Top Level Domains"Das Netz wird zu einem bunteren, aufregenderen Ort"

Demnächst .berlin? Gerne, sagt Peter Thrush. Der Ex-Vorstand der Internetverwaltung Icann lobt die neuen Endungen für Netz-Adressen. Gefahren für Marken sieht er nicht.

Rechenzentrum mit Kabelverbindungen von Internetservern

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ZEIT ONLINE: Herr Thrush, bis vor Kurzem waren Sie noch Vorsitzender der Internetverwaltung Icann ( Internet Corporation for Assigned Names and Numbers ). In dieser Position haben Sie sich sehr für die nun beschlossene Ausweitung der Endungen von Internetadressen (Top Level Domains, kurz: TLDs) eingesetzt. Damit beginne "ein neues Zeitalter für das Internet" , haben Sie angekündigt. Aber was ändert sich überhaupt?

Peter Denegate Thrush: Anbieter können im Netz künftig ihre eigenen Adressen auswählen. Firmen erlangen dadurch eine viel bessere Kontrolle über ihren Markennamen im Netz. Die Nutzer wiederum können bald unter Domain-Namen wählen, die ihre kulturellen, linguistischen, ethnischen Interessen viel besser widerspiegeln. Das Netz wird zu einem bunteren, aufregenderen Ort, wenn Nutzer unter Namen wie .beer, .news, .movie, .shop und Ähnlichem wählen können. Darüber hinaus entfällt die Pflicht, dabei die englische Sprache zu verwenden. Viele neue Namen werden in kyrillischer, chinesischer oder arabischer Schrift entstehen.

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Peter Dengate Thrush
Peter Dengate Thrush

Der neuseeländische Jurist Peter Dengate Thrush war bis Ende Juni Vorsitzender des Direktoriums der Internet-Verwaltung Icann. In dieser Zeit hat er sich sehr für die Unabhängigkeit des Gremiums und die Ausweitung der Möglichkeiten für Top Level Domains stark gemacht.

Thrush wurde derweil in den Vorstand des Unternehmens Top Level Domain Holding (TLD) berufen. Das börsennotierte Unternehmen widmet sich dem Ankauf und Betrieb von neuen Top-Level-Domains. Minds + Machines ist eine Tochter von TLD, und wurde 2009 gegründet, um sich um die Adressänderung ".berlin" zu bemühen. Minds + Machines möchte alle Berliner unter einem Internet-Namensraum vereinigen.

Die Nachfolge von Thrush an der Spitze der ICANN übernimmt nun Stephen Crocker, der als ein Internet-Pionier der ersten Stunde gilt.


ZEIT ONLINE: Aber orientieren sich Leute so sehr an der Adresszeile?

Thrush: Auf jeden Fall. Viele Leute, vor allem außerhalb der USA, sind es gewohnt, mehrere Endungen zu verwenden. In Singapur zum Beispiel wechseln die Leute zwischen .sg, .com.au oder etwa .com, je nachdem, wo der Server liegt, den sie ansteuern.

ZEIT ONLINE: Wie groß ist das Interesse an den neuen Adressendungen überhaupt?

Thrush: Es gibt unzählige Gruppen und Unternehmen, die bereits an Anträgen für neue Domains arbeiten. Die Frist für Organisationen, diese Anträge einzureichen, beginnt im Januar 2012 und geht bis April 2012. Es werden viele Anträge von Institutionen, Marken und Städten erwartet.

ZEIT ONLINE: Wie kann ich mich um eine eigene Domain als Unternehmen bewerben?

Thrush: Es geht nicht nur darum, einen eigenen Namen zu erhalten, sondern ein ganzes Register von Namen. Die Icann bietet einen Antragsprozess, der aber nicht ganz einfach ist. Ein Unternehmen braucht 185.000 Dollar für die Antragsgebühr und eine entsprechende technische Infrastruktur, um die Anforderungen der Icann zu erfüllen. Dann werden die Anträge geprüft. Es gibt Spezialisten, die den Unternehmen dabei helfen.

Was das Angebot an neuen TLDs für einzelne, private Nutzer betrifft, liegt die Sache anders. Da müssen erst noch neue Betreiber von der Icann berufen werden. Bis auf weiteres werden erst einmal keine TLDs an solche Endnutzer verkauft.

