Cyber-War "Cyber-Waffen lassen sich nicht abrüsten"

Wann ist ein Angriff im Netz ein Krieg und wie lässt er sich erkennen? Im Interview spricht Hauptmann Czosseck vom Cyberwar-Zentrum der Nato über Computer als Waffen.

ZEIT ONLINE: Herr Czosseck, was ist ein Cyber-Krieg?

Christian Czosseck: Es gibt keine einheitliche Definition. Im Allgemeinen ist Cyber-Krieg ein ausschließlich mit Computern durchgeführter Angriff auf die kritische Infrastruktur eines Landes. Wie auch beim konventionellen Krieg ist die Schwelle fließend. Was eine Nation als Kriegsfall ansieht, muss es für die andere nicht sein. Die Frage der Auslegung ist eine politische, keine militärische.

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ZEIT ONLINE: Gab es bereits einen solchen allein mit Computern geführten Krieg?

Nato Cooperative Cyber Defence Centre

Das Nato Cooperative Cyber Defence Centre of Excellence in Tallinn wurde 2008 gegründet und ist in einer ehemaligen sowjetischen Kaserne am Stadtrand untergebracht. Es sieht so aus, wie sich ein Set Designer bei James Bond eine Institution für Cyber-Verteidigung in Osteuropa ausmalen würde.

Doch das CCDCOE ist eine Forschungseinrichtung und eines der Exzellenzcluster der Nato. Diese Zentren werden jeweils von verschiedenen Ländern gemeinsam betrieben und sollen die Fähigkeiten des Militärbundes erweitern.

Im CCDCOE werden Konzepte und Doktrinen zum Kampf im Netz erforscht, was neben den technischen Aspekten auch beinhaltet, die rechtlichen Bedingungen zu untersuchen. Dort werden außerdem Simulationen und Seminare organisiert und Mitarbeiter der Nato geschult.

In dem Zentrum arbeiten Experten aus verschiedenen Staaten, darunter Deutschland, Estland, Ungarn, Italien und Spanien. Einer davon ist der Bundeswehr-Hauptmann und Informatiker Christian Czosseck.

Czosseck: Nicht als einen eigenständigen Krieg. Aber im Krieg um Südossetien 2008 zeigte sich eine bemerkenswerte Koordination von konventionellen Angriffen und Cyber-Angriffen. Allerdings waren die wiederum eher harmlos. Auf Websites der georgischen Regierung wurde etwa die Aussage angebracht, dass Präsident Saakaschwili mit Hitler zu vergleichen sei. Im Grunde handelte es sich hier eher um eine Erweiterung der psychologischen Kriegsführung.

ZEIT ONLINE: Wie hoch ist das Risiko eines Cyber-Nine-Eleven, eines Angriffs also, der ähnliche Folgen hat wie der Terroranschlag vom September 2001?

Czosseck: Denkbar ist ein Angriff, der für die Weltwirtschaft ähnliche Folgen hat. Ein koordinierter Schlag auf mehrere Leitbörsen könnte eine Weltwirtschaftskrise ähnlichen Ausmaßes auslösen. Da die Weltwirtschaft jedoch stark verflochten ist, gibt es keinen gewichtigen Akteur, der an einer weltweiten Krise Interesse hätte. Selbst Organisationen wie al-Qaida sind auf potente Geldgeber angewiesen, die ihrerseits von dem Funktionieren der Weltwirtschaft abhängig sind.

ZEIT ONLINE: Wer auf einen Angriff reagieren will, muss wissen, woher der Angriff kommt. Das lässt sich aber bei Gefechten über das Internet nicht so leicht sagen, richtig?

