GeheimnisverratWas von Wikileaks übrig bleibt

"Inside Wikileaks" von Daniel Domscheit-Berg erzählt, wie eine aufregende Idee an Größenwahn und Naivität scheitert. Und wird zur Geschichte einer enttäuschten Liebe. von 

Daniel Domscheit-Berg präsentiert sein Buch in Berlin

Daniel Domscheit-Berg präsentiert sein Buch in Berlin  |  © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Das Bild, das wir von Wikileaks hatten, war falsch. Denn die Organisation hinter der Enthüllungsplattform war immer anders, als wir dachten: kleiner, fragiler, mit zunächst lediglich einem einzigen Server, ein Zwei-Mann-Betrieb, bestehend nur aus Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg. Der Hacker und der Organisator. Der geniale Freigeist und der Sinnsucher. Der machtversessene Paranoiker und der pedantische Ingenieur.

Was sie verband, war ein Traum: "In der Welt, von der wir träumten, hätte es weder Chefs noch Hierarchien gegeben, und niemand hätte seine Macht darauf begründen können, dass er anderen Menschen Wissen vorenthielt, das die Grundlage für gleichberechtigtes Handeln gewesen wäre." So schreibt es Daniel Domscheit-Berg in seinem Buch Inside Wikileaks .

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Doch leben konnten sie diesen Traum nicht. Was Assange und Domscheit-Berg auseinandertrieb, war der Streit darum, wer oben und wer unten steht. War der Zwiespalt, welches Wissen sie miteinander teilen und was jeder für sich behalten wollte. War der Konflikt darüber, wer bestimmen sollte, wohin Wikileaks steuert.

Biografie

Daniel Domscheit-Berg (32) studierte von 2002 bis 2005 angewandte Informatik an der Berufsakademie Mannheim. Er arbeitete zunächst bei Electronic Data Systems als Netzwerkingenieur mit Schwerpunkt IT-Sicherheit und WLAN-Technologie.

2007 begegnete Domscheit-Berg Julian Assange, dem Gründer von Wikileaks. Gemeinsam bauten sie die Enthüllungsplattform auf, Domscheit-Berg agierte als einer ihrer Sprecher. Im August 2010 verließ Domscheit-Berg Wikileaks im Streit mit Assange. Er kritisierte dessen autoritären und intransparenten Führungsstil und wurde daraufhin von Assange suspendiert.

Im Dezember 2010 gründete Domscheit-Berg gemeinsam mit weiteren ehemaligen Mitarbeitern von Wikileaks eine eigene Wistleblower-Plattform namens Openleaks. Die Plattform ging Ende Januar 2011 online.

Das Buch

Das Buch von Daniel Domscheit-Berg heißt Inside Wikileaks - Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt und erscheint bei Econ (Ullstein Buchverlage). Aufgeschrieben wurde es von Tina Klopp, die als Redakteurin im Ressort Digital von ZEIT ONLINE arbeitet.

Openleaks

Openleaks ist einen Wistleblowing-Website, die mithilfe eines sicheren Rechnernetzwerkes Dokumente Dritter anonym an Kooperationspartner wie Medien und Nichtregierungsorganisationen vermitteln will. Im Gegensatz zu Wikileaks will Openleaks Dokumente nicht selbst veröffentlichen. Auch will Openleaks keine exklusiven Medienpartnerschaften eingehen. Finanziert werden soll das Projekt aus Spenden.

2007 trafen sich die beiden. Warum sich Assange Domscheit-Berg als Mitstreiter aussuchte, bleibt auch nach mehr als 300 Seiten unklar. Domscheit-Bergs Antrieb nicht: "All die Jahre über hatte meinem Leben etwas Entscheidendes gefehlt: ein Sinn." Vielleicht auch Wertschätzung, Anerkennung. Denn was ist Domscheit-Berg damals? Ein Software-Ingenieur, ausgebildet in Mannheim, Mitarbeiter von Electronic Data Systems: "50.000 Euro – viel zu wenig für meine Arbeit, aber egal." Zufrieden klingt anders.

Dann kommt Assange und das Abenteuer beginnt. Gemeinsam kämpfen sie für ihr Projekt, ertragen kaum besetzte Stuhlreihen während ihrer Vorträge, pferchen sich ein in Daniels Wohnung in Wiesbaden, Stunde um Stunde nebeneinander hockend, den Blick auf den Bildschirm gerichtet, sich abmühend mit alter, schwerfällig arbeitender Hardware, nach außen hin das Bild wahrend, sie verträten eine große und geheime Organisation, für die sie in immer neue virtuelle Persönlichkeiten schlüpfen, mal Pressesprecher, mal Rechtsabteilung spielen. Zwei Großsprecher, zwei Illusionskünstler, die der Welt den Eindruck vermitteln, da sei eine neue, unberechenbare Kraft auf den Plan getreten. Und tatsächlich: Informanten werden auf sie aufmerksam, spielen ihnen sensible Daten zu. Wikileaks feiert die ersten Erfolge.

