Demonstranten auf der Puerta del Sol in Madrid © PEDRO ARMESTRE/AFP/Getty Images

Menschen aller Schichten, aller politischen Anschauungen, sind in Spanien auf die Straße gegangen. Die Proteste vor den Wahlen entstammten keinem politischen Lager, stützten sich nicht auf eine Organisation, sondern wurden getragen von ganz normalen Bürgern.

Die Protestierer haben kein Programm, keine ausgefeilten Forderungen, keinen Plan B und schon gar keine Utopie. Sie wissen nur, dass alles falsch läuft und dass es so nicht weiter gehen kann. Sie eint allein ihr Zorn, ihre Wut über die Arbeitslosigkeit, über die rigiden Sparprogramme, mit denen die Folgen einer Krise bezahlt werden sollen, für die sich die Betroffenen nicht verantwortlich fühlen.

Der Spiegel schuf im Oktober 2010 den Begriff "Wutbürger" und meinte mit ihm jene, die das Gefühl hätten, "Mehrheit zu sein und die Lage besser beurteilen zu können als die Politik". Er meinte jene, die wollten, "dass alles so bleibt, wie es war"; jene, die das Neue ablehnten und nur an sich dächten und nicht an die Zukunft. "Der Wutbürger", schrieb Dirk Kurbjuweit, "macht sich zur letzten Instanz und hebelt dabei das gesamte System aus".

So kann man es sehen. Doch lassen sich solche Proteste auch anders betrachten. Drückt sich in ihnen doch ein neues bürgerliches Selbstverständnis aus. Ein Selbstverständnis, dass in unterschiedlichen Ausprägungen existiert und das inzwischen auf der ganzen Welt zu beobachten ist: bei den Studentenprotesten in England und zuvor in Österreich, bei dem immer neu aufflammenden Zorn der Griechen gegen die geplanten Streichungen, bei der amerikanischen Tea-Party-Bewegung und ihrem Protest gegen die Gesundheitsreform.

Letztlich ist jeder dieser Proteste lediglich ein Auflehnen gegen konkrete Regierungspolitik.

Doch werden die Eruptionen im Zusammenhang betrachtet, zeigt sich ein Bild: eine tiefe Krise, die in allen Gesellschaften die gleiche Ursache hat – die Menschen vertrauen ihren gewählten Vertretern nicht mehr. Ja, sie haben offensichtlich sogar das Vertrauen in die gesamte Idee verloren, dass jemand ihre Interessen in ihrem Auftrag vertritt. Es geht nicht mehr um das Wie des Regiertwerdens, sondern um das Regiertwerden an sich.

Was wir in Spanien, in Stuttgart, in London, in den USA und weltweit sehen, ist die Antwort auf die Frage, was passiert, wenn Meinungsfreiheit vom Recht zur gelebten Praxis wird. Was passiert, wenn Menschen ihre Stimme nicht mehr nur abgeben wollen, sondern wenn sie sie selbst nutzen, um zu sprechen.

Dank des Internets haben viele zum ersten Mal erlebt, wie es sich anfühlt, etwas zu sagen und damit gehört und verstanden zu werden. Wie es ist, seinen Zorn zu teilen, Solidarität zu erfahren, sich auszutauschen und zu organisieren.

Das Regiertwerden fühlt sich nun fremd an

Diese Erfahrung der eigenen Stimme und der eigenen Macht lässt das Regiertwerden – auch das demokratische Regiertwerden – wie einen unnatürlichen und fremden Akt erscheinen.

Dank des Internets verändert die Gesellschaft gerade ihren Aggregatzustand. Nicht zum ersten Mal. Der Buchdruck war der Keim des Zeitalters der Aufklärung, das den Eisblock des Mittelalters sprengte und das unbewegliche, von Gott gegeben erscheinende Gesellschaftskonzept zum Einsturz brachte. Er war der Ursprung der Massengesellschaft, der Orientierung am sogenannten Mainstream.

Doch den breiten Fluss, der erkennbar in eine bestimmte Richtung strömt, um in der Metapher zu bleiben, wird es bald nicht mehr geben. Durch die direkte Kommunikation von jedem mit jedem unter den Augen aller werden nicht nur die Begriffe Öffentlichkeit und Privatheit durcheinander gewirbelt. Die direkte Kommunikation verändert den Diskurs insgesamt. Das neue Modell der Gesellschaft gleicht mehr einer Tag-Cloud, einer diffusen Wolke von Individuen, die sich je nach Thema immer neu sortieren. Es ist keine Richtung mehr sichtbar und die bislang so klaren politischen Linien beginnen sich aufzulösen.

Diese Krise verändert das System, auch wenn die einzelnen Menschen gar nicht bewusst gegen das System agieren, im Gegenteil. Sie fühlen sich nach wie vor als Teil davon. "Wir sind nicht gegen das System, das System ist gegen uns!", lautet einer der populäreren Sprechchöre in Spanien. Die, die ihn rufen, ahnen nicht, dass letztlich das Konzept Regierungspolitik delegitimiert wird, wenn so viele Bürger es permanent und lautstark infrage stellen.

Der Prozess politischer Meinungsbildung hat dank Internet eine Komplexität erreicht, der politische Institutionen wie Parteien, Parlamente und Regierungen nicht mehr gerecht werden können. Die Demokratien werden deshalb nicht gleich in sich zusammenstürzen, wie es die Regime in Ägypten und Tunesien taten. Sie werden aber neue Verfahren verhandeln müssen, wie ihre Arbeit legitimiert werden kann. Sie werden also vor allem mehr Transparenz und mehr Mitbestimmung zulassen müssen.

Mindestens. Könnte doch auch die Frage diskutiert werden, ob eine Reform der bestehenden Institutionen überhaupt ausreicht und ob es nicht neue Formen der gesellschaftlichen Willensbildung braucht.

Denn die Menschen werden selbstbewusster, sie wollen mehr Einfluss und mehr Gehör für ihre individuellen Ideen. Um beim Bild vom Strom der Masse zu bleiben: Die Begradigung und Befriedung des Flusses ist überholt. Das Wasser gibt es so nicht mehr. Es gibt nur noch unzählige Moleküle, die sich scheinbar chaotisch hin und her bewegen und sich dabei doch immer nur neu sortieren. Der Souverän ist durch das Internet souveräner geworden. Nun fordert er seine neue Macht ein.

Auf einem der Plakate, das während der Proteste dort zu sehen war, stand: "Die Macht kommt aus dem Volk. Man soll sie uns zurückgeben, wir können es auch nicht schlechter machen."