ZEIT ONLINE: Kritiker fürchten, dass durch die neuen Endungen Markenrechte weit mehr verletzt werden könnten als bislang. Etwa durch Cybersquatting , also die Besetzung von Domainnamen durch Geschäftemacher und Trittbrettfahrer, denen der entsprechende Firmenname eigentlich gar nicht gehört.

Thrush: Eine Sorge war in der Tat, dass die Besitzer von Markennamen künftig deutlich mehr Namen zu kaufen hätten, um sich vor einer fremden Registrierung zu schützen. Die Verantwortlichen bei der Icann haben sich dieser Sorge angenommen. Es wird so sein, dass die neuen TLDs mit deutlich mehr Schutzmöglichkeiten daherkommen werden, als es derzeit noch der Fall ist.

Mehr Schutzrechte gegen Urheberrechtsverletzungen

ZEIT ONLINE: Wie sehen die konkret aus?

Thrush: Zunächst gibt es eine Clearing-Stelle, die Markenrechtsansprüche koordiniert und bei Bedarf zwischen Parteien schlichtet. Hier können Besitzer einer Marke Belege für die Registrierung ihres Namens hinterlegen. So können die Registrierungsstellen auf einfache, elektronische Weise überprüfen, ob die Registrierung auch wirklich in allen Registern erfolgt ist. Der ganze Prozess wird so erheblich vereinfacht.

Zudem wurde ein neues, sehr handlungsfähiges System entwickelt, mit dem man den Domains, die Urheberrechte verletzen, sehr schnell aufspüren kann. Es nennt sich "Uniform Rapid Suspension Process" und erlaubt Markenbesitzern, schnell gegen offensichtliche Verstöße vorzugehen.

Leserkommentare
  1. Gewinner:
    - ICANN
    - Eine Handvoll Großunternehmer
    - Betrüger, "findige" Domain-Grabber, Rechtsanwälte
    - Porno-Industrie

    Verlierer:
    - Benutzer
    - Unternehmen

    Erstere sieht sich einer Vielzahl neuer Probleme gegenüber (ist es nun oper.berlin oder oper-berlin.de oder oper.berlin.de), zweitere haben immense Kosten um Ihre Unternehmensmarke im Internet zu schützen.

    5 Leserempfehlungen
  2. denn eine erhöhte Vielfalt von Top-Level Domains bringt zwangsläufig für den Verbraucher einen erhöhten Suchaufwand und für Unternehmen eine Kostenexplosion mit sich.

    Es macht pekuniär eine grossen Unterschied, ob ich aus Gründen des Namensschutzes nur
    die .com - Domain,
    sämtliche Landesspezifischen Domains (.de / .ch, / .it / etc.)in denen ich vertreten bin oder jetzt auch noch zusätzlich
    die .TV / .Movie / .Pictures Domain (Beisp. Sony)
    kaufen muss.

    Vielfalt geht hier auf Kosten der Transparenz. Im Übrigen ist eine klare Wertigkeit der Top-Level Domainklassen festzustellen: Wer eine .com Domain sein eigen nennt, wird ímmer gefunden. Mit .ch oder .de siehts schon nicht mehr ganz so gut aus: kein Schweizer oder Italiener wird je nach "Firma.de" suchen sondern nur den nationalen Anbieter "Firma.ch" oder "Firma.it" wählen.

    Ganz am Ende der Wertigkeit stehen übrigens die Top-Level Domains, die weder auf die Organisationsform (.com für commerce / .org für organization und .gov für government) noch das Ursprungsland (.de / .it / .ch) sondern die Branche oder Produktbezeichnung enthalten wie .tv / .movie / .shop
    Die sind das Geld, das für sie verlangt wird, wirklich nicht wert.

    3 Leserempfehlungen
  3. ein bunterer, aufregender Ort!!!!!"

    Wenn ich dieses Gesülze schon höre. Gerade aus dem Bereich Internet kommt immer diese überdrehte PR-Leier, als ob man 1-Jahr- Abenteuerurlaub im Regenwald gebucht hätte.

    Immer spannender, immer toller, immer mehr Möglichkeiten!
    Ja genau. Das wird so Hammer spannend wenn ich dann eine Adresse mit der TLD .beer als Lesezeichen abspeichern kann.

    Da habe ich jetzt schon eine Gänsehaut!!