Was dann kommt, kennt man: Die Bär-Bank , Kenia , die Scientology-Handbücher , der Feldjäger-Bericht zum Bombardement von Kundus, das Irak-Video , die amerikanischen Kriegstagebücher aus Afghanistan, die Irak-Akten , die diplomatischen Depeschen . Dazu das Vorhaben, Islands Gesetze so umzuschreiben, dass dort ein sicherer Datenhafen entsteht. Doch auf dem Höhepunkt des Erfolgs bricht alles zusammen. Streit, Misstrauen, Vorwürfe.

Wer ist schuld, wenn Freundschaften zerbrechen, wenn eine Liebe enttäuscht wird? Das lässt sich nie ganz objektiv erzählen, schon gar nicht von jemandem, der selbst beteiligt ist. Und so liegt die Entscheidung beim Leser: Was glaube ich von dem, was Domscheit-Berg berichtet und ZEIT-ONLINE-Redakteurin Tina Klopp für ihn aufgeschrieben hat?

Leserkommentare
  1. Hier lesen wir vom schon vollzogenen Untergang Wikileaks aufgrund welcher Informationsquellen?
    Den Aussagen eines Mitstreiters, der sich enttaeuscht zurueckgezogen hat, aus welchen Gruenden auch immer.

    Wo bitte ist die Absicherung durch multiple Quellen, wo kommt die andere Seite zur Sprache, wo ist die kritische Analyse der Behauptungen und Erfahrungen von Herrn Domscheid-Berg?

    Wie soll sich der ZEIT Leser eine freie und unabhaengige Meinung bilden, wenn die ZEIT Redaktion seit Wochen nur ueber Tratsch und Schattenseiten von Wikileaks berichtet?

    Hoechstens durch aufmerksames Lesen der meist exzellenten Kommentare, die mit ihren vielen links und kritischen Bemerkungen die Nebelwand der Redaktion durchleuchtet.

    Oder durch internationale Presse wie Guardian, El Pais, Le Monde, New York Times.

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    .... ist es doch etwas albern aufgrund einer Buchveröffentlichung eines ehemaligen Mitarbeiters der (angeblich) die Wahrheit aufdeckt vom Untergang zu sprechen.
    Welche Motive auch immer dahinter stecken: Meinung und Weltsicht sind immer subjektiv-konstruiert und ohne die Sicht der Gegenseite ist solch ein Urteil einfach unsinnig. Aber macht halt Schlagzeilen...

    Den Kommentaren zu urteilen, ist jede Art von Kritik an der neuen Liebe "Wikileaks" unerwünscht. Und ich dachte, die Idee von Wikileaks basiert auf der Idee, dass alles hinterfragt und kritisiert werden darf.

    <em>Wie soll sich der ZEIT Leser eine freie und unabhaengige Meinung bilden, wenn die ZEIT Redaktion seit Wochen nur ueber Tratsch und Schattenseiten von Wikileaks berichtet?</em>

    Interessant, aber meinen Sie wirklich, irgend jemand kann kann sich in dieser neurotischen und manipulierten Gesellschaft eine freie und unabhängige Meinung bilden? Da hilft m. E. auch kein aufmerksames Lesen der Kommentare im Forum, die mit ihren vielen Links und kritischen Bemerkungen, die Nebelwand der Redaktion durchleuchtet. Ob die Kommentare "exellent" sind, möchte ich aber ernsthaft bezweifeln!

    <em>"„Die Wahrheit ist das Kostbarste, was wir haben. Gehen wir sparsam damit um!"</em> (Mark Twain, amerik. Autor 1835 - 1910)

    • PALVE
    • 11. Februar 2011 8:05 Uhr

    ...leben länger.
    In diesem Sinne laßt uns gespannt sein.

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    • Buh
    • 22. Februar 2011 11:32 Uhr

    zudem ist es doch einfach zu offensichtlich. Selbstverständlich wird jemand, der zusammen mit vielen Mitarbeitern versucht, Geheime Machenschaften unserer Eliten aufzudecken, von eben diesen fertig gemacht. Wegen seiner Arbeit für Wikileaks ist er mittlerweile zum Vergewaltigen, Neurotiker und Diktator über Mitarbeiter geworden.

    Ich glaube kein Wort mehr den Medien, die über Geheimtreffen zb der Bilderberger schweigen und sich über Geheimnislüfter wie Assange das Maul zerreißen.

    Wir brauchen mehr Assanges auf dieser Welt. Geheimnisse sind nur in einem kleinen Rahmen demokratisch legitimiert. Die Wählerschaft muss alle relevanten Informationen zur Wahlentscheidung bekommen. Das ist nicht der Fall. Und das auch wegen unfreien Zeitungen wie zb der Zeit.

  2. .... ist es doch etwas albern aufgrund einer Buchveröffentlichung eines ehemaligen Mitarbeiters der (angeblich) die Wahrheit aufdeckt vom Untergang zu sprechen.
    Welche Motive auch immer dahinter stecken: Meinung und Weltsicht sind immer subjektiv-konstruiert und ohne die Sicht der Gegenseite ist solch ein Urteil einfach unsinnig. Aber macht halt Schlagzeilen...

