Postings auf bestimmten Facebook-Pinnwänden bis hin zum "Like"-Button. Verlagen oder Bloggern spart das die Mühe, entsprechende Technik aufzubauen und bedenkliche Kommentare herauszufischen.

Das könnte dann Facebook übernehmen, zumindest theoretisch. " Facebook has been refining their troll-slaying comment system ", titelte das Technikblog TechCrunch dazu, "Facebook hat sein Trolle vernichtendes Kommentarsystem verfeinert". Wobei der Konzern nun nicht etwa Hunderttausende Kommentarbetreuer einstellt. Die Annahme lautet: Da sich die meisten Menschen bei dem Netzwerk mit ihrem wahren Namen anmelden, kommentieren sie auch weniger rüde, als wenn sie anonym wären – wie es bei vielen Nachrichtenseiten möglich ist, die wie ZEIT ONLINE pseudonyme Kommentare zulassen.

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Es könnte so einfach sein

Deutschland ist nunmal sehr etepetete, was die freie Meinungsäußerung angeht. Was hierzulande bereits als "schlimme Entgleisung" gegeißelt wird, würde im Rest der Welt bei niemandem den Puls beschleunigen.

Wenn Deutschland endlich lernen würde, dem Einzelnen auch eine Meinung zuzugestehen und sich nicht täglich im Schlamm der Political Correctness suhlen, dann würde es hierzulande vielleicht auch mal vorwärts gehen.

Dann diskutiert man in deutschen Medien eben gar nicht mehr mit dem Leser. Der STERN hat es schon vorgemacht, die waren es leid, dass die Leser generell anderer Meinung waren und haben ihre Kommentarfunktion ganz abgeschafft. Blöd nur, dass man das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen kann und der STERN nun so leblos wie Googlenews geworden ist.

Was mich persönlich stört-die teils lächerliche Zensur. Im Fernsehen wird aller Orten "scheiße" gesagt, würde man das in einem Kommentar anbringen, man kann sich sicher sein, der wird gelöscht. Aber manchmal ist das eben genau das richtige Wort.

Hingegen wird jeder menschenverachtende Mist durchgewunken, solange er politisch korrekt daher kommt. "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen", das kann man sagen. "Arbeitslose aushungern" wäre hingegen pfui, weil das klingt ja so, wie es gemeint ist. Ist aber beides das Gleiche.

Idee nicht ganz verstanden

Sami Skalli schreibt:
»Die Idee: Wer kommentieren will, muss nicht mehr bei der Website ein Profil anlegen, sondern loggt sich mit seinem Facebook-Account ein.«

Der Login mittels Facebook-Account ist schon seit Jahren möglich über das OpenID-System. (Gängige Web-Software unterstützt das bereits out-of-the-box. Z. B. Drupal, das die Zeit m. W. für ihre Kommentarfunktion benutzt.)

Facebook dürfte es im Wesentlichen um eine Monopolisierung der Kommentare gehen: Andere OpenID-Anbieter sollen verdrängt werden, Online-Medien sollen abhängig von Facebook werden; ihre Benutzer sollen dazu gedrängt werden, sich bei Facebook zu registrieren.
Und natürlich ist es auch interessant, wer was schreibt.
Mit einer bei Facebook gehosteten Kommentarfunktion hätte die US-Firma vollen Zugriff: Die Benutzerprofile würden nocheinmal erheblich feiner.

Gibt es schon und die komerz Version der Stasi/KGB etc. 1/2

Gibt es schon und die komerz Version der Stasi/KGB etc.

Ein zentralisiertes Kommentarsystem gibt es schon - Disqus, OpenID kann dazu auch benutzt werden.
Insofern ist der Vorschlag nichts neues.

Was ich eher bedenklich finde, ist das Unternehmen zu KapitalismusVersionen der Stasi werden - OK, sie inhaftieren nicht und foltern auch nicht, aber sammeln wie verrückt und analysieren um Profile zu erstellen.

Mir scheint es aktuell ein wenig als ob Unternehmen wie Facebook und Google die Stasi der Moderne sind - anstatt einem Diktator huldigen sie dem Kapital - im Namen des Kapitals wird der Nutzer zum Datensatz der analysiert und kartiert werden muss - und wenn man ein Profil hat, dann kann man es verkaufen.

Das machen dann andere...

Zitat:
"Was ich eher bedenklich finde, ist das Unternehmen zu KapitalismusVersionen der Stasi werden - OK, sie inhaftieren nicht und foltern auch nicht, aber sammeln wie verrückt und analysieren um Profile zu erstellen."

...und dann greift der Staat nach diesen Daten und macht den Sack zu.

Das die Telekom die Verbindungsdaten aufbewahrt hat war auch solange unkritisch, wie der Staat nicht auf die brilliante Idee kam, das ganze zu zweckentfremden...

Ich sagte es schon öfter und auch gerne wieder:
- Ein UNTERNEHMEN kann mich ärgern, mich vielleicht auch Geld kosten
- Der STAAT kann mich in ein Loch werfen und den Schlüssel verlieren
Das sind komplett unterschiedliche Kategorien, deswegen ist die Datensammelei der Privaten PRIMÄR deswegen gefährlich, weil es Begehrlichkeiten beim Staat weckt.

Kombination

"- Ein UNTERNEHMEN kann mich ärgern, mich vielleicht auch Geld kosten
- Der STAAT kann mich in ein Loch werfen und den Schlüssel verlieren"

Wenn aber - wie böse Zungen an der ein oder anderen Stelle bereits munkeln - die UNTERNEHMEN anfangen den STAAT zu kontrollieren, dann ist der Schritt nicht mehr weit zu dem Punkt an dem der Unternehmerstaat seine Informationen nutzt um zu wissen, wo er Sie finden kann, um Sie in ein Loch zu stecken und den Schlüssel zu verlieren.

Das Problem besteht in der Tat

Man betrachte nur Brigitte Zypries's Lex Kopierschutz, mit dem sie das Umgehen "Funktionierender Kopierschutzmaßnahmen" im Auftrage der Contentindustrie kriminalisiert hat (damals bezogen auf den Kopierschutz von CDs)

Das lustige war dann, als das Gesetz fertig war, hatte sich die Industrie vom CD-Kopierschutz schon wieder abgewandt.

Meine Position ist ja auch nicht
"lass die Privaten Sammeln"
sondern
"da der Staat derartige Sammlungen früher oder später Mißbraucht, lasst das Sammeln"