Online-Enzyklopädie Wikipedia-Autoren stimmen über Filter ab

Mit einem Referendum wirbt die Wikimedia Foundation für einen Filter gegen potenziell anstößige Inhalte in der Wikipedia. Unter den Autoren regt sich Widerstand.

Enzyklopädien waren immer schon ein Mittel der Aufklärung. Ungezählte 13-jährige Jungs haben heimlich im Brockhaus oder in der Encyclopedia Britannica nachgeschlagen, welche Geheimnisse die weibliche Anatomie bietet. Heute ist das nicht mehr notwendig – die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia ist einfacher zu handhaben und auch viel auskunftsfreudiger. Nicht nur Artikel wie "Vulva" und "weibliche Brust" bieten bebilderte Erläuterungen, Wissbegierige können auch nachschlagen, wie man einen Penisring anlegt oder wie aufblasbare Sexpuppen untenrum aussehen. Auch japanische Lolicon-Mangas, die Mädchenfiguren als sexualisierte Lolitas porträtieren, sind Thema der Online-Enzyklopädie, die es sich zum Ziel gemacht hat, das Weltwissen zu sammeln.

Zu viel ist zu viel, dachte sich Larry Sanger im Frühjahr 2010 und zeigte den Betreiber, die kalifornische Wikimedia Foundation, kurzerhand beim FBI an. "Ich glaube, dass die Website Wikimedia Commons, die von der Wikimedia Foundation betrieben wird, möglicherweise bewusst Kinderpornografie vertreibt", schrieb Sanger, der einst die Online-Enzyklopädie mit gegründet hatte, aber im Streit ausgeschieden war. Wikimedia Commons ist das zentrale Medienarchiv der Wikipedia mit mehr als 10 Millionen Bild-, Video- und Audiodateien.

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Was folgte, war eine Höhepunkt interner Wikipedia-Politik. Zwar zeigte das FBI kein Interesse an den Vorwürfen. Doch Jimmy Wales, ebenfalls Gründer der Online-Enzyklopädie, scharte einige Anhänger um sich und ließ in einer Hauruck-Aktion Hunderte Bilder löschen, um eine negative Berichterstattung zu vermeiden. Das wiederum sorgte für Empörung unter den freiwilligen Wikipedia-Autoren und Administratoren, die solche Einmischungen von oben gar nicht schätzen. Schließlich übernahm Wikimedia-Geschäftsführerin Sue Gardner das Ruder und ließ den Berater Robert Harris eine Studie über "kontroverse Inhalte" ausarbeiten. Zu seinen Empfehlungen gehört, den Nutzern die Möglichkeit zu geben, unerwünschte Inhalte auszublenden. Im Juni beschloss der Stiftungsrat der Wikimedia Foundation, diesen Ratschlag umzusetzen.

Es geht nicht nur um sexuelle Inhalte, sondern auch um Darstellungen von Gewalt und andere potenziell verstörende Motive. In den zehn Jahren ihres Bestehens ist die Wikipedia immer wieder mit verschiedenen Inhalten angeeckt. So landete die Online-Enzyklopädie 2008 auf einer britischen Kinderporno-Filterliste, weil dort ein Bild eines Albums der Band "The Scorpions" zu finden ist, das eine nackte 12-Jährige zeigt.

2007 zeigte die damalige stellvertretende Vorsitzende der Partei "Die Linke", Katina Schubert, die Betreiber der Enzyklopädie an, weil sich hier Kennzeichen zahlreicher Nazi-Organisationen angesammelt hatten. Ihre Forderung: "Nazis raus aus Wikipedia". Und auch Islamisten stoßen sich an mittelalterlichen Darstellungen des Propheten Mohammed, die ihren Weg in die Wikipedia gefunden haben.

Mit dem "Prinzip der geringsten Überraschung" will die Wikimedia Foundation weiteren Auswüchsen begegnen. Zu deutsch: Man will niemanden vor den Kopf stoßen. Gerade bei der derzeit geplanten Expansion der Wikipedia in Asien, Afrika und arabischen Ländern könnte allzu große Freizügigkeit hinderlich sein. Zwar müssen alle Inhalte der Wikipedia erzieherischen oder informativen Anspruch haben – doch wo ist die Grenze zu ziehen? Auf der Multimedia-Plattform der Enzyklopädie finden sich alleine 17 Videos zur männlichen Ejakulation. Mit dem neuen Filter sollen die Nutzer selbst entscheiden können, ob sie so viel aufklärerische Information wirklich sehen wollen.

