Adobe-Museum Netzkunst in digitaler Architektur
Das erste offizielle Internet-Museum punktet weniger mit formalem Einfallsreichtum bei der Präsentation, als mit unterhaltsamer Netzkunst. Von Julian Doepp
© Adobe

Der Streifzug durch das Adobe Museum beginnt mit einem Mausklick
Wer das Adobe Museum of Digital Media besuchen will, braucht lediglich einen Browser. Das AMDM ist das erste offizielle Internet-Museum – ganz ohne Wärter und durchgehend geöffnet. Dahinter steht das kalifornische Unternehmen Adobe Systems, vor allem bekannt für Software wie Photoshop oder für das PDF-Format.
Die Website will jedoch mehr sein als eine Plattform für Kunst im Netz. Die Macher nehmen das Wort 'Museum' ernst.
So zeigt sich das AMDM als virtuelles Gebäude. Drei riesige, organisch anmutende Türme hat der Architekt Filippo Innocenti entworfen. Wie Kornähren winden sie sich umeinander. Ein Trailer führt vor, wie sich der futuristische Museumsbau in bekannte Stadtbilder einfügt – New York, Venedig, Paris. In der realen Welt würde das Gebäude 57.680 Quadratmeter Ausstellungsfläche bieten, mehr als die Tate Modern in London.
Leider lässt das Internet eines vermissen: Nach wie vor besitzt es keine materielle Außenseite. Und so bleibt das vermeintliche Gebäude eher sinnfreie Metapher. Zwar betritt der Besucher ein virtuelles Atrium. Hier rotieren an einer Art Litfaßsäule die Ausstellungsplakate, die es anzuklicken gilt. Das Design aber erinnert eher an die Coverflow-Funktion, wie sie etwa Apple für die Anzeige von Alben-Cover bei iTunes verwendet.
Was das Projekt auszeichnet, sind andere Dinge. Es ermöglicht, Kunst spielerisch zu erleben. Wie bei Kindern, die ein technisches Museum besuchen, steht eines im Mittelpunkt: Knöpfe drücken und sehen, was passiert. Das Adobe Museum kultiviert die Freude am Mausklick.
Die erste große Ausstellung, Valley, kommt von dem US-Videokünstler Tony Oursler. Sie beginnt mit einem handgemalten Menü, das zu verschiedenen Exponaten führt. Hier kann der Besucher mit der Maus dreidimensionale Gesichter verzerren, kann Kuchendiagramme tanzen oder Einkaufswagen explodieren lassen. Und immer wieder poppt ein kreisrundes Clownsgesicht auf, das per Klick kryptische Kommentare von sich gibt. Eine unterhaltsame Geisterbahn im Internet.
Die zweite Eröffnung war ursprünglich für April geplant. Auf einer kleinen japanischen Insel hat die Künstlerin Mariko Mori zwei Skulpturen errichtet, die auf Sonne und Gezeiten reagieren. Tida Dome erweitert diese Installation ins Internet. In einem kurzen Text gibt Mori jedoch bekannt, wegen der tragischen Katastrophen in Japan habe sie sich entschieden, ihr Werk zu vertagen.
Dem derzeitigen Kurator, Tom Eccles, sollen Größen aus Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft folgen: Ein interdisziplinärer Ansatz, der auch Kommentare zu den Ausstellungen und Vorträge einschließt. Die Vorlesung über Web-Design, die sich bereits online findet, bietet aber kaum mehr als ein linear ablaufendes Video.
Menüstruktur, Coverflow, Videos – von formaler Innovation kann kaum die Rede sein. Dennoch zeigt das Adobe Museum, dass der Traum von der interaktiven Kunst nicht ausgeträumt ist. Wieder einmal kehrt die schon öfter totgesagte Netzkunst zurück. Den Netzkünstlern der 1990er Jahre ging es jedoch inhaltlich noch darum, Medienkritik zu üben. Adobe hingegen will neutral untersuchen, wie digitale Medien unsere Welt formen.
Ein weiterer Unterschied: Die net.art war auch ein Versuch, sich dem kommerziellen Kunstmarkt zu entziehen. Denn Netzkunst ist immateriell und kennt keine Originale. Mit klassischen Werken, etwa von jodi.org, ließ sich mithin schwerlich Geld verdienen. Ganz anders das Adobe Museum of Digital Media: Hier ist die Netzkunst im Mainstream angekommen. Was den ganz direkten Vorteil hat, dass die Künstler für ihre Werke bezahlt werden.
Adobes Anspruch, das erste digitale Museum zu präsentieren, ist zwar kaum gerechtfertigt. Die erste Online-Galerie teleportacia.org etwa wurde schon 1996 eröffnet. Doch der Besuch des AMDM macht Spaß und zeigt erfolgreich die Möglichkeiten der Computertechnologie.
Für die Software-Firma erfüllt das Museum vermutlich auch einen weiteren, strategischen Zweck: Es dient als beeindruckender Showcase für Flash, Adobes Animations-Umgebung, die von Geräten wie dem iPhone und iPad nach wie vor nicht unterstützt wird.
- Datum 28.04.2011 - 16:23 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Kleine Korrektur:
Eine frühere und damit deutlich ältere erste virtuelle Gallerie Deutschlands ist das Projekt "Forum connect" der Bremer Informatiker Ronald Vogel und Oliver Jäger in 1994.
Im Gegensatz zu den damals noch allgegenwärtig vorhandenen Text-basierten Mailboxen wurde die Macintosh-basierte Groupware "FirstClass" eingesetzt. Diese erlaubte mit Hilfe eines dedizierten Clients für Mac und PC eine fenster- bzw. grafikbasierte Nutzung. So war es möglich grafische Inhalte (hier: Kunst) abzubilden und zu präsentieren.
Präsentiert wurden u.a. Künstler, wie Norbert Schwontkowski, Harald Falkenhagen oder Diana Mercedes Alonso. "Forum connect" stellt sich somit als eine deutlich frühere Virtuelle Gallerie dar - lange bevor es das Internet in seiner heutigen Bedeutung gab.
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