Die Blogger-Konferenz Re:publica 2011 © dpa/picture alliance

Greenpeace war zuerst der Name eines Fischkutters. Irgendwann wurde daraus eine Bewegung. Sie hat sich in grüner Politik niedergeschlagen und Denken und Handeln der Menschen verändert.

Eine ähnliche Entwicklung lässt sich nun erneut beobachten. In diesem Fall kreuzt der Fischkutter durchs Internet. Die neue Bewegung beginnt auch in diesem Fall mit etwas rüden Aktionen: dem massenhaften Bestellen von Pizza an die Adresse unliebsamer Protagonisten, Beschimpfungen am Telefon, Blockadeangriffen auf Websites. Enden wird es möglicherweise damit, dass sich ein neues netzpolitisches Bewusstsein entwickelt.

" I came for the lulz but I stayed for the outrage ", zitierte die amerikanische Anthropologin Gabriella Coleman einen namenlosen Autor aus einem Messageboard der Gruppe Anonymous . Coleman hielt auf dem Netztreffen re:publica einen Vortrag über diese Bewegung, deren Anhänger und Ziele so schwer zu greifen sind.

Der zitierte Satz bedeutet ungefähr soviel wie: Ich kam für den Spaß , aber ich blieb für die Entrüstung. Aus dem Unsinn erwächst eine politische Bewegung, lautet Colemans These.

Belege dafür gibt es einige. Diejenigen, die unter dem Namen Anonymous ursprünglich nur Pizza bestellten, haben längst politische Anliegen. Sie wollen nicht nur lahmlegen und Gegner nerven, sondern auch gezielt helfen, beispielsweise den Demonstranten in Nordafrika .

Demonstrationen, die im Internet verabredet und durch das Internet bekannt gemacht wurden, gab es einige. Die Demonstration in Ägypten war besonders eindrucksvoll. Das aber ist nur der Anfang des digitalen Aktivismus. Anonymous sind der nächste Schritt: Gruppen ohne erkennbare Struktur, ohne Führung, ohne eigene Agenda. Es sind Plattformen, die für jeden offen sind. Sie finden sich zusammen, um ein konkretes Problem anzugehen, ein Ziel anzugreifen. Und wollen vor allem eines: Aufmerksamkeit erzeugen und auf Probleme hinweisen. Seien es Zensur, Überwachung oder Misshandlungen.

Ihre Angriffe mögen auf Außenstehende seltsam bis brutal wirken. Aber das war bei den Blockadeversuchen mit Fischkuttern ja auch der Fall. Die Idee bei den Netzangriffen via des sogenannten Distributed Denial of Service (DDoS) ist letztlich die gleiche: Längst gibt es daher eine ernsthafte Debatte darum, ob diese illegale Form des Protestes möglicherweise gerechtfertigt ist, wenn sie einer sinnvollen Sache dient. Und ob DDoS daher als ziviler Ungehorsam gelten kann .

Andere wollen diese Proteste kanalisieren und in klassische politische Arbeit umleiten. Die Digitale Gesellschaft ist so ein Versuch. Mitgründer Markus Beckedahl stellte sie auf der re:publica als neue Kampagnenplattform des Netzaktivismus vor. Er bezog sich dabei eindeutig auf die Geschichte von Greenpeace. Beckedahl und die ungefähr zwanzig anderen Gründungsmitglieder wollten eine professionelle Struktur schaffen, um Proteste und Lobbyismus für netzpolitische Themen zu organisieren.

Es geht dabei in erster Linie um das Sammeln von Geld, um bezahlte Stellen und den Aufbau einer festen Organisationsstruktur. Das ganze Gegenteil von Anonymous also. Das Ziel aber ist dasselbe: mit gezielten Aktionen Aufmerksamkeit für bestimmte Themen generieren. So startete einst auch Greenpeace.