Externes GedächtnisInternet macht vielleicht doch nicht dumm

Das Netz kann helfen, Informationen aus dem Gedächtnis auszulagern. Das macht nicht dumm, sondern ermöglicht uns, Zusammenhänge zu erkennen, glauben Forscher.

Ein menschliches Gehirn in einem Glaskasten, als Bestandteil einer interaktiven Ausstellung in Brasilien, die sich mit Funktion und Physiologie des Gehirns auseinandergesetzt hat.

Ein menschliches Gehirn in einem Glaskasten, als Bestandteil einer interaktiven Ausstellung in Brasilien, die sich mit Funktion und Physiologie des Gehirns auseinandergesetzt hat.

Das Internet macht dumm, lautet ein verbreitetes Vorurteil. Psychologen der Columbia University haben untersucht, ob das stimmt.

Die These besagt, dass die zunehmende Informationsflut durch Nachrichtenwebsites, Twitter, Facebook und Youtube uns ablenkt, uns weniger aufnehmen und nachdenken lässt – dass sie uns schlicht dumm macht . Welche Auswirkungen das Internet tatsächlich auf unser Gedächtnis hat, wurde bislang aber nicht empirisch erforscht.

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Erste Experimente dazu hat nun die Psychologin Betsy Sparrow von der Columbia University durchgeführt und im Fachblatt Science veröffentlicht , wie das Magazin Technology Review berichtet .

Sparrow teilte dazu Studenten in zwei Gruppen ein und ließ sie kurze Statements lesen und am Computer aufschreiben. Der einen Gruppe wurde im Vorfeld gesagt, dass die abgetippten Statements anschließend gespeichert würden, während der anderen erzählt wurde, dass man die Texte dann löschen werde. Der Hälfte jeder Gruppe wurde außerdem aufgetragen, sich neben dem Abtippen die Statements bewusst einzuprägen.

Dabei stellte sich heraus, dass die Studenten, die wussten, dass die Statements wieder gelöscht werden, sich besser an sie erinnern konnten. Und zwar unabhängig davon, ob sie den Auftrag hatten, sich die Informationen bewusst zu merken oder nicht.

In einem zweiten Experiment wurde einem Teil der Studenten gesagt, dass die abgetippten Statements in einem bestimmten Ordner auf dem Computer gespeichert würden. Bei der Auswertung zeigte sich, dass die Studenten sich besser an den Ort erinnern konnten, an dem die Information zu finden ist, als an die Information selbst.

Daraus leitet das Forscherteam um Sparrow ab, dass wir uns wahrscheinlich weniger gut Fakten einprägen, wenn wir wissen, dass wir sie leicht nachschauen können. Der Ordner auf dem Computer kann dabei durchaus gleichgesetzt werden mit beispielsweise dem Internet.

Diese Theorie erweitert die bislang geltenden Modelle, wie wir Zugang zu unserem Gedächtnis finden. Daniel Wegener , Psychologe an der Harvard Universität und Co-Autor der neuen Studie, schlug bereits vor 30 Jahren die Idee vom transactive memory vor, von einem kollektiven sozialen Gedächtnis.

Die Theorie betrachtet das Gedächtnis als ein Team von Kollegen. Auch in diesem weiß nicht jeder alles, sondern das gemeinsame Wissen ist eine Summe der Dinge, die jeder Einzelne weiß. Wir merken uns dabei vor allem die Meta-Information: Wer etwas weiß. Die Idee von Sparrow und Wegner ist, dass das Internet – dank Suchmaschinen wie Google – eine ähnliche Funktion hat: dass es also eine Erweiterung unseres Gedächtnisses sein kann.

Schließlich googeln wir auch alte Schulfreunde, suchen nach Artikeln oder schauen den Namen des Schauspielers nach, der uns auf der Zunge liegt – schließlich sind solche Informationen dank Suchmaschinen nur einen Klick entfernt.

"Sparrows Studie zeigt, wie flexibel unser Gehirn ist, wenn es um die Anpassung an unsere Werkzeuge geht", zitiert Technology Review den Autor Nicolas Carr , dessen Buch The Shallows: What the Internet Is Doing to Our Brains gerade für den Pulitzerpreis nominiert ist. Allerdings sieht Carr diese Anpassung nicht positiv: "Es ist wirklich wichtig, dass es einen Unterschied zwischen externem und internem Gedächtnis gibt", sagt er. "Wenn man etwas nicht verinnerlicht, dann wird das Verständnis weniger persönlich, weniger unverwechselbar und in letzter Konsequenz oberflächlicher."

Sparrow selbst sieht diesen Prozess hingegen positiv. Unser Gedächtnis passe sich dem Internet an, genau wie es sich in der Vergangenheit auch an andere "Technologien" angepasst habe, beispielsweise an das geschriebene Wort.