Czosseck: Wir können im besten Fall Indizien sammeln, die teilweise so stark sind, dass sie einen Richter überzeugen könnten. Eindeutige Beweise gibt es aber fast nie. Das größte Problem ist, dass die Angriffe meist über andere Staaten geleitet werden, bevor sie ihr Ziel erreichen, sogenannte False-Flag-Operations, also Operationen unter fremdem Namen. Leitet man etwa einen Angriff über Iran, Israel und Russland auf die USA, bestehen wenig Chancen, dass die vier Nationen kooperieren, um die wahre Quelle des Angriffs festzustellen.

ZEIT ONLINE: Wie kann die Öffentlichkeit feststellen, ob ein ernster Angriff vorliegt?

Czosseck: Es gibt grundsätzlich zwei Arten von Cyber-Angriffen: Entweder wird etwas sabotiert und ist in seiner Funktion nachhaltig gestört, oder bedeutende Informationen werden gestohlen oder manipuliert. Wenn kritische Infrastruktur sabotiert wurde, wird die Öffentlichkeit das mitbekommen. Schwieriger ist es, wenn Informationen gestohlen wurden. Da es meistens um geheime Informationen geht, gibt es hier keine Möglichkeit der Überprüfung durch die Öffentlichkeit.

ZEIT ONLINE: Welche Länder sind heute in dieser Art der Kriegsführung tätig?

Czosseck: Die USA gehen sehr systematisch vor, insbesondere was die Rekrutierung anbelangt. An Schulen werden dort Hacking-Wettbewerbe initiiert. In Russland und China ist es eher so, dass Hackergruppen geduldet werden. Beide Modelle haben ihre Vorteile. Die USA haben mehr Kontrolle über das, was passiert. Aber sie tragen auch die volle Verantwortung. Russland und China können diese leichter abstreiten. Das sind aber nur einige Beispiele, denn viele Nationen entwickeln heute entsprechende Fähigkeiten, ohne diese öffentlich zuzugeben.

Leser-Kommentare
  1. die solchen Hacktivismus wie Terrorismus behandeln und dementsprechend härter bestrafen."

    So spricht ein deutscher Soldat mit Pensionsberechtigung auf der Schäuble Linie. Selten so gelacht.

    Ich gehe in der Stadt spazieren und sehe in zahllosen Internet Cafes
    15 jährige, oder besser, strafunmündige an Computern hantieren.

    Nehmen wir an, dass 0,01% davon besser sind als jeder Informatiker

  2. > >Es gibt keine einheitliche Definition. Im Allgemeinen ist Cyber-Krieg ein ausschließlich mit Computern durchgeführter Angriff auf die kritische Infrastruktur eines Landes. Wie auch beim konventionellen Krieg ist die Schwelle fließend. Was eine Nation als Kriegsfall ansieht, muss es für die andere nicht sein. Die Frage der Auslegung ist eine politische, keine militärische.> >

    Hehe, Schlingel.
    Das ist in der Tat richtig, gerade die NATO führt ja so gut wie nie Krieg, sondern führt Stabilisierungseinsätze oder humanitäre Hilfsleistungen durch.
    Also z.B. wenn man die libysche Zivilbevölkerung immernoch vor Gadhafis Luftwaffe schützen muss obwohl diese bereits vor Monaten vernichtet wurde.
    Die Definition von Krieg und Frieden, überhaupt die Bedeutung von Worten, ist in der heutigen Machtpolitik völlig bedeutungslos.
    Abgelöst durch eine Sprach-Willkür in Dienste der Propaganda.
    Das Jahr "1984" haben wir dabei länsgt überschritten.

    Nur konsequent, progressive Gruppen wie Anonymous als potentielle (Cyber-)Terroristen anzuführen.
    Alles was die korrupte, verbrecherische und undemokratische Herrschaft einer Minderheit auf Kosten der Mehrheit gefährdet ist eine vitale Bedrohung des Establishments und wird mit allen verfügbaren Mittel bekämpft werden.

    Und wenn man zur Ablenkung von innenpolitischen Problemen keinen glaubwürdigen "äusseren Feind" mehr hat, UdSSR exitiert nicht mehr, Al Quaida zerschlagen, usw., baut man sich diesem halt im Inneren auf.

