WikileaksSchreiben über das Geheimnis

Daniel Domscheit-Berg hat seine Geschichte mit Wikileaks erzählt. Tina Klopp berichtet aus einer Geheim-Welt großer Kommunikationsprobleme und voller Verschwörungssorgen. von 

Daniel Domscheit-Berg, hier während einer Demonstration anlässlich des Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar

Daniel Domscheit-Berg, hier während einer Demonstration anlässlich des Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar  |  © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Wie sehen Spione aus? Kurz keimt auch in mir ein Verdacht, als der so auffällig Unauffällige neben Daniel Domscheit-Berg und mir Platz nimmt. Hat der Fremde uns gerade belauscht? "Das Gleiche wie immer?" Die Bedienung entlarvt ihn. Ein Stammgast, keinesfalls ein heimlicher Beobachter, ausgesandt, um Daniel zu observieren.

Es ist eines unserer ersten Treffen im November 2010. Kurz zuvor habe ich die Aufgabe übernommen, Daniels Geschichte in dem Buch Inside Wikileaks aufzuschreiben. Mehrere Wochen lang werde ich fast jeden Tag mit ihm korrespondieren, viele Tage in seiner Küche sitzen, Fragen stellen, kritische Formulierungen besprechen. Neunzehn  Stunden Tonbandaufnahmen entstehen in dieser Zeit. Ich lerne, dass die Geschichte von Wikileaks nicht nur die einer neuartigen Enthüllungsplattform im Internet ist. Es ist auch die Geschichte zweier Männer, die einst engste Freunde waren, und die auf dem Höhepunkt ihres Erfolges miteinander brachen. Es geht um Loyalitäten und um die Verlockungen von Ruhm und Macht.

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Biografie

Daniel Domscheit-Berg (32) studierte von 2002 bis 2005 angewandte Informatik an der Berufsakademie Mannheim. Er arbeitete zunächst bei Electronic Data Systems als Netzwerkingenieur mit Schwerpunkt IT-Sicherheit und WLAN-Technologie.

2007 begegnete Domscheit-Berg Julian Assange, dem Gründer von Wikileaks. Gemeinsam bauten sie die Enthüllungsplattform auf, Domscheit-Berg agierte als einer ihrer Sprecher. Im August 2010 verließ Domscheit-Berg Wikileaks im Streit mit Assange. Er kritisierte dessen autoritären und intransparenten Führungsstil und wurde daraufhin von Assange suspendiert.

Im Dezember 2010 gründete Domscheit-Berg gemeinsam mit weiteren ehemaligen Mitarbeitern von Wikileaks eine eigene Wistleblower-Plattform namens Openleaks. Die Plattform ging Ende Januar 2011 online.

Das Buch

Das Buch von Daniel Domscheit-Berg heißt Inside Wikileaks - Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt und erscheint bei Econ (Ullstein Buchverlage). Aufgeschrieben wurde es von Tina Klopp, die als Redakteurin im Ressort Digital von ZEIT ONLINE arbeitet.

Openleaks

Openleaks ist einen Wistleblowing-Website, die mithilfe eines sicheren Rechnernetzwerkes Dokumente Dritter anonym an Kooperationspartner wie Medien und Nichtregierungsorganisationen vermitteln will. Im Gegensatz zu Wikileaks will Openleaks Dokumente nicht selbst veröffentlichen. Auch will Openleaks keine exklusiven Medienpartnerschaften eingehen. Finanziert werden soll das Projekt aus Spenden.

Daniels Welt ist noch immer eine geheime, auch zwei Monate, nachdem er bei Wikileaks ausgestiegen ist. Immerhin interessieren sich Leute für ihn, denen nicht lieb sein kann, wenn ein so intimer Kenner der inneren Vorgänge auspackt. Und interessant ist er vielleicht auch für den amerikanischen Geheimdienst, der schon länger nach Mitteln und Wegen sucht, seines früheren Mitstreiters Julian Assange habhaft zu werden.

Als ich Daniel das erste Mal auf dem Mobiltelefon anrufe, um ein Detail nachzufragen, schimpft er mich aus. Jedes Telefon sei hackbar, jedes Handy könne zum Mitlauschen verwendet werden. Also chatten wir uns durch viele kniffelige Fragen. Den nächsten Rüffel fange ich mir ein, als ich ihm eine wichtige Frage per E-Mail zukommen lasse: "Gmail ist das Schlimmste, spinnst du!" So einfach müsse man es dem amerikanischen Geheimdienst nun wirklich nicht machen. Ich bin beschämt.

Geheimhaltung bestimmt alle unsere Arbeitsabläufe. Daniel besucht mich, wir wollen nur kurz etwas im Supermarkt kaufen. Als ich mit Winterjacke und Schlüssel in der Tür stehe, zeigt er vorwurfsvoll auf mein Notebook. Wie ich den Rechner einfach so in meinem Zimmer lassen könne, ungesperrt. Denkt er wirklich, jemand würde zu mir in den 4. Stock schleichen, um mein altes Notebook zu stehlen? Ja, das denkt er. Daniel nimmt seine beiden Rechner immer mit, egal, wo er hingeht. In seiner Wohnung würde er am liebsten einen massiven Tresor einbauen. Einmal, als er mir etwas besonders Heikles mitteilen will, tritt er schnell an meinen Rechner, öffnet eine Seite im Notizprogramm und tippt hinein. Als er sicher ist, dass ich den Text gelesen habe, löscht er ihn sofort.