Doch für eine Fraktion der Wikipedia-Autoren ist Aufklärung eine ihrer nobelsten Aufgaben. So hoben deutsche Wikipedia-Autoren im vergangenen Jahr zum Beispiel den Artikel "Vulva" samt Foto auf die deutschsprachige Startseite der Enzyklopädie und sorgten so für hitzige Debatten. Diese Wikipedianer lehnen Filter strikt ab, da sie eine Unterdrückung des Wissens befürchten. "Von Tag Eins an stehen wir für Aufklärung ohne politische Barrieren" schreibt zum Beispiel Wikipedia-Autor "Samsara" auf der Diskussionsseite zum Referendum.

Der Filter könne von Schulen und anderen Institutionen missbraucht werden, Wikipedia-Inhalte ohne Zustimmung der Leser zu beschneiden. "Nur weil Google gegenüber China eingeknickt ist, müssen wir das nicht auch tun". Andere heißen den Filter als überfällig willkommen.

Wenn der neue Filter funktionieren soll, ist die Wikimedia Foundation aber auf die Mitwirkung der Community angewiesen. Die freiwilligen Mitarbeiter müssen die Bilder in Kategorien einsortieren, die dann von Lesern blockiert werden können. Aus diesem Grund hat die Stiftung ein Referendum angesetzt. Ein ungewöhnlicher Schritt. Denn plattformweite Abstimmungen sind bisher nicht etabliert. Stattdessen werden Entscheidungen in einem schier endlosen Diskussionsprozess zwischen meist wenigen Dutzend Aktiven getroffen.

Doch statt die Stimmberechtigten zu fragen, ob sie tatsächlich einen Filter einrichten wollen, geht es in den sechs Fragen nur um Details der Umsetzung: Sollen die Bilder trotz eingeschaltetem Filter abrufbar sein? Soll der Filter "kulturell neutral" gestaltet sein – sprich: soll möglichst vielen Gruppen die Möglichkeit gegeben werden, ihr Weltbild im Filter umzusetzen? Die Stimmberechtigten können nicht mit "Ja" oder "Nein" abstimmen, sondern nur Prioritäten vergeben. Was letztlich umgesetzt wird, ist nicht vorherzusagen.

"Das Herunterbrechen der Frage in mehrere Detailfragen bedeutet dabei einerseits eine stärkere, auch inhaltliche Mitwirkungsmöglichkeit", erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch, der die Selbstverwaltungsprozesse in der Wikipedia beobachtet. "Andererseits wird damit aber auch eine Polarisierung pro oder contra Filtertechnologie elegant umschifft, was das Risiko des Referendums aus Sicht der Foundation minimiert", sagt Dobusch. 

10 Jahre Zusammenarbeit

Am 15. Januar 2001 ging die englische Version der Wikipedia online. Innerhalb weniger Jahre wuchs das Projekt von Jimmy Wales zu einer globalen Wissensammlung und bewies, dass das Internet den Menschheitstraum erfüllen kann, allen das Wissen der Welt zugänglich zu machen, wenn viele mithelfen. Anlässlich dieses Geburtstages veröffentlicht ZEIT ONLINE einen Themenschwerpunkt Wikipedia.

Philippe Beaudette, bei Wikimedia für die Durchführung des Referendums zuständig, stellt klar: "Die Frage ist nicht, ob der Filter eingeführt werden soll oder nicht. Der Stiftungsrat hat dies ja bereits beschlossen". Stattdessen gehe es nur darum, den Programmierern und Designern Hilfen an die Hand zu geben, wie sie die neue Funktion implementieren sollen.

Das Interesse der Community sei groß: In den ersten 48 Stunden hätten bereits 2.500 Wikipedianer abgestimmt. Zum Vergleich: Bei der Besetzung der Sitze im Stiftungsrat der Wikimedia Foundation in diesem Jahr hatten sich insgesamt 3.500 Wikipedianer beteiligt. Das Referendum läuft noch bis zum 30. August.

 
Leser-Kommentare
    • GDH
    • 23.08.2011 um 17:19 Uhr

    Was im Artikel offen bleibt: Ist der Filter per Voreinstellung aus? Ist also sichergestellt, dass niemand den Filter an hat und dabei garnicht merkt, was er alles nicht sieht?

