Julia Probst hatte nie ein Schrifttelefon. Wenn sie sich im Teenageralter mit hörenden Freunden verabreden wollte, rief ihre Mutter für sie an. Probst ist eine von 80.000 Gehörlosen in Deutschland und doch nicht wie die anderen. Die 29-Jährige ging auf eine Grundschule für Hörende, ist lautsprachig aufgewachsen, Deutsch in Wort und Schrift ist für sie nicht Fremd-, sondern Muttersprache. Die Gebärdensprache hat sie erst mit 17 gelernt.

Trotzdem hatte sie Mühe, die Technik zu nutzen, die Hörenden so selbstverständlich ist. Dann, 1997, kam der heimische AOL-Anschluss und Probst ins Internet.

Heute bloggt sie über ihren Alltag als Gehörlose und twittert, was sie bei Fußballturnieren den Spielern auf dem Platz von den Lippen abgelesen hat. Sie lebt vor, dass das Internet für Gehörlose so wichtig ist, wie es die Einführung des Telefons für Hörende gewesen sein muss. Und gleichzeitig ist sie ein prominentes Beispiel dafür, wie Gehörlose in eben diesem Internet benachteiligt werden.

Natürlich, bestätigt Probst im Chatinterview, habe das Internet durch Chats, Webcams, Foren und Portale den Gehörlosen ungemein bei ihrer Emanzipierung geholfen. Der Zugang und die damit verbundene Unabhängigkeit funktionierten aber nur für jene Gehörlosen, die kein Problem mit Schriftdeutsch hätten. Alle anderen seien ausgeschlossen.

Daran hat sich seit zehn Jahren, seit der flächendeckenden Einführung von DSL und massentauglichen Chatprogrammen, nichts verändert. Das Problem ist das gleiche wie im Fernsehen: Oft fehlen Untertitel und die Darstellung in Gebärdensprache.

Die Aktion Untertitel ermittelte, dass im Jahr 2010 erst 12,6 Prozent des deutschen Fernsehprogramms per Videotext untertitelt wurde. Im Vergleich zu 1980 ist das viel, damals waren es noch 0,1 Prozent. Doch bedeutet es auch, dass fast 90 Prozent des Fernsehprogramms für Gehörlose nicht nutzbar sind.

"Schon damals fragte ich meine Mutter, warum denn so wenig mit Untertitel kommt", schreibt Probst in ihrem Blog über die Jahre um 1990. Die Antwort ihrer Mutter habe gelautet: "Nun, die Technik ist halt so neu, das kommt bestimmt bald noch und wenn du groß bist, gibt es bestimmt keine Probleme mehr."

Online-Petition für Barrierefreiheit

Im Internet müssten Untertitel einfacher umzusetzen sein, sollte man meinen. Weit gefehlt. Einen verpassten Tatort immerhin kann man sich inzwischen später in der Mediathek der ARD ansehen – allerdings ohne die Untertitel, die er im Fernsehen noch hatte.

Kürzlich fragte Probst bei Regierungssprecher Steffen Seibert via Twitter, warum der Video-Podcast der Kanzlerin nicht untertitelt sei. "Danke für den Hinweis", antwortete Seibert. "Darüber werde ich mit meinen Kollegen noch einmal nachdenken."

Gleichzeitig soll eine kleine Erleichterung, die Behinderten bislang gewährt wurde, abgeschafft werden. Ab 2013 sollen sie laut des 15. Rundfunkänderungsstaatsvertrags ein Drittel der Rundfunkgebühren zahlen, also rund sechs Euro. Als Begründung heißt es: "Ziel ist, das barrierefreie Angebot der in der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD) zusammengeschlossenen Landesrundfunkanstalten, des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) und des Deutschlandradios zu verbessern."

"Wenn Gehörlose Fernsehen und die Internetangebote der Sender so wahrnehmen können wie Hörende auch, also mit Untertiteln und Einblendung von Gebärdendolmetschern, dann zahlen wir natürlich auch", sagt Mira-Esther Weischet, die Sprecherin des deutschen Gehörlosen-Bunds. Bislang seien die Kosten für Untertitel immer als Argument genannt worden, warum es keine gebe, sagt Weischet. Ein Argument, dass der Gehörlosen-Bund nicht akzeptieren könne: "In anderen Ländern geht es ja auch."

Zur Beseitigung solcher und anderer Barrieren hat Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen Mitte Juni den "Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonventionen" vorgestellt. Obwohl die Behindertenverbände bei der Entwicklung des Plans maßgeblich beteiligt waren, sind sie mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Probleme würden darin zwar erkannt und die Bundesregierung habe auch Visionen formuliert, kritisieren sie. Es seien aber keine konkreten und verbindlichen Maßnahmen festgesetzt worden. Änderungsvorschläge der Verbände seien ignoriert worden.

Den Vorwurf der Behindertenverbände weist die Bundesregierung zurück. Der Aktionsplan könne kein "Alleslöser" oder Wunschkatalog sein, er müsse sich auf umsetzbare Maßnahmen auf Bundesebene beschränken, heißt es im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Im Übrigen richte sich die UN-Behindertenrechtskonvention an alle staatlichen Stellen und verpflichte sie zur Umsetzung.

"Der Aktionsplan ist ein Sammelsurium von Maßnahmen, die es auch ohne ihn geben würde", sagt Weischet vom Gehörlosen-Bund. Mit ihm werde nichts verändert, "und der soll auch nichts kosten". Und aus der UN-Behindertenrechtskonvention könne man leider kaum juristische Maßnahmen ableiten und dementsprechend niemanden zur Umsetzung zwingen. Mehr als Anträge stellen könne der Gehörlosen-Bund nicht.

Julia Probst geht das alles nicht weit genug. Der Plan erfülle weder die UN-Konvention, noch sei er das Papier wert, auf dem er gedruckt wurde, findet sie. Im August möchte sie daher eine Online-Petition starten, die den "NAP" endgültig festzurrt. 50.000 Unterschriften will sie sammeln. Das wäre viel, doch Probst verweist auf die erfolgreiche Online-Petition gegen Netzsperren und deren Initiatorin und schreibt mit einem Smiley: "Ich versuche, die nächste Franziska Heine zu werden!"