New York TimesDie Quadratur des Online-Kreises

Die "New York Times" will mit ihrer Paywall Leser in die Papierversion zwingen, aber Google nicht verjagen. Das funktioniert nicht – und schadet dem Online-Journalismus. von 

Eingang zum Gebäude der "New York Times" in New York

Eingang zum Gebäude der "New York Times" in New York  |  © EMMANUEL DUNAND/AFP/Getty Images

Seit einer Woche hat die New York T imes ihr Angebot im Internet hinter einer sogenannten Paywall, einer Bezahlschranke, versteckt. Es ist nicht ihr erster Versuch , so Geld zu verdienen und beileibe nicht der erste Versuch dieser Art im Netz überhaupt. Die Debatte über Sinn oder Unsinn solcher Bezahlmodelle ist Jahre alt. Doch am Beispiel der NYT zeigt sich exemplarisch, warum die Idee Paywall Murks ist.

Da ist zunächst das seltsame Preismodell : Wer sich die Zeitung aus Papier vor die Haustür liefern lässt, zahlt maximal 11,70 Dollar pro Woche, in den ersten drei Monaten sind es nur 3,10 Dollar bis 5,85 Dollar pro Woche, je nach der Anzahl der bestellten Tage. Das Internetangebot des Blattes gibt es kostenlos dazu. Wer aber nur das Netzmodell buchen möchte, zahlt zwischen 3,75 Dollar und 8,75 Dollar pro Woche, je nach technischem Gerät, mit dem er es nutzen will.

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Richtig gelesen, je nach Gerät: Netz und Smartphone kosten 3,75 Dollar, Netz und Tabletcomputer fünf Dollar, Netz und Smartphone und Tablet kosten 8,75 in der Woche. Die Komplettversion ist also nur knapp drei Dollar billiger als die Sieben-Tage-Papierversion (bei der es Netz und Smartphone und Tablet dazu gibt). Es ist auch völlig unverständlich, warum ein Angebot für Tablets teurer sein muss als eines für Smartphones. Mehr Druckertinte wird auf dem größeren Bildschirm kaum gebraucht werden.

In seinem Brief an die Leser hat der Herausgeber des Blattes, Arthur Sulzberger, gar nicht erst versucht, das zu erklären. Er schreibt bei seiner Ankündigung des Modells lediglich, jeder könne sich das Angebot heraussuchen, das am besten zu ihm und seinen Geräten passe.

Den Blogger Danny Sullivan, der die viel zitierte Seite Search Engine Land betreibt, inspirierte das zu einer Satire des Herausgeberbriefes in seinem privaten Blog . Im Stile Sulzbergers beantwortet Sullivan die Frage, warum verschiedene Geräte verschiedene Preise bedingen mit dem Satz: "Weil wir es können? Kaufen Sie doch die Papierversion, Sie Schlauberger."

Das klingt sarkastisch, trifft aber den Kern: Das Bezahlmodell der NYT wirkt so, als solle es den immerhin 33 Millionen monatlichen Lesern, die das Blatt im Netz  hat, möglichst viel Geld abknöpfen und andererseits vor allem mehr Menschen dazu bringen, die Papierversion zu abonnieren. Es geht also nicht darum, ein tragfähiges Geschäftsmodell für Online-Journalismus zu finden, es geht darum, Lesern den Online-Journalismus abzugewöhnen.

Damit ist die Paywall vor allem ein Erziehungsversuch. Und zwar einer – so viel kann ohne Risiko vorausgesagt werden – der dem Blatt nicht helfen wird. Der Trend ist seit Mitte der neunziger Jahre eindeutig, in den USA noch viel stärker als in Europa: Weniger Menschen wollen ihre Nachrichten in Papierform erhalten , mehr wollen sie elektronisch lesen.

Das scheint auch dem Verlag der NYT klar zu sein. Das erste Paywall -Experiment, Times select , dauerte von 2005 bis 2007. Es wurde gestoppt, unter anderem weil die Artikel nicht mehr von Suchmaschinen gefunden werden konnten und der Zustrom von Lesern drastisch einbrach. Das soll diesmal anders sein.

Leserkommentare
  1. Sofern jemand die Paywall bezahlt, ist dann die kostenlose Weitergabe möglich?

    Die Papierversion kann man ja auch weiterreichen, kostenlos an Dritte.

    • Wotan
    • 04. April 2011 18:11 Uhr

    > Warum jemand in der teuersten Variante 455 Dollar im Jahr
    > zahlen soll, wenn er via Google News jeden Tag fünf Texte
    > der New York Times problemlos lesen kann, ist schwer
    > nachvollziehbar. Warum er sie bezahlen soll, wenn er im
    > Zweifel sogar alle Texte lesen kann, ist unverständlich.

    Warum jemand Filme kaufen soll, wenn er sie auch kostenlos runterladen kann, ist unverständlich.

    Oder noch besser: Warum jemand die Zeit kaufen soll, wenn er sie auch jeden Tag im Kiosk klauen kann, ist unverständlich.

    Halloooo? Geht's nocht?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie machen einen logischen Fehler - Ihre Alternativen sind nicht legal, während der Zugriff per google etc. legal ist.

    Sprich eine legale, vom Herausgeber angebotene, Umgehung der "Paywall".

  2. Sie machen einen logischen Fehler - Ihre Alternativen sind nicht legal, während der Zugriff per google etc. legal ist.

    Sprich eine legale, vom Herausgeber angebotene, Umgehung der "Paywall".

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Sinnfreie Logik"
    • tuku
    • 04. April 2011 18:35 Uhr

    Offenbar hat nicht mal die NYT selbst etwas gegen das Umgehen der Schranke. (NYT Clean: http://bit.ly/huBdza).
    Wenn selbst der spokesman der Times sagt: As we have said previously, as with any paid product, we expect that there will be some percentage of people who will find ways around our digital subscriptions. We will continue to monitor the situation but plan no changes to the programming or paywall structure.

  3. Redaktion

    @Hräswelger

    Sobald man den Ursprungslink hat, ist die Weitergabe kein Problem mehr. Dazu allerdings braucht es keinen, der die Version kauft. Der Link lässt sich ja von der immer zugänglichen Website kopieren. Insofern besorgt die NYT das Verteilen gleich selbst.

    lg
    k

    • didel
    • 04. April 2011 19:45 Uhr

    Ein Grund für das "komische" Preismodell - also dass zb Print & Online gleich viel kostet wie Print - ist, dass die NYT nichts von ihrem Profit an Apple abtreten will. Wenn man nämlich nur digital subscriber ist muss man über den itunes store bezahlen und da schneidet Apple kräftig mit. Das ist nicht der Fall wenn man ein Printabo hat.

    Ein anderes Problem der löchrigen Paywall ist free-riding. Ich sehe nicht ganz warum ich für den online content zahlen soll, wenn andere ganz einfach (und meistens legal) die paywall umgehen können und den Inhalt gratis erhalten können.

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    • Hickey
    • 11. Dezember 2012 13:19 Uhr

    nicht der Marktführer...die häufigste Smartphonebetriebssystem ist Android.

  4. ...würde ich mich nicht so weit auf die Äste rauswagen. In der Online-Branche werden die bestenfalls unbekümmerten Versuche der Zeitungen nur belächelt. Klassische Journalisten haben immer noch das Gefühl, über die Meinungshoheit zu verfügen.

    Das ist törricht.

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