Der Empfang ist schlecht hinter den dicken Klostermauern, der Twitter-Stream auf seinem Smartphone lädt nur langsam. Doch Martin Werlen ist Mönch und daher geduldig. Er geht ohnehin lieber von unterwegs aus ins Netz – und Abt Martin ist viel unterwegs. Die meisten seiner Tweets schreibt er im Zug. Oft sind es "Bahngleichnisse" wie er sie nennt. " Auch ein verpasster Zug birgt neue Chancen ", schreibt er dann beispielsweise oder auch " Nur, wer die Menschen sammelt, kann sie zum Ziel führen. "

Martin Werlen ist 49. Seit fast 30 Jahren lebt er im Schweizer Kloster Einsiedeln. 2001 wurde er zum Abt gewählt und damit zum Vorsteher einer Gemeinschaft von 70 Mönchen in Einsiedeln sowie 24 Schwestern im Zweit-Kloster Fahr. Und seit 2009 hat er noch eine dritte Gemeinde, im Internet. Unter @AbtMartin folgen ihm inzwischen mehr als 3.000 Menschen.

Einsiedeln liegt im Kanton Schwyz und ist wegen seiner Schwarzen Madonna ein beliebter Wallfahrts- und Pilgerort. Täglich kommen Hunderte von Touristen, um durch die Stiftskirche und das Klosterareal zu schlendern. Wirklich abgeschieden ist das Mönchsleben dort also nicht. Aber wenn es nach Abt Martin geht, der auch Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz ist, soll es das auch gar nicht sein: "Wir müssen doch auf die Menschen zugehen!"

Genau deshalb habe er sich auch in das "Phänomen Social Media" einarbeiten wollen, sagt er. "Oft fliegt uns im Leben ja etwas zu. Die Frage ist dann: Packen wir zu oder nicht?" Werlen hat zugepackt, Ende 2009 war das. Das Schweizer Fernsehen plante einen Film über Twitter und fragte den Abt, ob er als Internet-Laie nicht Lust hätte, den Kurznachrichtendienst auszuprobieren. Er bekam eine kurze Einführung und legte los. Sein erster Tweet: "auf moderne weise weitergeben, was gott uns an diesem ort seit ueber tausend jahren schenkt."

Am Anfang fand er Twitter etwas gewöhnungsbedürftig, gibt er zu. "Es erschließt sich nicht sofort, man muss schon richtig mitmachen, um diese Kommunikationskultur zu verstehen." Durch den Fernsehbeitrag habe er aber rasch Follower bekommen, schnell sei ein reger Austausch entstanden. "Wahrscheinlich hat es viele einfach interessiert, wie jemand Twitter nutzt, der in der Kirche Verantwortung trägt." Häufig erreichen ihn auch Betwünsche per Direktnachricht. Ob er sie erfüllt? "Natürlich! Immer", sagt er und schaut dabei, als verstünde er gar nicht, wie man ihm diese Frage überhaupt stellen kann.

Inzwischen ist Abt Martin unter den Schweizer Twitterern eine feste Größe. In seiner Klostergemeinschaft veranstaltete er sogar schon Twitter-Schulungen, ein paar andere Mönche nutzen den Dienst seither auch. Überhaupt hofft er, mitreißen und andere von diesem Instrument überzeugen zu können: "Soziale Medien haben nun mal einen großen Stellenwert heute – auch wenn das die meisten Verantwortlichen in Kirche, Wirtschaft und Politik noch nicht verstanden haben." Der Abt jedenfalls glaubt, er würde seinem Auftrag, christliche Botschaften zu verbreiten, "untreu", wenn er die modernen Medieninstrumente dafür nicht nutzte.

Er nutzt sie und verbindet so Altes und Neues. Im vergangenen Jahr beispielsweise organisierte er die "Twallfahrt iSiedeln". Fünf Stunden lang pilgerte er mit 50 anderen – darunter auch ein Moslem, der vorher noch nie in einer Kirche gewesen war – von Pfäffikon über den Etzel nach Einsiedeln. Währenddessen informierten sie permanent via Twitter über die Wanderung. Der Begriff #Twallfahrt stand an jenem Tag an zweiter Stelle der deutschsprachigen Trending Topics, der meistverwendeten Schlagworte.