    • chamsi
    • 11. Februar 2011 9:19 Uhr

    mehrfach ganz konkrete Beispiele für paranoides Verhalten
    von DB beschrieben.
    Warum spricht man bei Assange immer von einem
    "größenwahnsinnigen Paranoiker" ?
    Gegen Assange liegen immerhin etliche Beweise für seine
    berechtigte Furcht in TVAufrufen zu seiner Hinrichtung vor.
    Kann mich nicht erinnern, dass DB jemals außerhalb
    der BRD Erwähnung gefunden hat.
    Er kommt mir größenwahnsinnig vor, wenn er sich als
    "Mitbegründer" ausgibt und die Paranoia wurde ja
    zutreffend von von Klopp dokumentiert.
    Es wird hier erneut sehr tendenziös zugunsten
    von DB mit der Wahrheit umgegangen.

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    ... wird ueber Domscheit-Berg schon berichtet, allerdings wird er nicht mit seiner "Wikieaks ist am Ende" Meinung zitiert, sondern der Fokus liegt darauf, dass er Daten von wiki-leaks mitgenommen hat.

    El País:
    "Excolaboradores de Assange robaron documentos secretos antes de abandonar Wikileaks" (Ex-Mitarbeiter von Assange haben Geheimdokumente gestohlen bevor sie Wikileaks verlassen haben)
    http://www.elpais.com/articulo/internacional/Excolaboradores/Assange/rob...

    Guardian:
    "WikiLeaks threatens legal action against Daniel Domscheit-Berg"
    http://www.guardian.co.uk/media/2011/feb/10/wikileaks-legal-action-danie...

    NY Times:
    "WikiLeaks Angry About Ex-Staff Member’s Book"
    http://www.nytimes.com/2011/02/11/world/europe/11wikileaks.html?_r=1&scp...

    Die grosse Relevanz von Daniel Domscheit-Berg die ihm in Deutschland beigemessen wird, scheint auch damit zusammenzuhaengen, dass er Deutsch spricht.

  3. Zeit, die ganzen Artikel für und wider eines Sterbens zu studieren, um eventuell ein Bild zu erhalten, mich für die eine oder andere vermutete Feststellung zu entscheiden.
    Was jedoch ohne großes Studium der Artikel um wikileaks klar und deutlich herausspringt --- es geht den JournalistInnen nicht um Inhalte --- es geht um Montage und Demontage von Trends. Ok, positiv formuliert, könnte es auch als Gesellschaftsblick auf Strömungen und Zeitgeist gesehen werden, mit dem glaskugligen Gehabe von: was wird es in der Zukunft sein.
    Wie flehentlich wurden hier und anderswo an deutsche Medien das Bedürfnis gerichtet, die Inhalte der Cables zu analysieren, aufzubereiten und lesefähig, zusammenhängend zu bringen --- nichts.
    Mir ist es ziemlich wurscht, ob da hundert oder zwei dran arbeiteten, 1 oder 10 Server aufgestellt waren. Das Prinzip hat funktioniert.
    Wichtig ist sicherlich auch die Auseinandersetzung der Struktur solch einer Unternehmung - Nichtstruktur, Chaos und emotionale/irrationale Handlungsweisen allerdings sind perse nicht hinderlich oder schlimm. Nicht jede/r will sich unsicheren Strukturen oder stetig wandelnden hingeben, oder kann darin nicht arbeiten -- aber das kann doch einfach so gesagt werden: ich kann so nicht arbeiten, habe eine andere Arbeitsethik, andere Umsetzungsideen. Das muss in ein ganzes Buch - zu einer Zeit, in dem der Widerpart klar und deutlich außerhalb der gesellschaftlichen Mitte gedrängt wurde/mit eigenen Zutun.

  4. Wenn Domscheit-Berg wirklich ein wichtiger Mitinitiator von Wikileaks war, warum sitzt dann nur Assange mit einer Fussfessel in London, verfolgt von verschiedensten Behörden/Geheimdiensten, mit Morddrohungen von amerikanischen Politikern am Hals...während Domscheit-Berg völlig unbehelligt bleibt.

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    .... vielleicht ja deswegen, weil Herr Domscheit-Berg niemanden mutmaßlich vergewaltigt hat?

    Na, weil nur Assange die beiden Schwedinnen auf schwedisch vergewaltigt hat.

    • dacapo
    • 11. Februar 2011 21:13 Uhr

    Es ist doch schon ziemlich verwunderlich, was für ein Held der Assange für viele ist. Aber das mag man hinnehmen, aber dass Misstrauen nur als Einbahnstrasse benutzt wird, ist doch ziemlich bedenklich, heutzutage.

    • Odine
    • 11. Februar 2011 10:06 Uhr

    wenn auch der letzte Leser bemerkt, dass die publizierten Informationen weder objektiv noch investigativ sind …

    Für seinen persönlichen Kreuzzug, gegen das Böse, wünsche ich Herrn Polke-Majewski weiterhin viel Erfolg <ironie off>.

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  • Schlagworte Julian Assange | Afghanistan | Aussteiger | Hacker | Hardware | Kenia
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