Sie arbeitet nun daran, mögliche Vorteile des Internets als externes Gedächtnis mit weiteren Experimenten zu überprüfen. Dabei hat sie folgende Theorie: Wenn wir wissen, dass Details später noch irgendwo abrufbar sind, konzentrieren wir uns mehr darauf, den Kontext von Informationen zu erkennen. Solche Zusammenhänge würden uns entgehen, wenn wir uns in Details verzetteln.

Doch gibt es auch Kritiker der Ergebnisse. Technology Review zitiert Mary Potter , Psychologin am Massachusetts Institute of Technology (MIT) . Sie sagt, Sparrows Studie unterstütze zwar die verbreitete Ansicht, dass wir Menschen Werkzeuge wie Zettel oder Festplatten nutzen, um uns Informationen zu merken. Jedoch seien die Ergebnisse der Studie nur gerade eben statistisch signifikant. Als gesicherten Fakt solle man sie daher nicht ansehen, sondern nur als eine Möglichkeit.

Außerdem merkt Potter demnach an, dass es nicht unbedingt ein psychologisches Phänomen sein müsse, was Sparrow da beobachtet habe, es könne auch ein soziologisches sein: "Wenn ein Freund sein Smartphone hervorholt, um Informationen zu einer Band nachzuschauen", könne er das auch tun, "weil es Spaß macht" und nicht, weil unser Gehirn sich verändert hat und nun anders Informationen speichert.

 
Leserkommentare
  1. Ich würde sagen, das Internet macht schlauer, wenn man damit umgehen kann.

    Am interessantesten finde ich den letzten Absatz. Ich schaue heute Sachen nach, die ich früher nicht nachgeschlagen hätte, weil es viel schneller und bequemer geht. Insofern glaube ich auch (noch) nicht an Gehirnveränderungen.

    Ganz interessant in dem Zusammenhang finde ich diesen Artikel, da geht's weiter unten um "belegte" Kapazität:

    http://www.nytimes.com/20...

    • Blin3
    • 15.07.2011 um 18:08 Uhr

    Mich erinnert das sofort an die Rechnerarchitektur. Die CPU ist das Herzstück jedes Programms und doch hat es nur minimale Informationsmengen direkt parat. Diese sind z.B Adressen von Daten die im Hauptspeicher liegen und bezogen werden können, sobald die CPU das will.

    So kann man eigentlich mehr Wissen besitzen, als es geistig möglich wäre (wobei man nie das gesamte Gehirn ausnutzt).

    Allerdings hätte man den Nachteil dass man die "Daten" erst wieder lesen müsste, wenn man mit diesen arbeiten will. Jemand der alles im Kopf hat spart sich diesen Schritt.

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    prozessiert das alles aber vielleicht viel langsamer, weil er ja zwischen viel mehr Daten sortieren muss. So ist der "ersparte Schritt" dann vielleicht doch kein Zeitvorteil.

    Allerdings hätte man den Nachteil dass man die "Daten" erst wieder lesen müsste, wenn man mit diesen arbeiten will. Jemand der alles im Kopf hat spart sich diesen Schritt.

    Dafür ist es sehr teuer die Daten erst einmal in den Kopf zu bekommen. Ich persönlich finde es sinnvoller sich mit Zusammenhängen zu beschäftigen und sie zu verstehen anstatt pures Faktenwissen auswendig zu lernen.

    Die Menschheit hat mittlerweile so viel Wissen erarbeitet, dass ein Mensch sich nur ein verschwindend kleinen Bruchteil davon im Leben aneignen kann. Und seien wir doch realistisch, der Trend in der Berufswelt geht dahin, dass wir mehr als einen Beruf im Laufe des Lebens ausüben müssen. Umschulungen und Fortbildungen werden völlig normal. Warum sich immer wieder - auch im hohen Alter - mit Detailwissen vollprügeln, wenn die essentiellen Grundlagen für den Einstieg völlig ausreichen? Detailwissen braucht nur jederzeit sehr schnell abfragbar sein.

    Albert Einstein wird gern mit dem Satz "Wissen heißt wissen, wissen wo es geschrieben steht" zitiert. Darauf sollte sich unsere Gesellschaft und unser Bildungssystem einstellen. Mit dieser Maxime habe ich es erfolgreich durch das Abitur und eines der anspruchsvollsten Universitätsstudienfächer - namentlich Informatik - in Deutschland geschafft.

    prozessiert das alles aber vielleicht viel langsamer, weil er ja zwischen viel mehr Daten sortieren muss. So ist der "ersparte Schritt" dann vielleicht doch kein Zeitvorteil.

