Die Enthüllungsplattform Wikileaks ist am Ende, das zumindest sagt das ehemalige Mitglied Daniel Domscheit-Berg. "Wikileaks scheint nicht mehr richtig zu funktionieren", sagt der ehemalige deutsche Sprecher der Organisation im Gespräch mit ZEIT ONLINE, die Organisation könne ihre Geheimdokumente und Informanten nicht mehr zuverlässig schützen. "Ich kann mir schwerlich vorstellen, wie es noch weitergehen soll."

Am Dienstag waren erste Auszüge des noch nicht veröffentlichten Buchs Inside Wikileaks von Domscheit-Berg auf der Whistleblower-Seite cryptome.org aufgetaucht. Aus den geleakten Auszügen geht hervor, dass Domscheit-Berg viele Dokumente an sich genommen hat, die Wikileaks von Whistleblowern zur Verfügung gestellt worden waren. Er habe sie an einem sicheren Ort untergebracht, als er die Organisation im vergangenen August im Streit mit Julian Assange verließ.

Als Begründung schreibt er den offensichtlich gegen Assange gerichteten Satz: " Children shouldn' play with guns. " Kinder sollten nicht mit scharfen Waffen spielen, deshalb habe man die Plattform zum Anliefern von Dokumenten "Julians Kontrolle entzogen". Sie sei technisch so unsicher, dass man so die Quellen habe schützen müssen. "Wikileaks konnte ihre Sicherheit nicht mehr garantieren." Die Plattform habe nicht einmal mehr eine verschlüsselte Website.

An eine Veröffentlichung der Inhalte auf OpenLeaks , dem neuen Enthüllungsprojekt von Domscheit-Berg, sei aber nicht gedacht. Ähnlich äußerte er sich auch in einer Diskussionsrunde bei der Böll-Stiftung am Dienstagabend .

Wesentliche Funktionen von Wikileaks seien seit September "nicht mehr aktiv", berichtet auch der Stern und zitiert ebenfalls aus dem Buch, das am Freitag in Deutschland erscheinen soll.

Dokumente der Bank of America, deren Veröffentlichung Assange wiederholt angekündigt hat, sollen nicht zu dem Material gehören. Die Bankdaten seien älter und nach seiner Einschätzung "auch völlig unspektakulär", sagte Domscheit-Berg dem Stern .

Update: In einem Kommentar auf netzpolitik.org vom Mittwochvormittag nimmt Domscheit-Berg Stellung zu dem Vorwurf, er habe Dokumente gestohlen, die bei Wikileaks eingereicht wurden, und wolle sie selbst verwenden. Domscheit-Berg zitiert einen Auszug aus seinem Buch, in dem er beschreibt, dass es Wikileaks bislang nicht gelungen sei, eine sichere Umgebung für die Daten herzustellen: "Wir warten bis heute darauf, dass Julian die Sicherheit wiederherstellt, damit wir ihm auch das Material zurückgeben können, das auf der Submission-Plattform lag. Es wird derzeit sicher verwahrt. Wir haben an dem Material kein Interesse, auch für OpenLeaks werden wir es nicht verwenden. Wir werden es Julian aber erst wieder zurückgeben, wenn er uns nachweisen kann, dass er es sicher aufbewahren kann und damit sorgfältig und verantwortungsvoll umgeht."

Das vollständige Interview mit Daniel Domscheit-Berg zu den Gründen seines Ausstiegs bei Wikileaks, seiner Freundschaft mit Julian Assange und seiner Einschätzung der gegenwärtigen Lage des Enthüllungsprojekts lesen Sie hier .