Schule : Twitter-Unterricht

Twittern im Unterricht? Klar, sagen einige Pädagogen und setzen das Internet gezielt ein, um Wissen zu vermitteln und Diskussionen anzustoßen.
Unterricht am Whiteboard, einer Tafel, die auch einen Netzzugang hat © HERWIG VERGULT/AFP/Getty Images

Lehrer scheuen sich immer weniger davor, auch online auf ihre Schüler zuzugehen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, bei Hausaufgaben zu helfen und Ratschläge zu verteilen. Manche gehen sogar noch weiter: Sie verwenden soziale Netzwerke nicht nur nachmittags nach dem Pausengong, sondern mitten im Unterricht, vor versammelter Klasse.

Früher sammelten Lehrer Mobiltelefone vor dem Unterricht ein, um Ablenkungen zu vermeiden. Inzwischen raten Pädagogen dazu, sich den Herausforderungen des medialen Wandels zu stellen. Der Koblenzer Geschichtslehrer Daniel Eisenmenger etwa setzt GoogleMaps, YouTube und auch Twitter bewusst im Unterricht ein und bloggt über seine Erfahrungen.

Und gerade Twitter lässt sich dafür nutzen. Ist es doch bestens dafür geeignet, im Unterricht Schüler für neue Diskussionsformen zu gewinnen. Wie, das hat beispielsweise der Medienpädagoge Björn Friedrich untersucht.

Die Versuchsanordnung sieht folgendermaßen aus: Im Unterricht wird ein klassisches Thema des Lehrplans verhandelt, etwa ein Gedicht von Henry Miller. Während der Lehrer über das Gedicht referiert, können die Schüler – allesamt vor Laptops sitzend – Kommentare abgeben und persönliche Meinungen artikulieren. Jeweils 140 Zeichen lang dürfen die Meldungen sein. Das fördert den Gesprächsverlauf, weil so die Schwelle in der Klasse niedriger ist, sich am Unterricht zu beteiligen und eigene Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Auf diese Weise werden gerade zurückhaltende Schüler zum Diskutieren animiert, die sich im Normalfall heraushalten würden.

Auch kann es Aufgabe sein, eine Kurzgeschichte zu schreiben, die nicht mehr als eben diese 140 Zeichen hat, die beste wird prämiert. Der Twitterer @tiny_tales macht das seit einiger Zeit erfolgreich vor.

Wer sich an zähe Deutschstunden erinnert, wird sich ausmalen können, wie produktiv ein solches textbasiertes Gespräch sein kann. Natürlich trägt der digitale Unterricht nur dann zur Diskussion bei, wenn der Lehrer die auf dem Bildschirm erscheinenden Kommentare aufgreift und in seinen Unterricht integriert.

Gelingt das, können damit auch sonst eher stille Schüler erreicht werden, wie Nicholas Provenzano, Englisch-Lehrer an einer High-School in der Nähe von Detroit, in der New York Times berichtete. Bei Twitter und auf seiner Website nennt er sich "the nerdy teacher", der nerdige Lehrer. Er sagte demnach, dass bei einer dreißigköpfigen Schulklasse mindestens acht seiner Schüler, die normalerweise schweigen würden, sich auf diese Weise an der Diskussion beteiligten.

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Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Na endlich...

kann man da nur sagen!
Speziell auch Deutschland gehört innerhalb der EU mit zu den Schlusslichtern bei z.B. der Facebook penetration.
http://www.internetworlds...

Wenn dann auch noch Aufklärung greift, fernab der üblichen Verteufelung wie durch Aigner und Co. und einer wildgewordenen Horte von Datenschützern, kann das nur von Vorteil sein.
Google Street View gehört in jedes Klassenzimmer!
Ergänzt durch 360°cities view:
http://www.360cities.net/...

Aus Versehen mehr als 140 Zeichen

Optimale Vorbereitung auf das Leben nach der Schule.
"I´m so shy, I don´t dare nuttin´"

Der Meister wird angetwittert, der Prof sowieso, die Talare müssen eh mal wieder entmufft werden, in den Teamsitzungen in der Arbeitswelt geht es dann ganz multimedial zu, per Laptop und Beamer kann jeder gleich sehen, was ein "Diskutant" eigentlich hätte sagen wollen.

Hat natürlich auch seine Vorteile. Sollte es einen derartig geprägten Schüler einmal in die Politik verschlagen, sind die Reden nur noch 140 Zeichen lang.

Rethorik? Sprachliche Ausdrucksfähigkeit? Diskussionsfähigkeit? Konzentration? Aufmerksamkeitsspanne? Direktes Reagieren?
Von Gestern.

Schule und Kommerz

Seti insbesondere "konservative" Schulpolitiker die Schule dem Kommerz immer weiter öffnen (Bertelsmann als tollstes Beispiel), sind die Schleusen für jeden Quark geöffnet. Schon immer gab es bei Schülern ein geteiltes Leben: die Schule für die dauerhaften Kenntnisse und überlieferten Erfahrungen, dann "das wahre Leben". Alle Ansätze, das miteinander zu verbinden, können nur scheitern. Das belegen alle Erkenntnisse der Institutionenkunde.
Also liebe Schule, bleibe in Deinem Tun altmodisch, aber das an den modernsten Inhalten und mit den geeignetsten Methoden. Und verfalle nicht weiter dem Wahn, dass die Abschlüsse überall gleichwertig sein können. Lehrer/innen und Schüler/innen sind nun mal verschieden.

Na super. Genau davon hab ich immer getraeumt.

Ich sitz bei so Informationen direkt an der Quelle, da meine Mutter Grundschullehrerin ist.

Und erst vor einigen Tagen hatten wir wieder eine Unterhaltung über die mangelhaften Deutschkenntnisse vieler Schüler.

Ich bin mir absolut sicher, dass diese Schwäche durch die Nutzung von Twitter (Esse Frühstück, Gehe auf Klo) weiter verstärkt wird. Denn zu sprachlichen Höhenflügen führt dieser Unterricht sicher nicht.

Und außerdem werden vielleicht sonst stillere Schüler besser eigebunden... jemand, der langsam tippt, weil er wenig Affinität zu PCs hat (solls ja auch geben) wird dafür ausgebremst.

So sehr ich die Nutzung neuer Medien in der Schule beführworte: Twitter ist das absolut letzte, womit Heranwachsende bei der Ausbildung ihrer sprachlichen Fähigkeiten in Kontakt kommen sollten.