Werbevideo von Google zu den "Circles" im Dienst "Plus" © Screenshot ZEIT ONLINE

Ist Google+, oder Googleplus, der lange erwartete frontale Angriff auf Facebook? Gut möglich. Immerhin gibt es einige hübsche Funktionen, die das blaue Netzwerk nicht hat. Google bietet auch ohne Plus irgendwie alles: die Suchfunktion, E-Mails, einen Bilderdienst (Picasa), Nachrichtensysteme (Buzz, Reader), Videos (YouTube), ein Officepaket (Docs). Und all diese Angebote sind irgendwie auch "sozial", daher mit Profilen anderer verknüpfbar. Trotzdem ist Facebook mit seinem Dienst viel erfolgreicher.

Seit Langem arbeitet Google daran, ein ebenso erfolgreiches "soziales Netzwerk" zu schaffen , einen zentralen Ort also, an dem sich viele Menschen lange aufhalten, an dem sie miteinander reden und Informationen miteinander teilen. Geleitet wurde das nun vorgestellte Projekt Google+ von Larry Page persönlich, einem der beiden Gründer Googles. Und der Anspruch ist googletypisch absolut: Feinheiten und Reichtum menschlicher Interaktion könnten bislang online nicht richtig dargestellt werden, heißt es in der Ankündigung zum Start. Das Teilen von Dingen im Netz geschehe "ungelenk", ja sogar "zerstückelt". "Wir wollen das ändern."

Das meint nicht nur den Versuch, ein zweites Facebook zu bauen. Google sucht nach einem Weg, seine Technologie, seine Geschäftsidee und sein Wissen in die Zukunft zu transportieren. Dazu genügt eine klassische Suchmaschine nicht mehr, denn längst bestimmen unsere sozialen Kontakte mit, welche Informationen wir sehen .

Außerdem ist die wichtigste Währung im Netz die Aufmerksamkeit der Nutzer. Und berechnet sich der Firmenwert nach dieser, sieht Google schlecht aus und Facebook ziemlich gut. Denn wer wenig Zeit hat, will viele Dinge an einem Ort erledigen können, ohne sich ständig woanders einloggen zu müssen. Das ist das eigentliche Geheimnis Facebooks und der Grund, warum Firmen dort Werbeflächen kaufen wollen. Google+ soll auch so ein Ort werden.

Es ist der zweite Versuch Googles, ein Netzwerk zu bauen. Der erste heißt Orkut, war 2004 gestartet und ist heute nahezu ausschließlich in Brasilien und Indien verbreitet, ein wenig auch noch in Japan und den USA. Internationale Bedeutung erlangte es nie.

Noch ist Google selbst sehr vorsichtig und bezeichnet Google+ als "Feldtest" , den man nur langsam ausweiten wolle. Rein kommt derzeit nur, wer von einem Mitglied eingeladen wird. Der erste Eindruck aber ist gut. Wer sich in Facebook herumtreibt, wird sich in Google+ schnell zurechtfinden. Denn die Seite sieht auf den ersten Blick aus wie eine weiße Version des großen blauen Bruders.

Auffälligster Unterschied zu Facebook ist die Sortierung der Kontakte in Circles , in Kreisen. Jeder neue Kontakt kann mit einem Klick einem selbst definierten Circle zugeordnet werden. Mit dem Effekt, dass ankommende und rausgehende Informationen nach diesen Kreisen gefiltert werden können. Wer nur mit seinen Kollegen oder nur seiner Familie kommunizieren will, klickt auf den entsprechenden Kreis und sieht nur deren Meldung. Gleichzeitig kann bei jeder Botschaft entschieden werden, wer sie lesen können soll.

Facebook hat eine ähnliche Funktion. Sie wird dort "Liste" genannt und wurde erst spät und auf Druck der Nutzer eingeführt. Offensichtlich ist es uns ein Bedürfnis, nicht alles mit jedem zu teilen. Wir wollen entscheiden können, wer was erfährt. Das Open-Source-Netzwerk Diaspora hatte das ebenfalls erkannt und solche Kreise installiert. Google verwendet sie nun auch – unklar ist, wer die Idee zuerst hatte.