Steve Jobs hat Apples neues Betriebssystem auf der Entwicklerkonferenz Anfang Juni in Kalifornien vorgestellt, jetzt ist es auf dem Markt. © Kimihiro Hoshino/AFP/Getty Images

Software kauft man heute im Internet: Ein Klick auf Download, fertig. Bei Betriebssystemen musste man bislang normalerweise noch in einen Laden gehen oder per Post bestellen: So türmen sich bei langjährigen PC- und Mac-Nutzern üblicherweise die Windows- oder OS-X-DVDs.

Apple, bekannt für den ein oder anderen radikalen Schnitt in der IT-Landschaft, ändert das nun. Lion , die seit Mittwoch verfügbare achte große Version von Mac OS X in zehn Jahren, wird nur noch über den Online-Softwareladen Mac App Store angeboten.

Dank Online-Vertrieb ist der Preis von Lion moderat: 23 Euro 99 sind billiger als alle jüngsten Mac-OS-X - und Windows-Versionen . Das verleitet zum Spontankauf.

Dann heißt es warten: Für die vier Gigabyte braucht es je nach DSL- oder Kabel-Internet-Anschluss eine halbe Stunde bis einen halben Tag. Erst im August will sich Apple all jener erbarmen, die nicht über einen schnellen Internet-Zugang verfügen: Dann kommt die Software auch auf einem (dann natürlich teureren) USB-Stick. Voraussetzung ist in jedem Fall, dass auf dem Mac bereits das Vorgängerbetriebssystem zu Lion, genannte Snow Leopard, läuft – das enthält den Mac App Store nämlich erst.

Gelungene Funktionen von Mobil-Geräten übernommen

Bei Lion, das eigentlich Mac OS X 10.7 heißt, muss man zunächst wissen, was Apple erreichen wollte: Eine Art Zusammenfassung von iOS, jenem Betriebssystem für iPhone und iPad, und der langsam in die Jahre gekommenen Mac-Plattform. Dabei wurden einige gelungene Funktionen übernommen.

So setzt Lion verstärkt auf die Nutzung von Gesten. Daher bedient man es am besten mit einem Trackpad – eingebaut im Mac-Notebook oder in Form eines Magic Trackpad für das Schreibtisch-Pendant. Wischt man nach oben, bekommt man das Kontrollzentrum, Mission Control genannt, zu sehen. Es erlaubt den Überblick über geöffnete Fenster. Ist man im Safari-Browser, navigiert man mit zwei Fingern nach vorne und nach hinten. Der neue Vollbildmodus, der Programme auf den gesamten Schirm aufzieht, erlaubt wiederum einen Wechsel zwischen einzelnen Apps per Wisch nach rechts und nach links. Zoomgesten vom iPhone finden sich wiederum in Safari: Mit einem Doppel-Tap macht man Bilder größer.

Von iOS abgeschaut ist auch das sogenannte Launchpad. Darin kann man, wenn man das möchte, seine Anwendungen ablegen und sie auf Homescreens platzieren, wie man das ebenfalls von iPhone und iPad kennt. Allerdings ist das nicht besonders übersichtlich. Auch im Mac App Store gekaufte Programme, die Apple nun gegenüber anderen Kaufwegen zu bevorzugen scheint, landen automatisch im Launchpad.

Viele Programme inkompatibel

Ganz neu sind drei Speicherfunktionen, die sich Auto Save , Resume und Versions nennen. Auto Save sorgt dafür, dass Programme den jeweiligen Stand der Arbeit andauernd automatisch sichern, so dass man (theoretisch) keine Daten mehr verlieren kann. Versions erlaubt einen Zugriff auf diese unterschiedlichen Versionen. Resume wiederum speichert die Darstellungen geöffneter Fenster und anderer Einstellungen, so dass man diese nicht mehr neu anlegen muss. Das heißt aber auch, dass zum Beispiel der letzte Film im Medienabspieler QuickTime erneut startet, wenn man die Software schließt und wieder öffnet.

Gefeilt hat Apple außerdem an Standardprogrammen wie dem Dateimanager Finder und der E-Mail-Software Mail. Im Finder ist das Auffinden von Dateien einfacher geworden und eine neue Funktion namens AirDrop erlaubt es, Dokumente zwischen mehreren Macs mit wenigen Klicks zu verteilen. Mail besitzt einen Konversationsmodus, der sich optisch an Google Mail orientiert, besitzt außerdem eine Vollbild- und Breitbild-Ansicht.

Optisch hat sich ebenfalls einiges getan bei Lion. So finden sich überall kleine Animationen, Icons sind dezenter (wenn auch schlechter auffindbar) und insgesamt läuft alles ein wenig flüssiger.

Neue Scrollrichtung fürs Trackpad

Kritik an Lion gibt es natürlich auch schon. So fühlen sich etliche Benutzer unwohl mit Apples Entscheidung, die vertikale Scrollrichtung des Trackpads einfach umzudrehen, weil sich das dann mehr nach iPhone oder iPad anfühlt. Ebenso sind keineswegs alle Programme kompatibel zum neuen Betriebssystem. So laufen alte PowerPC-Anwendungen nicht mehr unter Lion, die der Vorgänger noch beherrschte. Hier können Anwender nur hoffen, dass Entwickler neue Versionen programmieren – Apple selbst hilft nicht.

Im Bereich der Musikprogramme gibt es ebenfalls Klagen : Diverse bekannte Apps sind unter Lion nicht mehr oder nur teilweise lauffähig. Zwar haben die Hersteller Updates versprochen, die diese Probleme lösen könnten, doch bis dahin raten sie Benutzern, lieber bei Snow Leopard zu bleiben. Kleinere bis größere Zicken machen sollen außerdem Programme des Design-Software-Spezialisten Adobe, der deshalb eine eigene Hilfeseite bereitstellt.