Vint Cerf Cloud-Dienste sind noch am Anfang

Man kann Daten in Clouds lagern, sie aber nicht wieder herausholen, sagt Netzpionier Vint Cerf. Und bis Wolken lernten, miteinander zu reden, sei ihr Nutzen begrenzt.

Vint Cerf auf einer Internetkonferenz 2011 in Hong Kong

Vint Cerf auf einer Internetkonferenz 2011 in Hong Kong

Cloud, englisch für Wolke, darf getrost als das derzeitige Modewort des Internets gelten. Die Cloud gilt als wichtiger Schritt hin zu einer digitalisierten Welt und als großartiges Geschäftsmodell, denn jeder kann Unmengen von Daten in ihr speichern und verarbeiten lassen. Google, Microsoft, Amazon – alle großen Netzfirmen bieten Clouddienste an, Millionen Menschen vertrauen ihnen und lagern dort Bilder, Musik, Filme, E-Mails und andere private Informationen. Auch viele Firmen setzen längst auf die Wolke und lagern Teile ihres Firmenwissens dorthin aus.

Dabei ist die Cloud alles andere als ausgereift. "Die Rechnerwolken sind heutzutage ungefähr so weit, wie es die Netzwerke 1973 waren." Diesen Satz sagte Vint Cerf am Donnerstag in Berlin. Google, für das Cerf als Chief Internet Evangelist arbeitet, möchte das auf keinen Fall so verstanden wissen, dass Clouds nun nutzlos seien. Wobei sich doch die Frage stellt, wie groß ihr Nutzen derzeit ist angesichts des Vergleichs. Hat doch erst die Kommunikation der Netzwerke miteinander das Internet geschaffen und es zu dem gemacht, was es ist und kann.

Anzeige

Cerf, mit vollem Namen Vinton Gray Cerf, gilt als einer der Begründer eben dieses Internets, denn es basiert bis heute auf TCP, einem Protokoll für die Datenübertragung, das er gemeinsam mit mehreren anderen 1973 entwickelt und im Jahr darauf veröffentlicht hat.

Bislang gab es bei Rechnerwolken vor allem Bedenken wegen der Sicherheit und wegen des Datenschutzes – und weil nicht ganz geklärt ist, wem die Dinge eigentlich gehören, wenn sie in irgendeinem Netzwerk abgelegt sind.

Cerf fügt dieser Debatte nun einen neuen und, wie es sich für einen Ingenieur gehört, technischen Punkt hinzu: Er sagt, die derzeit betriebenen Rechnerwolken hätten einen  entscheidenden Mangel: Einmal dort eingegebene Daten ließen sich kaum wieder herausholen, geschweige denn auf andere Systeme übertragen.

Das klingt zunächst seltsam, wird aber klarer, wenn man sich vorstellt, um welche Datenmengen es im Zweifel geht. Cerf selbst nutzte als Beispiel die Menge von einem Petabyte. Das sind eine Million Gigabyte. Das klingt zwar nach viel, ist es aber nicht, wenn man sich vorstellt, was wir in den kommenden zwei, drei oder vier Jahren alles an Daten in die Wolke hochladen werden, ob sie nun Flickr, Youtube oder anders heißt.

Wer das aber getan hat, wird feststellen, dass er an seinen Cloudanbieter gebunden ist. Denn es wird teuer, die Daten wieder aus dem Netz zu holen und auf einem privaten Rechner zu lagern. Festplatten mit einer Kapazität von einem Terabyte kosten derzeit 50 bis 100 Euro. Auch wenn ihr Preis weiter sinkt, die Datenmenge in der Wolke wächst schneller.

Gleichzeitig wächst sie auch schneller als die Möglichkeiten des Netzes, diese Daten in ihrer Gesamtheit herunterzuladen. Selbst bei einem Netz, das Downloadraten im Bereich von Gigabit pro Sekunde zuließe, von dem wir noch entfernt sind, bräuchte eine Weile, um über Jahre gesammelte Daten einer Familie wieder aus der Wolke zu holen.

"Man kann die Daten nicht umziehen", sagt Cerf. Das ist für ihn das größte Problem der Idee. Es brauche also Standards für die Kommunikation zwischen den Clouds. Denn derzeit tue jede von ihnen so, als sei sie die einzige auf der Welt, keine rede mit all den anderen.