    Ich möchte die Neuerungen gar nicht allesamt verdammen. Das beispielsweise andere Sprachen verwendet werden können, ist sicher für viele User auf der Welt ein großer Gewinn.

    Aber im Großen und Ganzen soll Herr Thrush doch sagen, dass es vor allem darum geht, Geld zu verdienen. Das nimmt ihm doch keiner Übel. Ja vielleicht liegt ihm ja auch persönlich was an den Neuerungen.
    Aber bitte nicht mit solch hohlen Phrasen anpreisen!!!!

    9 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • kayob
    • 26.07.2011 um 14:27 Uhr

    hahahahahaha...großartiger kommentar.
    danke dafür.
    bin vollkommen ihrer meinung und frage mich auch,
    warum die leute immer so freidrehen, wenn es um internet-pr geht.
    was ich noch ergänzen muss und will:
    wir stehen tatsächlich erst am anfang, es kann niemand auch nur annähernd vorhersagen, was aus "dem" internet wird, aber es ist sicherlich von großem vorteil, wenn die optionen insgesamt zunehmen...auch die der namensvergabe...und gott weiß, vielleicht gibt es mal gute und einfache regeln, als eingeübte konventionen, die den wildwuchs zulassen aber einfacher durchschaubar machen...
    egal was passiert, ich hab´jetzt schon gänsehaut...ahahahaha

    • kayob
    • 26.07.2011 um 14:27 Uhr

    hahahahahaha...großartiger kommentar.
    danke dafür.
    bin vollkommen ihrer meinung und frage mich auch,
    warum die leute immer so freidrehen, wenn es um internet-pr geht.
    was ich noch ergänzen muss und will:
    wir stehen tatsächlich erst am anfang, es kann niemand auch nur annähernd vorhersagen, was aus "dem" internet wird, aber es ist sicherlich von großem vorteil, wenn die optionen insgesamt zunehmen...auch die der namensvergabe...und gott weiß, vielleicht gibt es mal gute und einfache regeln, als eingeübte konventionen, die den wildwuchs zulassen aber einfacher durchschaubar machen...
    egal was passiert, ich hab´jetzt schon gänsehaut...ahahahaha

    • kayob
    • 26.07.2011 um 14:27 Uhr

    hahahahahaha...großartiger kommentar.
    danke dafür.
    bin vollkommen ihrer meinung und frage mich auch,
    warum die leute immer so freidrehen, wenn es um internet-pr geht.
    was ich noch ergänzen muss und will:
    wir stehen tatsächlich erst am anfang, es kann niemand auch nur annähernd vorhersagen, was aus "dem" internet wird, aber es ist sicherlich von großem vorteil, wenn die optionen insgesamt zunehmen...auch die der namensvergabe...und gott weiß, vielleicht gibt es mal gute und einfache regeln, als eingeübte konventionen, die den wildwuchs zulassen aber einfacher durchschaubar machen...
    egal was passiert, ich hab´jetzt schon gänsehaut...ahahahaha

    Antwort auf ""Es wird"
  4. Und noch ein Beispiel des "Wir machen alles komplizierter und undurchsichtiger und tun dabei so, als schaffen wir mehr tolle Möglichkeiten, um damit die höheren/zusätzlichen Kosten zu rechtfertigen"...

  5. Facebook und Google Plus werden es nicht schaffen, die Domains abzulösen und die neuen Endungen werden es nicht schaffen, die weltweiten und landesweiten Endungen abzulösen. Vielmehr werden com und de etc umso wichtiger, je mehr es gibt, weil keiner mehr weiss, wo er gucken soll.

    Die Gewinner sind Suchmaschinen, weil noch mehr investiert werden muss, um mit den neuen Endungen gefunden zu werden und die Registrierungsbehörden und Provider.

    Leztlich werden aber auch die com und die landesspezifischen die Gewinner sein, weil sie als weltweite Orientierung weiter dienen werden.

    Eine Leserempfehlung
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    In Schweden hat es sich eingebürgert .nu anzuwenden, dies stört mich gewaltig wenn ich nach .se suche. Nu = Jetzt.

    In Schweden hat es sich eingebürgert .nu anzuwenden, dies stört mich gewaltig wenn ich nach .se suche. Nu = Jetzt.

  6. In Schweden hat es sich eingebürgert .nu anzuwenden, dies stört mich gewaltig wenn ich nach .se suche. Nu = Jetzt.

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