Die Bundeswehr braucht Freiwillige , um einsatzfähig zu bleiben und muss inzwischen auf dem freien Arbeitsmarkt um Fachkräfte buhlen. Das tut die Truppe unter anderem über die Videoplattform Youtube. Doch die Art, wie sie dort wirbt, lässt die Frage aufkommen, welche Qualifikation die Nachwuchssoldaten eigentlich mitbringen sollen.

Wer derzeit bei Youtube nach den Begriffen "Taliban töten", "Afghanistan killing" oder auch "Afghanistan firefight" sucht, findet auf den ersten Plätzen ein als Anzeige gekennzeichnetes Werbevideo mit der Überschrift "Armee im Einsatz". Wer es anklickt, gelangt zum Youtube-Portal der Truppe mit diversen Videos zu Technik, Geschichte und Einsätzen.

Diese Art von Werbung ist nicht unüblich, viele Firmen nutzen das Angebot des Konzerns Google – zu dem auch Youtube gehört und kaufen bestimmte Wörter oder Wortkombinationen, um ihre Anzeigen in den Suchergebnissen zu platzieren. AdWords heißt das System , und es hat Google reich gemacht.

Die Bundeswehr nutzt es offensichtlich intensiv. Seit Monaten schon lassen sich ihre Werbevideos über solche Schlüsselworte bei Youtube finden. Gekauft hat sie offenbar diverse Begriffe, die mit aktuellen Kriegseinsätzen im Speziellen und Kampf im Allgemeinen zu tun haben, beispielsweise "Afghanistan" oder "Taliban". Technisch ließe sich problemlos ausschließen, dass dabei auch Wortkombinationen wie eben "Taliban töten" zur Anzeige der Werbung führen, offensichtlich aber wurde diese Option nicht genutzt.

Warum? Nachwuchswerbung ist eines der drängendsten Probleme der deutschen Armee, daher darf es als unwahrscheinlich gelten, dass diese Aspekte dem Zufall überlassen werden. Die Werbung richtet sich bewusst auf eine bestimmte Zielgruppe, das Verteidigungsministerium weiß genau, wen es ansprechen will.

Da ist zuerst einmal der Kanal. Thomas Wiegold, der in Augen Geradeaus über Militärthemen bloggt , zitiert aus einem internen Bericht des Verteidigungsministeriums zur Steigerung der Attraktivität der Bundeswehr: "Das Internet (z.B. YouTube) ist gezielt zur Kommunikation in die Zielgruppen sowohl der Informationsarbeit als auch der personalwerblichen Kommunikation ... einzusetzen .... "

Dass gerade auf Youtube geworben wird, ist kein Zufall. Die Plattform wird vor allem von Jugendlichen genutzt, die sich dort die Zeit vertreiben wollen. Laut der internen Statistikseite von Youtube ist die wichtigste Altersgruppe die der 18- bis 24-Jährigen. Fast 40 Prozent der Nutzer gehören dazu. Der Dienst hat MTV und Viva als Quelle der Popkultur abgelöst und ist für viele seiner Nutzer so etwas wie ein jederzeit verfügbarer Fernseher. Vor allem für jene, die viel Zeit haben. Der interne Bericht weist darauf hin, dass die Bundeswehr, um ihre Einsatzfähigkeit zu erhalten, auch im "Segment geringer Qualifizierter" stärker werben müsse.

Schlecht ausgebildete Jugendliche also sind das Ziel der Kampagne. Haben sie dazu noch Eltern, die nicht in Deutschland geboren wurden, hat die Truppe gleich noch einmal so viel Interesse an ihnen. Oder, wie es in dem Paket "zur Steigerung der Attraktivität des Dienstes in der Bundeswehr" heißt: Es steige die Bedeutung von Personen mit Migrationshintergrund und zwar "angesichts ihres demographischen Anteils sowie charakteristischer Merkmale".