    Ich fürchte, irgendwann wird es Filter geben, die Parallelgesellschaften fördern, weil jede Gruppe nur noch sieht, was im jeweiligen Umfeld akzeptiert ist. Unangenehme Dinge über die eigene Nation, Ethnie, Religion etc. würden dann ausgeblendet. Insgesamt sicher gefährlicher, als dass jemand etwas sieht, was er nicht sehen will und dann erst eine andere Seite aufrufen muss (welch eine Zumutung;-| ).

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    Willkommen in der Realitaet.

    Willkommen in der Realitaet.

  1. 2. Filter

    Wenn es nur darum ginge, nicht unvermittelt Bildern zu begegnen, die man grauenhaft findet, reichte es völlig aus, den aktivierten Filter im Einzelfall per einfachen Mausklick auf den leeren Rahmen deaktivieren zu können. Dann wäre der Nutzer frei, aber könnte sich selbst schützen.

    Ich würde dann vielleicht den Filter "Chirurgie" und "Verletzungen" aktivieren, und gegebenenfalls einzelne Bilder zulassen, falls ich's mal brauchen sollte. (Nicht, daß ich den Filter bisher vermißt hätte, denn man kann ja auch weg-/vorbeigucken.)

    Ein Filter, der vom Nutzer nicht jederzeit und bequem deaktiviert werden kann, würde tatsächlich den Zensoren zuarbeiten -- ein für Enzyklopädisten unerträglicher Vorgang.

  2. Soso, die Steine des Anstoßes heißen also z.B. "Vulva", "Penis" und "Mohammed". Wer sich dran stößt, braucht diese Worte ja nicht zu googeln, um sich dann bei Treffern zu ekeln.

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    Moin,
    ich habe im Sinne der freien Zugänglichkeit von Informationen meine Stimme abgegeben. Mit anstößigem fängt es meist an und wird schnell zweckentfremdet, zumal es auch um Mechanismen geht, die ein "Petzen" ermöglichen. Und dann geht der Spaß schon los.
    Beste Grüße
    Grabert
    (aus dem Off, mein Beitrag für den August)

    Moin,
    ich habe im Sinne der freien Zugänglichkeit von Informationen meine Stimme abgegeben. Mit anstößigem fängt es meist an und wird schnell zweckentfremdet, zumal es auch um Mechanismen geht, die ein "Petzen" ermöglichen. Und dann geht der Spaß schon los.
    Beste Grüße
    Grabert
    (aus dem Off, mein Beitrag für den August)

  3. Moin,
    ich habe im Sinne der freien Zugänglichkeit von Informationen meine Stimme abgegeben. Mit anstößigem fängt es meist an und wird schnell zweckentfremdet, zumal es auch um Mechanismen geht, die ein "Petzen" ermöglichen. Und dann geht der Spaß schon los.
    Beste Grüße
    Grabert
    (aus dem Off, mein Beitrag für den August)

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    die "Anderen" überwiegen?

    Die, die bestimmen wollen, was Menschen wissen dürfen, und was nicht.

    Findet nicht eine Abstimmung unter den Autoren statt?

    Was, wenn dann viele für Zensur sind?

    Dann kommen die Filter.

    die "Anderen" überwiegen?

    Die, die bestimmen wollen, was Menschen wissen dürfen, und was nicht.

    Findet nicht eine Abstimmung unter den Autoren statt?

    Was, wenn dann viele für Zensur sind?

    Dann kommen die Filter.

  4. die "Anderen" überwiegen?

    Die, die bestimmen wollen, was Menschen wissen dürfen, und was nicht.

    Findet nicht eine Abstimmung unter den Autoren statt?

    Was, wenn dann viele für Zensur sind?

    Dann kommen die Filter.

    Antwort auf "Stimme abgegeben"
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    "Dann kommen die Filter."

    Die Filter sind schon beschlossen, die Wikipädianer können in der Abstimmung nur noch die Form mitgestalten.
    Ich werde mir das sehr genau ansehen. Einen automatisch eingeschalteten Filter, der mir Inhalte vorenthält, lehne ich ab. Auf diese Weise setzen verschiedene Gruppen dann ihre moralischen Ansichten weltweit durch (keine Nackten, keine Mohammed-Bilder, keine Hakenkreuze, keine unverschleierten Frauen?).

    "Dann kommen die Filter."