    Schöne neue Welt.

  3. Gut, die "bösen" Russen und Chinesen sind wie gehabt die "Drahtzieher" allen Übels - aber: ohne ElKaida gehts nicht, oder?

    P.S. Es ist doch nur noch eine Frage der Zeit, daß man Anonymous mit Terrorismus gleichsetzt.

  4. Um was geht es?

    Nachdem sich viele militärische Organisatione bemühen müssen
    um noch Militär sein zu dürfen werden neue Operationsgebiete
    erfunden.
    Das Wissen und die weitere Verbreitung diese Wissen erschreckt manches Militär.Diese Militärs befürchten nicht
    mehr gebraucht zu werden.
    Sogenannte Cyber-Angriffe gibt es nicht,sie sind ausschliesslich in den Köpfen des militarischtem Denken
    der Vergangenheit vorhanden.

    Eine Leser-Empfehlung
  5. Kritische Infrastrukturen, na schön. Es wird doch meistens gar nichts für die IT-Sicherheit getan, was hilft. Militär hilft bestimmt nicht. Da drängen sich inkompetente Leute in einen Bereich, und operieren wie die Amateure mit den Rechtsbegriffen des Krieges herum. Die ganze Talinn-Geschichte ist mehr oder weniger Show einer obsolet werdenen Verteidigungsbürokratie, die keinen value for money liefert. Da kann man besser Gottesdienste abhalten und während der Messe für Cybersicherheit beten.

    Eine Leser-Empfehlung
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    Hehe, You Made My Day ;-)

    Sehe ich ähnlich, die Dienste, Behörden und das Militär verfügen in der Regel nicht über wirkliche IT-Spezialisten. Außerdem ist die Organisationsstruktur zwischen den starren Bürokratien und den Hackergruppen (Stichwort: virtuelle Organisation nach Nonaka/Takeuchi) zu unterschiedlich, als dass ich wieder als Soldat IT-Sicherheit machen wollte.

    Hehe, You Made My Day ;-)

    Sehe ich ähnlich, die Dienste, Behörden und das Militär verfügen in der Regel nicht über wirkliche IT-Spezialisten. Außerdem ist die Organisationsstruktur zwischen den starren Bürokratien und den Hackergruppen (Stichwort: virtuelle Organisation nach Nonaka/Takeuchi) zu unterschiedlich, als dass ich wieder als Soldat IT-Sicherheit machen wollte.

  6. Hehe, You Made My Day ;-)

    Sehe ich ähnlich, die Dienste, Behörden und das Militär verfügen in der Regel nicht über wirkliche IT-Spezialisten. Außerdem ist die Organisationsstruktur zwischen den starren Bürokratien und den Hackergruppen (Stichwort: virtuelle Organisation nach Nonaka/Takeuchi) zu unterschiedlich, als dass ich wieder als Soldat IT-Sicherheit machen wollte.

    Antwort auf "Geschnacke"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ganz vergessen: das Geschreibsel vom Cyberwar ist so esoterisch wie ein Wirtschaftskrieg oder Zickenkrieg.

    Krieg im Cyberspace ist schlichtweg nicht möglich:

    http://www.youtube.com/us...

    Ganz vergessen: das Geschreibsel vom Cyberwar ist so esoterisch wie ein Wirtschaftskrieg oder Zickenkrieg.

    Krieg im Cyberspace ist schlichtweg nicht möglich:

    http://www.youtube.com/us...

  7. Ganz vergessen: das Geschreibsel vom Cyberwar ist so esoterisch wie ein Wirtschaftskrieg oder Zickenkrieg.

    Krieg im Cyberspace ist schlichtweg nicht möglich:

    http://www.youtube.com/us...

    Antwort auf "Militär und IT"
    • olch
    • 02.09.2011 um 10:16 Uhr

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