Tweet von einer Demonstration in London © Peter Macdiarmid/Getty Images

Anfang Juni machte die Netz-Enzyklopädie Wikipedia mit einem gewagten Vorschlag auf sich aufmerksam: Man wünschte die Aufnahme in die Weltkulturerbe-Liste der Unesco. Die deutsche Trägerorganisation Wikimedia initiierte dazu eine Petition, die bis heute rund 50.000 Nutzer gezeichnet haben. So absurd die Idee zunächst erschien, so sehr brachte sie Branchenbeobachter zum Nachdenken: ein digitales Weltkulturerbe? Nun, warum nicht? Sinn der Unesco-Liste ist es, herausragende Dinge unter einen besonderen Schutz zu stellen und für ihren Erhalt zu kämpfen. Und wer könnte sich heute oder in Zukunft eine Welt ohne Wikipedia vorstellen?

Wer dieser Argumentation folgt, wird schnell auch an anderer Stelle fündig. Tatsächlich gibt es noch eine zweite Plattform im Internet, die wie keine andere derzeit der Menschheit große Dienste leistet. Die Rede ist von Twitter. Die Idee zum Kurznachrichtendienst war so einfach wie genial – 140 Zeichen, das muss reichen. Doch genau mit diesem simplen Konzept hat Twitter eine neue Dimension in die sozialen Netzwerke eingeführt: Transparenz.

Twitter war vom ersten Tag an eine öffentliche Plattform, die sich eher als sichtbare Mikroblogosphäre denn als abgekapseltes Social Network verstand. Dank der Entwicklung von Schlagworten, Hashtags genannt, wurde die Plattform zum Abbild der globalen Erlebnis- und Gefühlswelt. Jede Mitteilung trägt zum weltumspannenden Nachrichtenticker bei, roh und ungefiltert. Wir wissen, wo es brennt, wo man protestiert, wo man liebt, wo man wählt und wo man kämpft. Zur Stunde befinden sich beispielsweise drei ZDF-Reporter in Tripolis, die im libyschen Bürgerkrieg im Kugelhagel nach verlässlichen Informationen suchen. Über 6.500 Nutzer verfolgen ihre Tweets aus dem Krisengebiet.

Heute werden weltweit 200 Millionen Tweets pro Tag publiziert: Keine Umfrage, keine Statistik und keine Studie leistet soviel für die Transparenz auf der Erde, wie Twitter es tut – und das kostenlos und in Echtzeit.

Diese Verfügbarkeit von Informationen hat Fakten geschaffen, von den Aufständen im Iran über den Tahrir-Platz in Kairo bis hin zum Bürgerkrieg in Libyen. Wenn Kameraleute das Land verlassen mussten, waren dort immer noch die Twitterer, um die Aufmerksamkeit der Welt auf ihre Probleme zu lenken. Twitter ist damit tatsächlich das erste demokratische Medium in der Geschichte der Menschheit, das den Stimmlosen die Macht gab, die Freiheit der Presse auszuüben und ihnen gleichzeitig die notwendige kritische Reichweite ermöglichte. Alles, was es dazu braucht, ist ein internetfähiges Handy und ein Twitter-Konto.

Wenn das Wissen der Menschheit schützenswert erscheint, so gilt das auch für die Transparenz. Das Problem besteht jedoch darin, dass der Dienst gerade in die Defensive gedrängt wird. Schon in wenigen Monaten dürfte es im Social Web nur noch einen Zweikampf geben, und dessen Name wird "Facebook vs. Google+" lauten. Twitter könnte das erste Netzwerk sein, das bei diesem Kräftemessen verliert. Das rudimentäre Instrumentarium der sozialen Interaktion etwa durch Retweets und Replies, das auf Twitter möglich ist, wirkt angesichts der multimediafähigen Eingabeboxen von Facebook und Google+ behäbig bis anachronistisch.

Schon kurz nach dem Start von Google+ vor wenigen Wochen prognostizierten Beobachter, dass Twitter fortan eine redundante und damit entbehrliche Rolle spiele. Robert Scoble, der wohl einflussreichste Technik-Blogger des Silicon Valley, wählte deutlichere Worte und bezeichnete Twitter angesichts des Feature-Reichtums von Google+ zunächst als "boring" ("langweilig"), dann als "crappy" ("beschissen"). Sein Urteil gründete auf der Nutzerfreundlichkeit, auf dem Design sowie den Möglichkeiten des sozialen Miteinanders – nicht auf der eigentlichen Funktion Twitters als Mikroblog. Und zweifelsohne kann Twitter, wird es allein als soziales Netzwerk betrachtet, kaum einem Vergleich mit den Wettbewerbern standhalten.

Nun ließe sich sagen: "Was soll's? Dann übernehmen eben Facebook oder Google+ die Aufgabe, die bisher Twitter übernahm!" Doch so einfach ist es nicht. Anders als Twitter verhalten sich die beiden Angebote wie Inseln im Ozean der Kommunikation. Das liegt an der – wichtigen – Möglichkeit, genau zu bestimmen, wer was lesen können soll. Und an der Struktur der Netzwerke. Die durchschnittliche Reichweite der Facebook-Nutzer ist nach Betreiberangaben auf ungefähr 130 Leser beschränkt. Nur wenige Mitglieder der beiden Netzwerke nehmen die Möglichkeit in Anspruch, ihre Informationen öffentlich zu teilen. Nachrichten verheddern sich damit auf dem Weg in die Öffentlichkeit in Sichtbarkeitsfiltern und in thematisch sortierten Kreisen. Sowohl Facebook als auch Google+ sind damit in ihrer jetzigen Form nur selten nach außen hin transparent. Die Vorhänge der Privatsphäre verhüllen viele Diskurse.