Zensur Ist China auf dem Weg zu einer Cyberdemokratie?

Es lohnt sich, das Internet in China zu fördern, schreibt Tina Clausmeyer von Misereor. Trotz Überwachung kann es die dortige Gesellschaft öffnen und Teilhabe fördern.

Als "Tools of Change" werden seit dem "Arabischen Frühling" Dienste wie Facebook oder Twitter bezeichnet und es wird das Potenzial des Internets diskutiert, autoritäre Regime zu demokratisieren. Doch wie lassen sich diese Entwicklungen in der arabischen Welt auf andere autoritär geprägte Gesellschaften übertragen, beispielsweise auf die Volksrepublik China? In China immerhin gibt es inzwischen etwa eine halbe Milliarde Internetnutzer, und sie stellen damit die größte Netz-Nation der Welt dar. Und die chinesische Regierung fürchtet die Entwicklung in anderen Staaten offensichtlich.

Noch ist das Netz in der chinesischen Bevölkerung aber nicht so weit verbreitet wie in westlichen Staaten. Doch ist die Dynamik des Wachstums beeindruckend: Seit 2006 kommen jedes Jahr durchschnittlich 80 Millionen neue Wǎngmín hinzu – chinesisch für Netizen, Netzbürger.

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Tina Clausmeyer

Tina Clausmeyer arbeitet in der Abteilung Asien und Ozeanien von Misereor, dem Hilfswerk der katholischen Kirche. Das engagiert sich gemeinsam mit einheimischen Partnern in Afrika, Asien, Ozeanien und Lateinamerika. Ihr Beitrag erscheint in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE).

Diese Entwicklung wird von der chinesischen Führung gezielt gefördert. Denn sie hat erkannt, dass moderne Kommunikationstechnik sich positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirkt. Selbstverständlich wird das Internet aber auch in China genutzt, um Unterhaltung oder Informationen zu finden oder miteinander zu kommunizieren. Auch Blogs und Soziale Netzwerke sind in der Gesellschaft angekommen.

Im Unterschied zur westlichen Welt wird jedoch ein großer Teil der Inhalte im chinesischen Netz von den Nutzern selbst erstellt und nicht von professionellen Anbietern. Sogenannter User-Generated-Content ist charakteristisch für China, gemeint sind vor allem Blogs, die einen hohen Stellenwert haben.

Nach offiziellen Angaben nutzen 317 Millionen Wǎngmín das Internet zum Lesen oder Betreiben von Blogs, das sind immerhin 65,5 Prozent der Gesamtnutzer. Hinzu kommen 195 Millionen Menschen, die Mikroblogs verwenden – 40,2 Prozent aller chinesischen Netznutzer.

Viele Chinesen kompensieren damit einen Mangel: Es fehlt eine unabhängige und freie Presse, daher übernehmen Blogs, Forenbeiträge oder die Kommentare auf Social-Media-Seiten inzwischen die Rolle der vierten Gewalt. Bei Korruptionsfällen, Naturkatastrophen und Skandalen um gesundheitsschädliche Produkte wird das öffentliche Bedürfnis nach Informationen und Transparenz durch eben diese Angebote befriedigt. Blogs, die über benachteiligte Bevölkerungsgruppen und Umweltverschmutzung berichten, geben gleichzeitig denjenigen eine Stimme, die in den offiziellen Medien oft nur wenig Beachtung finden.

Selbstverständlich nutzt die Staats- und Parteiführung das Internet zu Propagandazwecken. Gleichzeitig wächst seit einigen Jahren ein chinesischer Graswurzel-Nationalismus von Anhängern des Regimes. Ohne staatlich gelenkt zu werden, versuchen sie, Debatten im Internet zu beeinflussen und zu dominieren und so Kritiker zu übertönen. Dieser Nationalismus manifestiert sich vor allem im Internet.

Leser-Kommentare
  1. 1. [...]

    [...]

    Entfernt. Kein Artikelbezug. Die Redaktion/er

  2. Freut mich, dass mit dem Artikel über das Zugunglück und die Reaktion der Bevölkerung offensichtlich eine Reihe Artikel mit Hintergrundwissen und Fakten, hinter denen nicht der Wunsch als Vater des Gedankens steht, gestartet wurde.
    @laodaizi: Gerade diese "Neuigkeiten" sind in Deutschland wirklich nicht bekannt oder werden unterschätzt! Habe laut ueber den Kommentar gelacht.

  3. gar nicht so schlecht der Artikel, versucht neutral was 'rüberzubringen. Nur die Überschrift schien entgleist, nicht passend zu dem sachlichen Ton, der auf der ersten Seite des Artikels angeschlagen wird. Beim Übergang zur Folgeseite dann die Ernüchterung, der alte belehrende, von oben herab in die Niederungen dessen, was man als chinesische Realtität in den OECD-Staaten auszumachen meinende, wird angeschlagen.
    Besonders der Hinweis auf die sich im Netz herausgebildeten "Communities", die angeblich "eine neue Organisationsform" sind, un die "es in der analogen chinesischen Welt so nicht gibt" ist schlicht falsch: Es gab bereits bis 2007 387.000 registrierte NGOs und geschätzte mehrere Millionen nicht registrierte. Was tun die denn?
    Hier werden mal wieder bewusst falsche Nachrichten über das Land der Mitte verbreitet, denn der Autorin, die aus dem NGO-Sektor kommt, dürften die Zahlen sehr wohl bekannt sein. aber alles wird in den Medien hier nach dem eigenen Gusto zurecht gebogen, wie man es gerade als passendes Feindbild braucht. Wenn DAS keine Propaganda ist...