    Die Filter sind schon beschlossen, die Wikipädianer können in der Abstimmung nur noch die Form mitgestalten.
    Ich werde mir das sehr genau ansehen. Einen automatisch eingeschalteten Filter, der mir Inhalte vorenthält, lehne ich ab. Auf diese Weise setzen verschiedene Gruppen dann ihre moralischen Ansichten weltweit durch (keine Nackten, keine Mohammed-Bilder, keine Hakenkreuze, keine unverschleierten Frauen?).

  5. Man vergleiche

    http://de.wikipedia.org/w...

    und

    http://en.wikipedia.org/w...

    Der englische Artikel ist viel ausführlicher und im deutschen fehlt auch der Link zum englischen Artikel.

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    • GDH
    • 24.08.2011 um 12:19 Uhr

    Ihre Beobachtung hat offenbar nichts mit Zensur zu tun:

    Der englische Eintrag, den Sie verlinken ("Depleted_uranium"), heist in der deutschen Version "Abreicherung" (http://de.wikipedia.org/w...)

    Von diesem ist auch die englische Version verlinkt.

    Dort unter "siehe auch" findet sich auch der deutschsprachige Artikel "Uranmunition".

    Es scheint also eher in der Entstehungsgeschichte der Artikel und dem unterschiedlichen Sprachgerbauch begründet. In der Englischen Version ist ein Artikel gewachsen, der Abreicherung und Munition aus abgereichertem Uran in einem behandelt, in der deutschen Wikipedia gibt's zwei Einträge(die beide weniger umfangreich sind).

    Sie können gerne die Probe machen und den deutschen Artikel erweitern. Ich sehe im Moment keinen Hinweis, dass das unterdrückt würde (auch auf der Diskussionsseite findet sich nichts in der Richtung).

    • GDH
    • 24.08.2011 um 12:19 Uhr

    Ihre Beobachtung hat offenbar nichts mit Zensur zu tun:

    Der englische Eintrag, den Sie verlinken ("Depleted_uranium"), heist in der deutschen Version "Abreicherung" (http://de.wikipedia.org/w...)

    Von diesem ist auch die englische Version verlinkt.

    Dort unter "siehe auch" findet sich auch der deutschsprachige Artikel "Uranmunition".

    Es scheint also eher in der Entstehungsgeschichte der Artikel und dem unterschiedlichen Sprachgerbauch begründet. In der Englischen Version ist ein Artikel gewachsen, der Abreicherung und Munition aus abgereichertem Uran in einem behandelt, in der deutschen Wikipedia gibt's zwei Einträge(die beide weniger umfangreich sind).

    Sie können gerne die Probe machen und den deutschen Artikel erweitern. Ich sehe im Moment keinen Hinweis, dass das unterdrückt würde (auch auf der Diskussionsseite findet sich nichts in der Richtung).

    • GDH
    • 24.08.2011 um 12:19 Uhr

    Ihre Beobachtung hat offenbar nichts mit Zensur zu tun:

    Der englische Eintrag, den Sie verlinken ("Depleted_uranium"), heist in der deutschen Version "Abreicherung" (http://de.wikipedia.org/w...)

    Von diesem ist auch die englische Version verlinkt.

    Dort unter "siehe auch" findet sich auch der deutschsprachige Artikel "Uranmunition".

    Es scheint also eher in der Entstehungsgeschichte der Artikel und dem unterschiedlichen Sprachgerbauch begründet. In der Englischen Version ist ein Artikel gewachsen, der Abreicherung und Munition aus abgereichertem Uran in einem behandelt, in der deutschen Wikipedia gibt's zwei Einträge(die beide weniger umfangreich sind).

    Sie können gerne die Probe machen und den deutschen Artikel erweitern. Ich sehe im Moment keinen Hinweis, dass das unterdrückt würde (auch auf der Diskussionsseite findet sich nichts in der Richtung).

  6. "Dann kommen die Filter."

    Die Filter sind schon beschlossen, die Wikipädianer können in der Abstimmung nur noch die Form mitgestalten.
    Ich werde mir das sehr genau ansehen. Einen automatisch eingeschalteten Filter, der mir Inhalte vorenthält, lehne ich ab. Auf diese Weise setzen verschiedene Gruppen dann ihre moralischen Ansichten weltweit durch (keine Nackten, keine Mohammed-Bilder, keine Hakenkreuze, keine unverschleierten Frauen?).

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Was, wenn"

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