Soziale NetzwerkeFacebook wächst nicht mehr so schnell

Eine Milliarde Nutzer, das ist das erklärte Ziel von Facebook. Doch nun stagnieren offenbar die Wachstumsraten, in den USA sinken die Mitgliederzahlen sogar erstmals. von 

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg  |  © Justin Sullivan/Getty Images

Wenn Facebook im kommenden Jahr an die Börse geht, könnte das Unternehmen dem US-Fernsehsender CNBC zufolge 100 Milliarden Dollar wert sein, das Hundertfache dessen, was im Jahr 2010 als Gewinn ausgewiesen wurde.

Weniger Freude dürfte Firmengründer Mark Zuckerberg derzeit das Wachstum der Nutzerzahlen seines Dienstes machen: Offenbar stagnieren sie erstmals. In Nordamerika verlor Facebook sogar mehr Mitglieder, als es hinzugewann, berichtet der Dienst Inside Facebook . In den USA sollen allein im Mai 2011 fast sechs Millionen Facebook verlassen haben, die Zahl der Nutzer sank im Mai von insgesamt 155,2 Millionen auf 149,4 Millionen. Auch in Kanada gibt es diese Abwanderung, dort waren es 1,52 Millionen weniger und damit 16,6 Millionen Facebook-Nutzer.

Anzeige

Weltweit steigen die Nutzerzahlen weiter, jedoch deutlich langsamer als bisher, berichtet Inside Facebook : Im Mai und Juni wuchs das Netzwerk um 12 beziehungsweise 14 Millionen Nutzer. In den 12 Monaten davor konnte Facebook in der Regel aber mindestens 20 Millionen Neuzugänge pro Monat verzeichnen. Insgesamt hat Facebook 687 Millionen aktive Nutzer weltweit.

Privatsphäre

Die 2004 gestartete Seite Facebook will nach Aussage ihre Gründers Mark Zuckerberg die Welt offener und vernetzter machen. Das gelingt ihr offensichtlich viel zu gut, gab es doch bereits häufig Proteste, Facebook nötige seine Nutzer zu mehr Offenheit, als diese sich wünschten. So sammelt die Seite E-Mail-Adressen und Telefonnummern auch von Nichtmitgliedern, wenn Mitglieder ihr Adressbuch bei Facebook speichern. Sie nutzt diese Informationen, um Nichtmitglieder zu kontaktieren. Facebook betont, dass dabei keine "Schattenprofile" von Nichtmitgliedern erstellt werden. Der Konzern hat auf den Widerstand seiner Nutzer reagiert und zumindest die möglichen Einstellungen, welche Profilinformationen für wen sichtbar sein sollen, überarbeitet. Auch "Gruppen" wurden eingeführt. Nutzer können ihre Kontakte in solchen organisieren, damit nicht jede Information an alle geht.

Vernetzung

Aufgrund der Struktur der Seite ist es jedoch möglich, Schlüsse über jemanden zu ziehen, die er so nicht beabsichtigt hatte. Allein die als Freunde bezeichneten Mitglieder können durch ihre Interessen beispielsweise nahe legen, dass jemand homosexuell ist, auch wenn er selbst das nicht in seinem Profil angibt. Der hohe Vernetzungsgrad und die vielen verfügbaren Informationen machen es möglich, statistische Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und so neue Schlüsse zu ziehen. Kritiker sagen, das Netzwerk könne beispielsweise für Dissidenten lebensgefährlich sein, da es Gruppenstrukturen durchschaubar mache.

Profil

Wer Facebook nutzen, aber so wenig wie möglich über sich verraten will, sollte beispielsweise keinen Gruppen beitreten und keine persönlichen Interessen wie Musik angeben. Was genau das eigene Profil nach außen sichtbar macht, lässt sich unter anderem bei dieser Seite abfragen. Sie nutzt die offizielle API von Facebook, die Schnittstelle also, durch die externe Firmen Informationen über Mitglieder beziehen dürfen. Wer sich darüber hinaus davor schützen will, dass ihm mit einem gestohlenen Passwort sein halbes Leben abhanden kommt, kann inzwischen beim Login in seinen Account temporäre Passwörter nutzen.

Ein Grund für die Abwanderung könnten die Sicherheitslücken und die andauernde Diskussion um den Datenschutz sein. Im vergangenen Jahr griffen außerdem Projekte wie Diaspora und Openneuronet die Unzufriedenheit vieler Nutzer mit der Datenschutzpolitik von Facebook auf und boten konkurrierende Dienste an. Auch wenn keine davon auch nur in die Nähe solch enormer Nutzerzahlen kommt, könnte ihr Wachstum ein Indiz dafür sein, dass Facebook bei seinen Ausdehnungsmöglichkeiten langsam eine natürliche Grenze erreicht.

Die größten Zuwächse werden derzeit wohl in Ländern wie Brasilien, Indien oder den Philippinen erreicht. Die klassischen Märkte wie Nordamerika und Europa scheinen "gesättigt", zumindest abgesehen von Deutschland. Dort war der Konkurrent VZ-Netzwerke (der zur gleichen Verlagsgruppe wie ZEIT ONLINE gehört), lange stärker, verliert inzwischen jedoch immer mehr an Boden.

