Medienwandel"Das Netz ist gut für Improvisationen"

Kommunizieren Firmen offiziell im Netz, gehen sie zwar größere Risiken ein. Dafür haben sie die Chance, Kunden zu überraschen und dadurch zu fesseln, sagt Sabria David im Interview. von 

Die Germanistin Sabria David ist Mitbetreiberin des Slow Media Blogs und beschäftigt sich dort mit Fragen des Medienwandels und der digitalen Kommunikation

Die Germanistin Sabria David ist Mitbetreiberin des Slow Media Blogs und beschäftigt sich dort mit Fragen des Medienwandels und der digitalen Kommunikation  |  © Sabria David

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie eigentlich auf das Thema Improvisation gekommen?
 
Sabria David: Ich habe irgendwann festgestellt, wie sehr es mich freut, wenn etwas nicht nach Plan verläuft. Das kann einem selbst bei einem sogenannten Lean-Back-Medium wie dem Fernsehen passieren. Wenn plötzlich hinter dem Tagessschau-Sprecher das falsche Bild eingeblendet wird. Oder wenn in einer Live-Sendung etwas schief läuft. Dann tritt zunächst eine Art Schreckmoment ein, aber plötzlich ist man wach. Ich habe mich gefragt, was daran so faszinierend ist, und wie man diese Momente für sich nutzen könnte.
 
ZEIT ONLINE: Gibt es noch andere Beispiele?
 
David: Im vergangenen Jahr gab es auf der Schlussveranstaltung der Blogger-Konferenz Re:publica eine unfreiwillige, großartige Improvisations-Aktion. Im Grunde genommen entstand sie ganz klassisch. Geplant war ein Interview mit dem Twitter-Gründer Biz Stone. Doch weil der Interviewpartner nicht erreichbar war, veranstaltete Johnny Häuser spontan ein Karaoke-Singen. Gemeinsam mit dem Publikum sang er Bohemian Rhapsody von Queen . Der Mensch selbst betritt die Bühne und muss handeln. Und dann wird etwas ganz Tolles daraus. Ein weiteres Beispiel ist der sogenannte "Torfall von Madrid ". Am Anfang eines Fußballspiels passierte ein Unfall: Ein Tor fiel um. Eine Katastrophe. Das Spiel konnte nicht wie geplant stattfinden, und es hat sehr lange gedauert, bis das Tor wieder aufgestellt war. 76 Minuten um genau zu sein. Und am Ende haben Günther Jauch und Marcel Reif dafür den Grimme Preis bekommen. Ihnen war es gelungen anstatt wie geplant ein Fußballspiel zu kommentieren, ganze 76 Minuten kunstvoll und sehr unterhaltsam und witzig zu überbrücken. In diesen 76 Minuten haben doppelt so viele Leute zugeschaut wie nachher bei dem echten Spiel.

ZEIT ONLINE: Warum ist Improvisation in den Medien besonders spannend?

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David: Diskursivität liegt mir sehr am Herzen. Sie ist nämlich ein ganz wichtiges Kriterium dafür, dass Kommunikation gelingt. Ich habe den Verdacht, dass Improvisation ein klassischer Fall von Diskursivität ist: Improvisation ermöglicht ein Hin- und Her zwischen einer Person, die gewissermaßen auf der Bühne steht, und dem Publikum auf der anderen Seite. Die neuen Medien machen möglich, dass man antwortet, dass man zuhört, dass man Spiel zulässt. Das heißt auch, es passieren Dinge, die man nicht geplant hat. Und das Spannende ist: Am Ende kommt etwas heraus, was noch viel großartiger ist als das, was ursprünglich vorgesehen war.

ZEIT ONLINE: Und warum sind die Neuen Medien besonders gut dafür geeignet?

David: Ein Medium wie Twitter zum Beispiel ist besonders diskursiv. Man wirft Bälle, die dann von anderen aufgenommen und zurückgespielt werden. Oft entsteht dabei eine tolle Idee. Oder es docken Leute an, mit denen man Projekte machen kann, die man vorher gar nicht so bewusst geplant hätte. 

ZEIT ONLINE: Gerade im Netz passieren aber auch leichter Fehler. Würden Sie Unternehmen wirklich raten, sich auf das Feld der Improvisation zu begeben?
 
David: Wenn eine Firma zum Beispiel Twitter als Medium der Unternehmenskommunikation erlaubt, ist das nicht ohne Risiko. Dann hat man nicht mehr einen Unternehmenssprecher, der dann juristisch wasserdichte Statements abgibt. Es gibt weniger Kontrolle. Man sollte also sehr genau definieren, wer twittert und wer nicht. Was sind interne, was sind externe Informationen? Der Raum, in dem Improvisation stattfindet, sollte sicher sein.

ZEIT ONLINE: Aber warum sollte man solche Räume überhaupt schaffen?

David: Weil man damit ein tolles Instrument in der Hand hält. Bei normalen Unternehmens-Verlautbarungen hört doch heute niemand mehr hin. Wenn aber etwas improvisiert abläuft, dann weckt das Interesse. Dann steigt der Anreiz für das Publikum, einmal wirklich hinzuhören. Diesen Moment zu erzeugen, das ist eine besondere Chance.

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Leserkommentare
  1. Ich finde diese Selbstinszenierung einfach nur blöd.

  2. Schön. Lebendigkeit im Social Web versus wohldurchdachter Proklamation. Beleibt nur die Frage, ob wir lernen werden alte Postings zur "vergessen", wenn schon das Web nichts vergisst.

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  • Schlagworte Günther Jauch | Medien | Bühne | Katastrophe | Kommunikation | Marcel Reif
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