Welche "charakteristischen Merkmale" Menschen mit Migrationshintergrund für den Wehrdienst mitbringen, ist nicht ganz klar. Möglicherweise aber ist ihre Motivation gemeint, sich zu schinden und zu kämpfen. So lockte die US Army in einem Pilotprogramm namens Mavni testweise Einwanderer mit der Aussicht, den Einbürgerungsprozess von sonst bis zu zehn Jahren auf sechs Monate zu verkürzen. Außerdem gibt es bei der amerikanischen Armee gezielte Bildungsprogramme für Immigranten. Für viele in den USA ist die Armee die Chance auf eine Ausbildung, die sie sonst nicht bekämen.

Minderjährige und Migranten

Dieses Wissen hat auch die Bundeswehr und hat ebenfalls schon einmal diskutiert, Inländer ohne deutschen Pass einzustellen . Auch wenn es nicht umgesetzt wurde.

Interessiert sich jemand nun für "schießen" (ebenfalls ein Begriff, unter dem die Bundeswehr auf Youtube zu finden ist), ist jung und hat vielleicht noch einen Migrationshintergrund, dann scheint er ein potenzieller Soldat zu sein. Mit einem Klick präsentiert die Armee ihm in einem 20-sekündigen Werbefilm über die Abenteuer, die den Freiwilligen an der Waffe erwarten. Am Ende des Spots verkündet eine Kinostimme: "Die Bundeswehrreform – Ihre Chance!"

Mit dem Konzept des Staatsbürgers in Uniform hat das nicht mehr viel zu tun. Sondern sehr viel mehr mit dem "archaischen Kämpfer" für den "High-Tech-Krieg", den der damalige Generalinspekteur der Bundeswehr schon 2004 als Ideal für die Truppe forderte .

Im Verteidigungsministerium scheint man sich dieses Ideals bewusst, lässt man sich diese Zielgruppenwerbung doch eine Menge Geld kosten. Insgesamt sind im Wehretat 16 Millionen Euro zur Nachwuchswerbung eingeplant, etwas mehr als eine Million davon allein für Werbeaktionen im Internet. Und das meint noch nicht die Produktion der Werbefilme, sondern allein Maßnahmen wie AdWords.

Der Bundeswehr steht aber noch ein weiterer – exklusiver – Weg zum jugendlichen Nachwuchs offen. Die Kreiswehrersatzämter fordern von den Meldebehörden zu Beginn jedes Jahres die Daten aller 17-Jährigen an. Das geschieht "zum Zweck der Übersendung von Informationsmaterial", heißt es im Wehrrechtsänderungsgesetz , das im Dezember 2010 vom Bundestag beschlossen wurde. Dieser Handel mit Adressdaten Minderjähriger ist umstritten. 

Aus dem Büro der Bundesdatenschutzbeauftragten heißt es, dass generell an der Praxis nichts auszusetzen sei, da die Daten nach spätestens einem Jahr gelöscht würden. Außerdem bestehe die Möglichkeit, der Datenübermittlung zu widersprechen. Auf dieses Widerspruchsrecht müssen die Jugendlichen zum Beispiel beim Abholen des Personalausweises und zusätzlich einmal im Jahr öffentlich hingewiesen werden – wobei öffentlich im Zweifel das schwarze Brett in der jeweiligen Behörde meint.

"Welcher Sechzehnjährige geht denn schon zum Bürgeramt, um dort anzugeben, dass seine Daten nicht der Bundeswehr gemeldet werden dürfen?", fragt Malte Spitz, Mitglied im Bundesvorstand der Grünen und zuständig unter anderem für Fragen des Datenschutzes. Er findet den exklusiven Zugang zu den Meldedaten zumindest "bemerkenswert" und hält die Möglichkeit, dem zu widersprechen, nicht für ausreichend.

Der Datenschutz kennt keine Altersgrenze für den Adresshandel. Grundsätzlich aber sind bis zur Volljährigkeit die Eltern für ihre Kinder verantwortlich. Das Argument, sie müssten dem zustimmen, nicht die Jugendlichen selbst, ließe sich also zumindest vertreten. Die Eltern aber fragt die Bundeswehr nicht. Sie wird wissen, warum.