Wegweiser mit Weltraum-Anspielungen auf dem CCC-Camp in Finowfurt © Kai Biermann / ZEIT ONLINE

Bässe grummeln zwischen einstigen Flugzeugbunkern hervor, neben fleckigen Betonwegen stehen Zelte und Dixie-Klos. In Kiefern schaukeln Hängematten, geparkt wird auf der Wiese. Zeltlager haben immer etwas Provisorisches, so perfekt sie auch organisiert sein mögen. Dass der Chaos Computer Club alle vier Jahre ein großes Zeltlager veranstaltet , passt daher ganz gut. Nicht nur wegen des Chaos im Namen. Sondern weil Hacker sich als Menschen verstehen, die improvisieren und aus Gaffa-Tape, Zeltplanen und Kabeln eine moderne Stadt bauen können.

Denn der Campingplatz-Eindruck beschreibt nur das halbe Bild – das Luftfahrtmuseum Finowfurt nordöstlich von Berlin ist derzeit eine multiethnische und technisch hochgerüstete Kleinstadt . Schätzungsweise 3.500 Menschen sind angereist, nach Angaben des Clubs kamen sie aus 45 Ländern. Im Camp gibt es kilometerlange Glasfaserkabel, kostenloses WLAN für alle, ein eigenes GSM-Mobilfunknetz und Strom bis in das kleinste Zelt. Gesprochen wird Russisch, Niederländisch, Französisch und natürlich Englisch.

Auch die üblichen Symbole fehlen nicht. Die Nerdkultur ironisch zu zitieren, ist fester Bestandteil der Nerdkultur. Daher hängen an jeder Ecke irgendwelche Alien-Bilder und mindestens jeder zweite trägt T-Shirts mit Aufdrucken wie "root" – eine Warnung, dass er mit Administratorrechten auch umzugehen weiß, oder gleich "Hacker".

Hacker wollen nicht nur improvisieren, sondern die Welt befreien

Die Kulisse sorgt zusätzlich für haufenweise Kitsch. In Finowfurt war einst ein sowjetisches Jagdfliegerregiment stationiert. Nachdem es 1993 abgezogen war, entstand auf dem Gelände ein Luftfahrt-Freilichtmuseum . Vor den Splitterschutzboxen für die Jagdmaschinen steht seitdem ausgemustertes Kriegsgerät aus Sowjetunion und DDR. 2007 entdeckte der CCC das Gelände und lud Hacker aus aller Welt ein , dort zu feiern, zu programmieren und zu basteln. Nun sind sie wieder da und haben ihre bunten Fahnen mitgebracht, ihre ferngesteuerten Hubschrauber und ihre wild beklebten Laptops.

Doch Klischees, so nützlich sie sind, um uns die komplexe Welt zu erklären, verstellen schnell den Blick auf die Wahrheit. In den Zelten wird an den Werkzeugen und auch an den Waffen der Zukunft gearbeitet: an Computern. Passend dazu vermodern auf den Wiesen die Waffen des Kalten Krieges, die Hochtechnologie einer vergangenen Epoche.

Auch wenn das Camp ein Festival ist und sein soll, und auch wenn sich treffen, miteinander reden und feiern im Vordergrund stehen und überall Sofas im Sand versinken, ist der Hintergrund ein ernster. Hacker wollen nicht nur improvisieren, bekannten Dingen also eine bislang unbekannte Bedeutung geben. Viele Hacker wollen auch die Welt befreien.

Hacken, so wie es einst der Homebrew Computer Club sah oder es heute eben der CCC versteht , heißt, Grenzen zu überwinden und Geheimes öffentlich zu machen. Technik, die wir nicht verstehen, nicht verändern können, so lautet die Maxime, die besitzen wir nicht, die besitzt uns. DRM, Simlock, Vorratsdaten, Kopierschutz – das alles sind Worte, an die wir uns in unserem technisierten Alltag gewöhnt haben, die wir oft kaum noch wahrnehmen. Dabei aber sind es Fesseln, die uns von Konzernen, von Staaten und auch von uns selbst auferlegt werden.

Hacker wollen solche Fesseln nicht akzeptieren, sie wollen zerlegen, erforschen, verstehen.