Derzeit ist Facebook nur noch ein riesiger Markt verschlossen: China. Es gibt Berichte, dass Zuckerberg großes Interesse daran hat , nach China zu expandieren. Doch müsste er sich dabei den dortigen Zensurwünschen unterwerfen, was das Image der Marke schädigen und auf anderen Märkten negative Effekte haben könnte.

Inside Facebook erhebt seine Daten mithilfe eines von Facebook selbst bereit gestellten Werbe-Tools und vermarktet die gewonnen Informationen. Die Firma selbst weist darauf hin, dass es auch durchaus widersprüchliche Daten gibt. Andere Werbemessprogramme, hier Comscore und Google Ad Planner, zeigten ein stabiles beziehungsweise ein großes Userwachstum bei Facebook.

Facebook gibt keine Zahlen über seine Nutzer preis. Lediglich große Schritte werden kommuniziert, wie der Zeitpunkt, als 500 Millionen Menschen Mitglied waren.

Das Netzwerk erklärte in einer Reaktion auf die Meldung, dass die Daten von Inside Facebook lediglich die Reichweite der geschalteten Werbung messen würden und deshalb nichts über das Gesamtwachstum des Netzwerks aussagten. Man sei "sehr zufrieden" mit dem Wachstum, zitiert Inside Facebook den Konzern.

Update: Wie golem.de berichtet , erklärte Facebook inzwischen, in "einigen wenigen Märkten" sei "langsam" eine Sättigung erreicht.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. dass ein virtuelles Projekt an seine "natürlichen Grenzen" stoßen kann.

    Eine Leserempfehlung
  2. Sobald auch Facebook in Bedrängnis gerät und alle Daten quer über den Globus verkauft, wird es richtig wirr. Der Sony-Hack war dagegen noch ein kleiner Fisch.

    Stellt euch einfach mal vor, die ganzen persönlichen Informationen aus Facebook kommen in falsche Hände. Und das wird unweigerlich passieren.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Stellt euch einfach mal vor, die ganzen persönlichen Informationen aus Facebook kommen in falsche Hände. Und das wird unweigerlich passieren."

    Die Informationen sind bereits in falschen Händen. Durch eine Hack würden es nur ein paar falsche Hände mehr.

    • Zack34
    • 14. Juni 2011 21:25 Uhr

    Wie, Sie haben etwa allen ernstes dort freiwillig einen account eingerichtet? Gratuliere...

  3. Sehr treffend formuliert es dieser Herr hier:

    http://www.jperla.com/blo...

    hier noch eine Beschreibung, was ein "Ponzi Scheme" ist:

    http://en.wikipedia.org/w...

    Wenn alle Firmen mal erfolglos bei Facebook geworben haben, dann nimmt FB nichts mehr ein, kann sich den Traffic nichtmehr leisten und evtl. noch einen letzten Dollar durch den Verkauf der Nutzerdaten machen. Dann wird es zu Klagen kommen, Schadensersatzforderungen von Nutzern und Datenschützern werden den Gewinn ein wenig schmälern und die Bossis von FB werden mit ihren "Restflocken" (einige hundert Millionen) ein schönes Leben haben.

    3 Leserempfehlungen
  4. "einpendeln" nennt sich das. facebook wird nichtsdesto trotz als standard etabliert bleiben. bis ein nachfolger kommt, aber der wirds erstmal schwer haben, denn die nutzerbasis ist sehr wichtig bei sowas. da müsste sich facebook schon so dumm anstellen wie myspace … und da glaube ich irgendwie nicht dran.

  5. "Stellt euch einfach mal vor, die ganzen persönlichen Informationen aus Facebook kommen in falsche Hände. Und das wird unweigerlich passieren."

    Die Informationen sind bereits in falschen Händen. Durch eine Hack würden es nur ein paar falsche Hände mehr.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Viel Spass!"
  6. Was sagt die Zahl der Mitglieder schon aus? Wichtiger ist die Zahl der täglichen Nutzer. Denn ich kann mir gut vorstellen, dass ein Teil der Nutzerkonten nur "Karteileichen" sind.

    Ich warte immer noch auf den Tag wo mir jemand den Mehrwert von "sozialen" Netzwerken erklären kann. Bis dahin lächel ich nur müde über die Personen die sich gebauchpinselt fühlen nur weil sie "Freunde" im Netz haben.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Im ZEIT online Quiz bin ich eben auf ein Zitat von Mark Zuckerberg gestoßen, das Ihnen den Mehrwert von Facebook erklärt: "Facebook hilft, mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die wir auch im echten Leben kennen. Mehr nicht. Wer glaubt, dass jeder Facebook-Kontakt ein Freund ist, der weiß nicht was Freundschaft bedeutet.""

  7. Die Spezialisten von der Börse schätzen, dass Facebook beim Börsengang in 2012 etwa 100 Mrd Dollar wert sein könnte. Vor etwa 3 Monaten gingen die Schätzungen noch in Richtung 50 Mrd.

    Schon das wären 70 Dollar pro User gewesen, jetzt sind es 140 Dollar. Wie sich das rechnet, ist mir ein Rätsel.

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Facebook | Datenschutz | Diaspora | Brasilien | Börse | China
Service