Abschied von Karl-Theodor zu Guttenberg als Verteidigungsminister in Berlin © Andreas Rentz/Getty Images

Wenn Eduard Zimmermann das noch erlebt hätte: Als Deutschlands oberster Fernsehpolizist 1967 das Format Aktenzeichen XY erfand, konnte er noch nicht wissen, wie das Internet die öffentliche Fahndung voranbringen würde. Zum Beispiel mit GuttenPlag , der ersten netzgetriebenen Verbrecherjagd auf Wiki-Basis.

Mit GuttenPlag ist erstmals ein Bundesminister von einer Crowd aus dem Amt befördert worden, die sich im Internet zusammengefunden hatte. Dort zerlegten Freiwillige einen Text, den Karl-Theodor zu Guttenberg als Dissertation eingereicht hatte, in seine geklauten Einzelteile. Es war ein Triumph des Schwarms.

Natürlich gibt es für öffentliche Ermittlungen im Netz viele Beispiele. Die Polizei von Seattle etwa schreibt gestohlene Autos per Twitter zur Fahndung aus . Der britische Guardian ließ Hunderttausende Spesenabrechnungen britischer Abgeordneter von seinen Lesern prüfen. Und nicht zuletzt funktionieren viele Watchblogs nach dem Prinzip Öffentlichkeitsfahndung – leider oft in dem von Aktenzeichen XY gepflegten unangenehmen Polizeijargon ("sachdienliche Hinweise").

Das besondere an GuttenPlag ist sein Erfolg. Selbst jetzt noch doktern die Fahnder an den Details der Abschreiberei herum. Der Befund war schon am 1. März vernichtend: Auf 76,34 Prozent stand da der Klau-Zähler. Aber bei GuttenPlag will man es genau wissen, exakt bis in die zweite Nachkommastelle. Die Energie, die die Hobbyermittler aufwenden, könnte vermutlich noch ein Dutzend weitere Plagiatsjagden zum Erfolg führen.

Umso erstaunlicher ist, dass es anderen, ähnlichen Projekten gar nicht gut geht. PlagiPedi etwa hatte angekündigt, eine Liste von Doktorarbeiten deutscher Spitzenpolitiker und -manager abzuarbeiten. Und das Saif Al-Islam Gadhafi Thesis Wiki rief auf, die PhD-Arbeit des libyschen Diktatorensohns auseinander zu nehmen. Nach kurzer Anfangseuphorie passiert nicht mehr viel auf diesen Plattformen. Warum ist das so?

Bei Gadhafi liegt das an der aktuellen politischen Situation in Libyen. Das Problem, dass Gadhafi ein akademischer Hochstapler ist, nimmt sich etwas läppisch aus angesichts der Tatsache, dass er derzeit vor allem als brutaler Gegner einer Befreiungsbewegung auftritt.

PlagiPedi indes hat andere Schwierigkeiten: Ohne Not hat sich die Plattform eine lange Fahndungsliste aufgehalst und den Crowd-Vorteil des Internets – viele User, eine Aufgabe – damit selbst neutralisiert. Schlagkräftig ist das Netz zudem, wenn es Dinge untersuchen kann, die sich in der digitalen Sphäre befinden. Dissertationen aus den siebziger Jahren – PlagiPedi listet etwa Gregor Gysis und Wolfgang Schäubles – sind aber ohne Netz entstanden. Sie gründen auf Sekundärquellen, die vermutlich noch offline sind. Solche Recherchen sind auch in Crowdsourcing-Zeiten extrem mühsam. Und es fehlt an Motivation, wenn nicht mal ein Anfangsverdachts besteht.