Spaßguerilla – in Berlin demonstrierten vermeintliche Guttenberg-Fans, um sich über die echten lustig zu machen © Sean Gallup/Getty Images

Claqueure kaufen? Im Netz kein Problem: Seit 2009 bietet die Werbeagentur Usocial an , für jede beliebige Facebookseite Fans zu liefern, solange der Kunde nur bezahlt. Je mehr, desto billiger.

So kosten dort 4000 Fans 555,30 Dollar also 13,9 US-Cent pro Stimme, wer dagegen gleich 250.000 Facebook-Fans abnimmt , bezahlt 9000 Dollar, für jeden Fan also nur noch 3,6 US-Cent. Verglichen mit Werbung im TV oder in Printmedien ist das ein spottbilliger Kundenkontakt.

Denn darum geht es letztlich: Werbung. Die Anzeige wird dabei nicht zum Kunden gebracht und ihm auf irgendeiner Seite präsentiert, sondern der Kunde wird zur Anzeige gelenkt. So zumindest sehen es die Anbieter, die damit Geld verdienen und die Firmen, die dafür bezahlen. Pay per Fan heißt das Geschäftsmodell und Usocial ist längst nicht der einzige , der es einsetzt.

Facebook selbst hat offensichtlich nichts dagegen. Zwar ging das Unternehmen 2009 wegen des Verstoßes gegen die Geschäftsbedingungen gegen Usocial vor , doch habe man sich geeinigt, hieß es damals. Und es gäbe solche Angebote wohl kaum, wenn die Plattform, auf der sie geschehen, sie nicht tolerierte.

Auch einen Namen hat das Phänomen erzeugter Aufmerksamkeitsströme, es wird Astroturfing genannt. Der Begriff kommt aus den USA, wo politische Bewegungen von unten – sogenannte Grassroots-Movements – seit je großes Gewicht haben. Da sie in diesem Fall künstlich geschaffen werden, hat sich als Name der eines in den USA bekannten Kunstrasens eingebürgert: Astroturf .

Technisch gibt es dafür verschiedene Wege. Offiziell heißt es immer, die Fans machten freiwillig mit, es seien Menschen, die in ihren Profileinstellungen angegeben hätten, Werbung für bestimmte Themen und Produkte erhalten zu wollen. Die Agentur verschickt an sie invites , also Einladungen für die gebuchten Seiten und die Profilinhaber nähmen diese dann an – echte, lebendige Nutzer also.

Doch ist das wohl nicht der einzige Weg. Professioneller und ethisch bedenklicher ist das Generieren von Fan-Gruppen, die aus künstlichen Profilen bestehen. Ein Leak der Gruppe Anonymous legt nahe, dass es diese Techniken durchaus gibt und dass solche Gruppen professionell gesteuert werden .

Laut internen Dokumenten der US-Sicherheitsfirma HB Gary Federal wird dabei eine Persona-Management-Software benutzt. Diese meldet künstliche Identitäten bei Twitter und ähnlichen Diensten an, damit sie später für Kampagnen eingesetzt werden können. Neu ist das Verfahren nicht, Gemeinschaften wie Wikipedia kennen solche Profile unter dem Namen Sockenpuppe . Neu jedoch ist die Automatisierung.

Auf Facebook lässt sich mit solchen Zombieprofilen durchaus etwas anfangen. Denn die Entscheidung, ob ein Nutzer einer Gruppe beitritt, wenn er eingeladen wird, hängt auch davon ab, ob diese Gruppe besonders beliebt ist.

Für normale Nutzer ist es außerdem schwer zu durchschauen, ob tote Profile eingesetzt werden. Sogar für Facebook selbst ist das nicht unbedingt ersichtlich. War die Anmeldung des Profils sauber, kamen also nicht Zehntausend Anmeldungen von ein und derselben IP-Adresse, kann das Netzwerk nicht viel ausrichten. Die Beobachtung, dass auf einem Profil nichts passiert und es keine Freunde hat, genügt da nicht, das trifft durchaus auch auf echte Nutzer zu.