Es sei nicht einmal möglich, Zugangsrechte an andere Wolken zu übertragen, sagt Cerf. Bei Diensten von Google kann der Nutzer beispielsweise festlegen, wer seine Daten sehen darf. Er kann Menschen "einladen". Doch eine solche Berechtigung gilt nur für einen einzigen Anbieter. Wer bei diesem Anbieter kein Konto hat, kann die Daten nicht sehen. Nicht zu Unrecht hält Cerf das für einen eklatanten Mangel.

Und der spiegelt tatsächlich den Zustand der siebziger Jahre. Zwar gab es damals an einzelnen Universitäten und in einigen militärischen Labors bereits so etwas wie Rechnernetze. Aber keines davon konnte mit einem Netz außerhalb problemlos Daten tauschen. Das wurde erst möglich, nachdem TCP entwickelt worden war, das Daten-Transportprotokoll des Internets.

Derzeit sieht es nicht so aus, als hätten Apple, Cisco oder IBM großes Interesse daran, ihre Rechnerwolken zu öffnen, damit sich Daten migrieren lassen. Auch Cerf sagt, es sei eine "sehr große Herausforderung", das zu schaffen. Solange das nicht erreicht sei, leisteten Clouds noch lange nicht das, was sie könnten.

Das eigentliche Problem dabei dürfte nicht die Technik, sondern die wirtschaftlichen Interessen sein. TCP war absichtlich dumm konstruiert und es war offen – was erstens bedeutet, dass es sich nicht dafür interessiert, welche Daten es überträgt oder wem diese gehören, und zweitens, dass es jedem zur Verfügung steht.

Die derzeitigen Clouddienste sind eher wie mittelalterliche Kleinstaaten organisiert. Um jeden ist eine hohe Mauer gezogen. Der Nutzer kann seine Daten nicht auf mehrere Dienste verteilen, um beispielsweise eine Funktion hier und eine dort zu verwenden. Er ist gezwungen, sich an einen einzigen Anbieter zu binden. Geht dieser pleite, sind auch die Daten hin. Bestenfalls bekommen die Betroffenen Zeit für den Umzug und stehen dann vor den beschriebenen Problemen.

Es brauche daher eine "Unabhängigkeit der Daten", sagt Cerf, und entsprechende Transportprotokolle: "Solange wir das nicht umsetzen, bieten uns Clouddienste nicht die Möglichkeiten, die beispielsweise das Internet bietet."

Korrekturhinweis: Nach Protest von Google haben wir die Überschrift des Artikels verändert. 

Update 1. Juni: Der folgende Satz: "Cerf meinte damit, dass die Dienste im Moment noch unpraktisch, wenn nicht gar nutzlos sind", wurde auf Wunsch Googles aus dem Text entfernt. Nach Ansicht des Unternehmens interpretiert er die Aussage des von Cerf Gesagten falsch. Wer sich selbst ein Bild machen will, hier gibt es ein MP3 seiner Rede.

Update 6. Juni: Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich ändere keine Überschrift und keinen Text, nur weil Google es wünscht. Der von Cerf gezogene Vergleich, Clouds seien heute so weit wie Netzwerke 1973, lässt sie – meiner Meinung nach – angesichts ihrer Möglichkeiten derzeit nutzlos erscheinen. Ich bin noch immer dieser Meinung. Jedoch hat Vint Cerf das wörtlich so nicht gesagt. Er hat es nur angedeutet, wie ich glaube. Das aber hätte klarer als meine Meinung gekennzeichnet werden müssen. Da das nicht geschehen ist, habe ich den Satz entfernt. Kai Biermann

 
Leser-Kommentare
  1. ... die Kritik an der Bindung an einen Anbieter kann ich nachvollziehen; das schränkt den einzelnen entgegen des Gedanken der Clouds ein und widerspricht dem Grundgedanken der diffusen Vernetzung der Clouds.

    Aber dass die Datenkapazität zuhause zu klein ist, um die Datenmenge rückaufzunehmen, ist nicht ein Problem der Clouds, sondern deren Hauptvorteil - die nahezu unbegrenzte Speicherkapazität soll ja gerade die teure und begrenzte Infrastruktur zuhause erweitern.

    Ich kann ja auch nicht genug Klamotten für ein Lagerhaus sammeln und mich dann beschweren, dass sie nicht bei mir zuhause in den Kleiderschrank passen!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wenn dein Anbieter pleite ist, die Preise erhöht, oder im Fall von Firmen von deinem Konkurrenten aufgekauft wird. Dann willst du deine Daten schnellst möglich wiederhaben. Im schlimmsten Fall wollen alle anderen das zeitgleich auch. Dafür dürften dann weder deine Festplattenkapazität reichen, noch die Bandbreite des Anbieters. Aber darüber macht sich beim Hochladen in die Wolke natürlich erstmal keiner Gedanken.

