Greenpeace war zuerst der Name eines Fischkutters. Irgendwann wurde daraus eine Bewegung. Sie hat sich in grüner Politik niedergeschlagen und Denken und Handeln der Menschen verändert.

Eine ähnliche Entwicklung lässt sich nun erneut beobachten. In diesem Fall kreuzt der Fischkutter durchs Internet. Die neue Bewegung beginnt auch in diesem Fall mit etwas rüden Aktionen: dem massenhaften Bestellen von Pizza an die Adresse unliebsamer Protagonisten, Beschimpfungen am Telefon, Blockadeangriffen auf Websites. Enden wird es möglicherweise damit, dass sich ein neues netzpolitisches Bewusstsein entwickelt.

" I came for the lulz but I stayed for the outrage ", zitierte die amerikanische Anthropologin Gabriella Coleman einen namenlosen Autor aus einem Messageboard der Gruppe Anonymous . Coleman hielt auf dem Netztreffen re:publica einen Vortrag über diese Bewegung, deren Anhänger und Ziele so schwer zu greifen sind.

Der zitierte Satz bedeutet ungefähr soviel wie: Ich kam für den Spaß , aber ich blieb für die Entrüstung. Aus dem Unsinn erwächst eine politische Bewegung, lautet Colemans These.

Belege dafür gibt es einige. Diejenigen, die unter dem Namen Anonymous ursprünglich nur Pizza bestellten, haben längst politische Anliegen. Sie wollen nicht nur lahmlegen und Gegner nerven, sondern auch gezielt helfen, beispielsweise den Demonstranten in Nordafrika .

Demonstrationen, die im Internet verabredet und durch das Internet bekannt gemacht wurden, gab es einige. Die Demonstration in Ägypten war besonders eindrucksvoll. Das aber ist nur der Anfang des digitalen Aktivismus. Anonymous sind der nächste Schritt: Gruppen ohne erkennbare Struktur, ohne Führung, ohne eigene Agenda. Es sind Plattformen, die für jeden offen sind. Sie finden sich zusammen, um ein konkretes Problem anzugehen, ein Ziel anzugreifen. Und wollen vor allem eines: Aufmerksamkeit erzeugen und auf Probleme hinweisen. Seien es Zensur, Überwachung oder Misshandlungen.

Ihre Angriffe mögen auf Außenstehende seltsam bis brutal wirken. Aber das war bei den Blockadeversuchen mit Fischkuttern ja auch der Fall. Die Idee bei den Netzangriffen via des sogenannten Distributed Denial of Service (DDoS) ist letztlich die gleiche: Längst gibt es daher eine ernsthafte Debatte darum, ob diese illegale Form des Protestes möglicherweise gerechtfertigt ist, wenn sie einer sinnvollen Sache dient. Und ob DDoS daher als ziviler Ungehorsam gelten kann .

Andere wollen diese Proteste kanalisieren und in klassische politische Arbeit umleiten. Die Digitale Gesellschaft ist so ein Versuch. Mitgründer Markus Beckedahl stellte sie auf der re:publica als neue Kampagnenplattform des Netzaktivismus vor. Er bezog sich dabei eindeutig auf die Geschichte von Greenpeace. Beckedahl und die ungefähr zwanzig anderen Gründungsmitglieder wollten eine professionelle Struktur schaffen, um Proteste und Lobbyismus für netzpolitische Themen zu organisieren.

Es geht dabei in erster Linie um das Sammeln von Geld, um bezahlte Stellen und den Aufbau einer festen Organisationsstruktur. Das ganze Gegenteil von Anonymous also. Das Ziel aber ist dasselbe: mit gezielten Aktionen Aufmerksamkeit für bestimmte Themen generieren. So startete einst auch Greenpeace.

 

Beide Ideen sollten sich ergänzen. Anonymous kann zwar enorme Reichweite entwickeln und innerhalb von Stunden auch die größte Organisation der Welt ärgern. Langfristig aber lässt sich so nichts erreichen. Spätestens nach Tagen sind die Wirkung und die Aufmerksamkeit vorbei.

Wer weiß beispielsweise, dass Anonymous immer noch gegen Scientology kämpft? Als Anonymous 2008 damit begann, war der Kampf so etwas wie eine Initialzündung, die aus einem Haufen Trolle ernsthafte, politische Aktivisten gemacht hat. Damals sorgten die Attacken für viel Aufmerksamkeit und für einige Debatten. Heute ist das fast vergessen.

Das Problem: Dauerhafte Kampagnen brauchen festere Strukturen. Ein Aufruf wie "blockiert Visa.com!" ist eben noch sehr weit entfernt von der konkreten Problembeschreibung. Geschweige denn von einer Lösung.

Das will Beckedahl mit dem Verein Digitale Gesellschaft erreichen. Auch sie soll eine Plattform sein, die es anderen leichter macht, für ihre Ideen zu kämpfen. Sie soll Wissen und Können bereitstellen, vor allem in Form von professionellen Spendensammlern und Kampagnenplanern. In der Hoffnung, auf diesem Weg mehr Nachhaltigkeit zu erzielen.

Dass es auch in Deutschland schon viele solcher Organisationen gibt – seien es Chaos Computer Club, Arbeitskreis Zensur oder FoeBud, – hält Beckedahl für unproblematisch. Sie ergänzten sich sogar, sagte er. Jeder habe andere Schwerpunkte, genau wie Greenpeace, Naturschutzbund Nabu und BUND. Allen gemeinsam aber sei der Wunsch nach Veränderung: Sie alle wollen die Aufmerksamkeit für die digitalen Bürgerrechte erhöhen.