    @ captn_muesli: Das Lachen wird Ihnen im Halse stecken bleiben, denn Sie werden sich wundern, wie schnell sich diese Art von Nachrichten überholt haben. Soll heißen, wenn die wahren Verhältnisse sich offenbaren und auf welchem Wege man sich im modernen China befindet. Da können Sie dann nur noch wehmütig hinterhergucken und sich fragen, warum Sie da nicht eher drauf vorbereitet waren (wurden).

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • LeiJie
    • 24.08.2011 um 3:44 Uhr

    Ich sehe hier kein Feindbild und auch keine Propaganda , vielleicht koennen sie das etwas eroertern? Dass es geduldete NGOs gibt wird ja indirekt auch bestaetigt mit "Der Staat toleriert diese Gruppen, solange sie die allgemeine Politik nicht infrage stellen und sich auf diese Themen beschränken."

    Ich teile die Meinung von fgt, dass es zunehmend mehr "hochgradige Patrioten" gibt, die ein "anti-westliches China" schaffen wollen. Das ist eine sehr schoengeschriebene Bezeichnung einer sehr unerfreulichen nationalistischen Entwicklung. Und es ist auch der Grund warum China in den letzen Jahren in den Nachbarstaaten, zB Taiwan, so gefuerchtet wird. Hier ist China in der Beliebtheitsskala an letzter Stelle.

    • LeiJie
    • 24.08.2011 um 3:44 Uhr

    Ich sehe hier kein Feindbild und auch keine Propaganda , vielleicht koennen sie das etwas eroertern? Dass es geduldete NGOs gibt wird ja indirekt auch bestaetigt mit "Der Staat toleriert diese Gruppen, solange sie die allgemeine Politik nicht infrage stellen und sich auf diese Themen beschränken."

    Ich teile die Meinung von fgt, dass es zunehmend mehr "hochgradige Patrioten" gibt, die ein "anti-westliches China" schaffen wollen. Das ist eine sehr schoengeschriebene Bezeichnung einer sehr unerfreulichen nationalistischen Entwicklung. Und es ist auch der Grund warum China in den letzen Jahren in den Nachbarstaaten, zB Taiwan, so gefuerchtet wird. Hier ist China in der Beliebtheitsskala an letzter Stelle.

    • fgt
    • 22.08.2011 um 21:34 Uhr

    Prägung, die jedoch keineswegs dem westlichen Wunschdenkens nach Verwestlichung und einem Ende des Wachstums chinesischer Macht bedeuten dürfte.
    Die Netizens Chinas sind schon wirklich eine vierte Macht im Staate, die eine ganze Menge zivilgesellschaftlicher Erfolge gegenüber einigen staatlichen Akteuren vorweisen können. Und dies wird noch zunehmen, da die KP es auch als Informations und Feedback-Medium für ihre Führung anerkennt, wovon sie selber profitieren. Korruptions und Lebensmittelskandale werden unlängst schon hauptsächlich vom Internet aufgedeckt und durch Druck auf die KP, die dann zum handeln gezwungen ist, gelöst. Dies ist im allgemeinen eine gute Entwicklung die wirklich einem Pluralismus chinesischer Prägung Anschub gewährt.
    Jedoch darf man nie vergessen, dass viele Angehörige dieser virtuellen vierten Macht bekennende Nationalisten und 'Fenqings' sind, die, obwohl sie eine pluralistischere Gesellschaft und eine verantwortungsvolleren Staat fordern, immer noch hochgradige Patrioten sind, die genauso wie sie für eine Cyberdemokratie einstehen, auch einen aggressiveres und härteres Auftreten Chinas gegenüber der USA, Japan und dem Westen im allgemeinen fordern.
    Das bedeutet, Pluralismus ja, aber auch ein Ja zu Nuklearwaffen und Flugzeugträger, damit ein wehrhaftes und anti-westliches China geschaffen werden kann.
    Bei dieser Entwicklung kann der Westen alles andere als für sich und ihrer Demokratie-Ideologie den Sieg zu erklären
    China ist noch nicht gebrochen.

    • LeiJie
    • 24.08.2011 um 3:44 Uhr

    Ich sehe hier kein Feindbild und auch keine Propaganda , vielleicht koennen sie das etwas eroertern? Dass es geduldete NGOs gibt wird ja indirekt auch bestaetigt mit "Der Staat toleriert diese Gruppen, solange sie die allgemeine Politik nicht infrage stellen und sich auf diese Themen beschränken."

    Ich teile die Meinung von fgt, dass es zunehmend mehr "hochgradige Patrioten" gibt, die ein "anti-westliches China" schaffen wollen. Das ist eine sehr schoengeschriebene Bezeichnung einer sehr unerfreulichen nationalistischen Entwicklung. Und es ist auch der Grund warum China in den letzen Jahren in den Nachbarstaaten, zB Taiwan, so gefuerchtet wird. Hier ist China in der Beliebtheitsskala an letzter Stelle.

    Antwort auf "Zuerst dachte ich"
    • LaoLu
    • 17.03.2012 um 1:05 Uhr

    Beginnt ihren Artikel mit einer sentimentalen Rückschau auf den "arabischen Frühling".

    Um dann fortzufahren:

    "Doch wie lassen sich diese Entwicklungen in der arabischen Welt auf andere autoritär geprägte Gesellschaften übertragen, beispielsweise auf die Volksrepublik China?"

    Ich habe dann aufgehört zu lesen, möchte aber nicht versäumen, meine Meinung zu diesem Satz kund zu tun:

    Ich hoffe gar nicht.

    Wenn es etwas gibt, was China NICHT braucht, sind es Zustände, wie sie derzeit in vielen Staaten Arabiens herrschen.

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