    Allerdings hätte man den Nachteil dass man die "Daten" erst wieder lesen müsste, wenn man mit diesen arbeiten will. Jemand der alles im Kopf hat spart sich diesen Schritt.

    Dafür ist es sehr teuer die Daten erst einmal in den Kopf zu bekommen. Ich persönlich finde es sinnvoller sich mit Zusammenhängen zu beschäftigen und sie zu verstehen anstatt pures Faktenwissen auswendig zu lernen.

    Die Menschheit hat mittlerweile so viel Wissen erarbeitet, dass ein Mensch sich nur ein verschwindend kleinen Bruchteil davon im Leben aneignen kann. Und seien wir doch realistisch, der Trend in der Berufswelt geht dahin, dass wir mehr als einen Beruf im Laufe des Lebens ausüben müssen. Umschulungen und Fortbildungen werden völlig normal. Warum sich immer wieder - auch im hohen Alter - mit Detailwissen vollprügeln, wenn die essentiellen Grundlagen für den Einstieg völlig ausreichen? Detailwissen braucht nur jederzeit sehr schnell abfragbar sein.

    Albert Einstein wird gern mit dem Satz "Wissen heißt wissen, wissen wo es geschrieben steht" zitiert. Darauf sollte sich unsere Gesellschaft und unser Bildungssystem einstellen. Mit dieser Maxime habe ich es erfolgreich durch das Abitur und eines der anspruchsvollsten Universitätsstudienfächer - namentlich Informatik - in Deutschland geschafft.

  2. prozessiert das alles aber vielleicht viel langsamer, weil er ja zwischen viel mehr Daten sortieren muss. So ist der "ersparte Schritt" dann vielleicht doch kein Zeitvorteil.

    Antwort auf "Natürlich"
  3. Diese als revolutionär verkaufte Erkenntnis ist schon ziemlich alt. Bereits meine Lehrer auf dem Gymnasium (70er Jahre) behaupteten, man müsse nicht alles wissen, man müsse nur wissen, wo es steht. Leider war dieser Rat damals ziemlich nutzlos, denn bei Klassenarbeiten durfte man keine Fachliteratur benutzen (jaja, die Lehrer waren immer schon arrogante Besserwisser ohne jeden Praxisbezug ...).
    Vielleicht brechen ja jetzt bessere Zeiten an, wenn der geplagte Schüler sein iPad zur Recherche heranziehen darf. Aber wahrscheinlich muss dann der Leistungstest schon dissertationsreife Qualitäten aufweisen, denn "Wissen" als Fähigkeit des korrekten Abschreibens ist ja nun wahrlich keine Kunst mehr (sogar etliche zeitgenössische Politiker/innen haben das nebenher ganz locker geschafft ...).
    Ach, das Lernen wird ewig anstrengend bleiben ...

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    • Puh
    • 15.07.2011 um 18:45 Uhr

    ändert aber nicht wirklich was. Es gibt ja durchaus Lehrer, auch Hochschullehrer, die bei Leistungskontrollen die Benutzung von Unterlagen zulassen. Wörterbücher sind in vielen Fällen ja sowieso erlaubt. Der Notenschnitt wird dadurch aber nicht besser, oft sogar schlechter, weil sich die Leute jetzt nicht mehr vorbereiten und deshalb das Problem eben nicht gedanklich durchdringen.

    • Puh
    • 15.07.2011 um 18:45 Uhr

    ändert aber nicht wirklich was. Es gibt ja durchaus Lehrer, auch Hochschullehrer, die bei Leistungskontrollen die Benutzung von Unterlagen zulassen. Wörterbücher sind in vielen Fällen ja sowieso erlaubt. Der Notenschnitt wird dadurch aber nicht besser, oft sogar schlechter, weil sich die Leute jetzt nicht mehr vorbereiten und deshalb das Problem eben nicht gedanklich durchdringen.

    • Puh
    • 15.07.2011 um 18:45 Uhr

    ändert aber nicht wirklich was. Es gibt ja durchaus Lehrer, auch Hochschullehrer, die bei Leistungskontrollen die Benutzung von Unterlagen zulassen. Wörterbücher sind in vielen Fällen ja sowieso erlaubt. Der Notenschnitt wird dadurch aber nicht besser, oft sogar schlechter, weil sich die Leute jetzt nicht mehr vorbereiten und deshalb das Problem eben nicht gedanklich durchdringen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Alte Weisheit"
  4. wenn ich bestimmte Dinge eben doch schnell weiß und nicht nur erst nachschlagen muss.

    Ohne die direkte Verknüpfung von Inhalten und Theorien im Hirn wird es nicht funktionieren.

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