    Eigentlich richtig.
    Und deswegen sammelt man ja auch nicht so viele Klamotten, dass man sie in einem Lagerhaus auslagern muss. Umso mehr, wenn einem der Lagerhausverwalter keine Möglichkeit einräumt die Klamotten woandershin transportieren zu lassen und man im Fall eine Pleite sagen wir mal 1 Woche Zeit hat seine Klamotten selber nach Hause zu schaffen (aber nicht zu einem anderen Lagerhaus wohlgemerkt).
    Ein solcher Laherhausdienst ist eben tatsächlich nutzlos und würde nicht genutzt! Aber wenn es um Daten geht lassen wir uns gerne einreden es sei so? Wie blöd sind wir eigentlich?

    Wenn ich mir die heutigen Preise für Terrabyte-Laufwerke ansehe, dann verstehe ich beim besten Willen nicht, warum überhaupt jemand über Cloud nachdenkt.
    Die Daten in Clouds zu speichern kann also höchstens für eine ortsfremde Sicherung interessant sein. Alleine mir fehlt das Vertrauen, dass meine Daten sicher sind.
    Wie war das noch mal bei Facebook? Die Profitgier erlaubt immer mehr Interessenten den Zugriff auf persönliche Daten der Facebook-User.
    Anstatt meine unwichtigen Daten in eine Wolke zu übertragen könnte ich diese auch gleich veröffentlichen.

    wenn dein Anbieter pleite ist, die Preise erhöht, oder im Fall von Firmen von deinem Konkurrenten aufgekauft wird. Dann willst du deine Daten schnellst möglich wiederhaben. Im schlimmsten Fall wollen alle anderen das zeitgleich auch. Dafür dürften dann weder deine Festplattenkapazität reichen, noch die Bandbreite des Anbieters. Aber darüber macht sich beim Hochladen in die Wolke natürlich erstmal keiner Gedanken.

    Eigentlich richtig.
    Und deswegen sammelt man ja auch nicht so viele Klamotten, dass man sie in einem Lagerhaus auslagern muss. Umso mehr, wenn einem der Lagerhausverwalter keine Möglichkeit einräumt die Klamotten woandershin transportieren zu lassen und man im Fall eine Pleite sagen wir mal 1 Woche Zeit hat seine Klamotten selber nach Hause zu schaffen (aber nicht zu einem anderen Lagerhaus wohlgemerkt).
    Ein solcher Laherhausdienst ist eben tatsächlich nutzlos und würde nicht genutzt! Aber wenn es um Daten geht lassen wir uns gerne einreden es sei so? Wie blöd sind wir eigentlich?

    Wenn ich mir die heutigen Preise für Terrabyte-Laufwerke ansehe, dann verstehe ich beim besten Willen nicht, warum überhaupt jemand über Cloud nachdenkt.
    Die Daten in Clouds zu speichern kann also höchstens für eine ortsfremde Sicherung interessant sein. Alleine mir fehlt das Vertrauen, dass meine Daten sicher sind.
    Wie war das noch mal bei Facebook? Die Profitgier erlaubt immer mehr Interessenten den Zugriff auf persönliche Daten der Facebook-User.
    Anstatt meine unwichtigen Daten in eine Wolke zu übertragen könnte ich diese auch gleich veröffentlichen.

  2. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Werbung. Danke, die Redaktion/se.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich bezweifle dass Facebook je an die Qualität von Youtube und Flickr herankommt, denn dazu braucht es jede Menge Platz und Bandbreite.

    Allerdings schätzen Menschen heutzutage die Qualität leider immer weniger... ein Photo mit einer digitalen Spiegelreflexkamera? Wozu wenn es doch das Handy gibt... "schöne" neue Welt.

    Ich bezweifle dass Facebook je an die Qualität von Youtube und Flickr herankommt, denn dazu braucht es jede Menge Platz und Bandbreite.

    Allerdings schätzen Menschen heutzutage die Qualität leider immer weniger... ein Photo mit einer digitalen Spiegelreflexkamera? Wozu wenn es doch das Handy gibt... "schöne" neue Welt.

