Menschen aller Schichten, aller politischen Anschauungen, sind in Spanien auf die Straße gegangen. Die Proteste vor den Wahlen entstammten keinem politischen Lager, stützten sich nicht auf eine Organisation, sondern wurden getragen von ganz normalen Bürgern.

Die Protestierer haben kein Programm, keine ausgefeilten Forderungen, keinen Plan B und schon gar keine Utopie. Sie wissen nur, dass alles falsch läuft und dass es so nicht weiter gehen kann. Sie eint allein ihr Zorn, ihre Wut über die Arbeitslosigkeit, über die rigiden Sparprogramme, mit denen die Folgen einer Krise bezahlt werden sollen, für die sich die Betroffenen nicht verantwortlich fühlen.

Der Spiegel schuf im Oktober 2010 den Begriff "Wutbürger" und meinte mit ihm jene, die das Gefühl hätten, "Mehrheit zu sein und die Lage besser beurteilen zu können als die Politik". Er meinte jene, die wollten, "dass alles so bleibt, wie es war"; jene, die das Neue ablehnten und nur an sich dächten und nicht an die Zukunft. "Der Wutbürger", schrieb Dirk Kurbjuweit, "macht sich zur letzten Instanz und hebelt dabei das gesamte System aus".

So kann man es sehen. Doch lassen sich solche Proteste auch anders betrachten. Drückt sich in ihnen doch ein neues bürgerliches Selbstverständnis aus. Ein Selbstverständnis, dass in unterschiedlichen Ausprägungen existiert und das inzwischen auf der ganzen Welt zu beobachten ist: bei den Studentenprotesten in England und zuvor in Österreich, bei dem immer neu aufflammenden Zorn der Griechen gegen die geplanten Streichungen, bei der amerikanischen Tea-Party-Bewegung und ihrem Protest gegen die Gesundheitsreform.

Letztlich ist jeder dieser Proteste lediglich ein Auflehnen gegen konkrete Regierungspolitik.

Doch werden die Eruptionen im Zusammenhang betrachtet, zeigt sich ein Bild: eine tiefe Krise, die in allen Gesellschaften die gleiche Ursache hat – die Menschen vertrauen ihren gewählten Vertretern nicht mehr. Ja, sie haben offensichtlich sogar das Vertrauen in die gesamte Idee verloren, dass jemand ihre Interessen in ihrem Auftrag vertritt. Es geht nicht mehr um das Wie des Regiertwerdens, sondern um das Regiertwerden an sich.

Was wir in Spanien, in Stuttgart, in London, in den USA und weltweit sehen, ist die Antwort auf die Frage, was passiert, wenn Meinungsfreiheit vom Recht zur gelebten Praxis wird. Was passiert, wenn Menschen ihre Stimme nicht mehr nur abgeben wollen, sondern wenn sie sie selbst nutzen, um zu sprechen.

Dank des Internets haben viele zum ersten Mal erlebt, wie es sich anfühlt, etwas zu sagen und damit gehört und verstanden zu werden. Wie es ist, seinen Zorn zu teilen, Solidarität zu erfahren, sich auszutauschen und zu organisieren.