Daniel weiß, dass er mit seinem Buch viele Fans von Wikileaks gegen sich aufbringen wird. Es ist ja ein Problem, mit dem er sich selbst lange gequält hat: Dass er, indem er den Schleier über Wikileaks lüftet, eine Idee beschädigt, die er für genial und gesellschaftlich sinnvoll hält. Aber diese Idee rechtfertigt nicht alle Mittel. Und weil Wikileaks mittlerweile ein Phänomen der Popkultur ist, gilt es, möglichen Verschwörungstheorien so gut es geht vorzubauen. Selbst dass der Econ-Verlag, der Inside Wikileaks herausbringen wird, und als Teil des Ullstein-Verlags zur gleichen Unternehmensgruppe gehört wie die schwedische Zeitung, die damals die Ermittlungen wegen Julians Assanges Vergewaltigungsvorwurf an die Öffentlichkeit brachte, könnte da zum Problem werden.

Leserkommentare
  1. nur ein Test

    • cvnde
    • 10. Februar 2011 10:47 Uhr

    Wer steckt denn hinter solchen Filtern wie OL?

    Ein kleiner "IT-Hansel", dessen Frau beim größten und meistbekämpftesten Software-Produzenten der Welt arbeitet.
    Einem Unternehmen, dass nun eher für seine fehlerhalfte Software bekannt ist, als für große Offenheit und "Bürgernähe".

    Nein ich habe nichts gegen intelligente und vernünftige "Nerds".

    Die Macht WLs bestand doch darin, dass es ihr möglich war auf einer eigenen Plattform Daten zu veröffentlichen und diese nicht nur weiter zu reichenn.

    Dies will OL erstmal nicht, sondern es wird erstmal nur gesaugt und sortiert und dann an mögliche Vwerwerter herausgegeben.

    Was die damit, dann machen ist wieder deren Sache.
    Ergo ich habe einen Filter und dahinter steht der größte Softwarekonzern der Welt.

    Das jemand nun gerade im Bereich dieser "Communities" mit einer Person aus dem gehobenen Management von Microsoft liiert ist, wirkt nun nicht gerade vertrauenserwckend.

    Da würde ich eine Schaufel nehmen und zu graben anfangen.
    Besonders, wenn man bedenkt, dass Microsoft seine Zukunft in der "Cloud" sieht.

    Antwort auf "oehm...."
  2. 20. @chamsi

    ist mir Julian Assange nur noch sympathischer und
    glaubwürdiger geworden.
    Im Nachhinein ist es sehr gut verständlich, dass
    Assange kein Vertrauen mehr zu DB hatte.
    Das heutige Verhalten von DB zeigt, dass Assange ihn vollkommen richtig eingeschätzt hat.

    Genau dasselbe ist mir auch durch den Kopf gegangen!

    • cvnde
    • 10. Februar 2011 11:17 Uhr

    Die "brute force" Variante geht immer, wenn ein "allmächtiger Staat" was gegen mich unternehmen will, dann etc..

    Daran merkt man doch welcher "Hype" hier durch WL ertzeugt wurde.

    Das "normale Whisleblowing" spielt sich nicht in Bereich von Krieg und Fieden und auch nicht im Bereich von internationaler Diplomatie ab, sondern in den Bereichen der Wirtschaft, der Verschwendung von Steuergeldern und schlechter Amtsführung ab.

    Beispiele: AWD, KIK, ARGEN, Bahn, Schwarzgeld, Schrott-Immos etc.

    Da brauchen sie solche "communities" nicht, da brauchen sie Zugang zu Leuten die was mit dem Material anfangen können.

    Das die entsprechenden "Postkästen" brauchen ist wieder eine andere Sache.

    Wobei man natürlich drauf achten muss, dass diese Kästen von "Sopam" freigehalten werden müssen ist auch wieder klar, nur dass kann wiederum nur eine professionelle Redaktion leisten und nicht eine Vereinigung wie OL.

    Eine Alternative hat die WAZ-Gruppe schon eingerichtet.

    Antwort auf "dann..."
  3. Lieber Chamsi!

    Vielen Dank für dieses Statement.

    Die Rolle von Frau Tina Klopp ist mir nicht ganz klar. Denn sie wird in anderen Quellen als Co-Autorin des Buch von DB genannt und ist aber gleichzeitig Redakteurin bei " Der Zeit".

    Ganz interessant im Zusammenhang mit den Äusserungen von DB und der Gegendarstellung von Wikileaks ist folgende Quelle, woraus der vollständige Text der Erklärungen zu entnehmen ist.

    http://blogs.forbes.com/a...

  4. 23. Sorry

    Da war doch das "r" zuviel. Verzeihung.

  5. dafür bräuchte es einen Keylogger - wenn sie ihren Computer nie an das Internet Anschließen und nur ausgewählte Programme installieren sind sie davor relativ sicher.

    -> Wie gesagt, relativ, absolute Sicherheit gibt es nicht.

    Antwort auf "Sich schützen"

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  • Schlagworte Julian Assange | Auswärtiges Amt | Chat | Econ Verlag | Geheimdienst | Island
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