  3. wenn dein Anbieter pleite ist, die Preise erhöht, oder im Fall von Firmen von deinem Konkurrenten aufgekauft wird. Dann willst du deine Daten schnellst möglich wiederhaben. Im schlimmsten Fall wollen alle anderen das zeitgleich auch. Dafür dürften dann weder deine Festplattenkapazität reichen, noch die Bandbreite des Anbieters. Aber darüber macht sich beim Hochladen in die Wolke natürlich erstmal keiner Gedanken.

  4. ...aber zurzeit noch viel zu umständlich, weil stets über den Umweg des authorisierten Nutzers/Datenbesitzers (z.B. via TCP-IP). Hier fehlen grundsätzliche Diskussionen über Durchlässigkeit von Datensystemen und deren technische und rechtliche Umsetzung über nationale Gesetzesgrenzen hinweg. Man darf gespannt sein und sollte Wach bleiben!

    • GDH
    • 27.05.2011 um 13:14 Uhr

    Der Artikel beschreibt genau den Grund, der wohl nach die meisten potenziellen Nutzer aus der Cloud fernhält.

    Es kommen ja noch rechtliche Fragen dazu. Sobald der Cloud-Anbieter in einem anderen Land sitzt, gibt es ein weiteres Rechtssystem, mittels dessen sich alles Einfrieren lässt. Da solche Dienste auch nicht mit einer sicheren Verschlüsselung arbeiten (wenn mein kompletter Datenbestand physisch nur auf meinen eigenen Rechnern entschlüsselt wird, wird die Cloud recht undurchsichtig), liefere ich als Nutzer sowohl die Verfügbarkeit (im Zweifel muss man tagelang oder länger gegen die Anordnung irgendeines Provinzrichters kämpfen bevor die Arbeit weitergehen kann.) als auch die Vertraulichkeit meiner Daten (mein Diensteanbieter kann technisch ohne meine Zustimmung wesentliche Informatinoen weitergeben.) aus. Und einmal verlorene Daten lassen sich halt nicht sicher wieder einfangen selbst wenn man später vor einem Gericht Recht bekommt.

    Von daher: Daten, die sich physisch im Einflussbereich des Nutzers befinden (und von denen er ein Backup machen kann, das er vom Netz abstöpselt) sind nach wie vor die sicherste und verlaesslichste Lösung (dafür nicht immer die Billigste).

  5. Also während ich der Argumentation grundsätzlich zustimme finde ich dass sie nicht ganz durchdacht ist.

    Es wird bemängelt dass man die Daten nicht wieder herausbekommt oder das lagern der Daten daheim teuer ist (100€ pro TB - he? Meine 2TB Platten gibt es für 85€).

    In dieser Hinsicht sollte man vielleicht bedenken wofür man Clouddienste nutzt.
    Wer seine Privaten Daten ohne Kopie daheim nur "in der kostenfreien Cloud" speichert ist dumm - denn gehen die Daten verloren sind sie futsch, insofern sollte man für sie daheim sowieso Platz haben, abgesehen davon dass man kostenfrei eh keine TB ohne Aufwand lagern kann.

    Wer einen kostenpflichtigen Dienst nutzt der die Datensicherheit so gut wie es geht garantiert wird die Clouddienste vermutlich geschäftlich nutzen - und dann hat man meistens eine industrielle Internetverbindung.

    Man darf auch das Magnetband zur Lagerung nicht vergessen - da passen mittlerweile mehr als 35TB auf eine Kassette.

    Ferner sind die angesprochenen Dienste, Flickr, Yahoo weniger Speicherorte für Daten als Plattformen zur Veröffentlichung von Daten.
    -> Photos auf Flickr kann man ohne Verlust (wenn es ein JPEG ist) speichern, aber Videos bei Youtube werden in h.264 (oder was sie heute nutzen) komprimiert - sprich, man verliert theoretisch Daten gegenüber eventuellen Videorohdaten - zur Veröffentlichung ist Youtube super, zum lagern nicht. Abgesehen davon ist es meines Wissens nach nicht möglich Videos (legal) herunterzuladen - auch die eigenen.

  6. Ich bezweifle dass Facebook je an die Qualität von Youtube und Flickr herankommt, denn dazu braucht es jede Menge Platz und Bandbreite.

    Allerdings schätzen Menschen heutzutage die Qualität leider immer weniger... ein Photo mit einer digitalen Spiegelreflexkamera? Wozu wenn es doch das Handy gibt... "schöne" neue Welt.

    Antwort auf "Frage der Zeit"
  7. ...dürfte Datenschützern nicht gefallen. Wenn alle Clouds in Kontakt miteinander stehen, findet sich alles Hochgeladene schneller...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service