ZEIT ONLINE: Ihr Buch macht ziemlich Panik. Da beschreiben Sie als Windows-Topentwickler, wie Flugzeuge abstürzen, Kinder im Krankenhaus sterben und Kraftwerke ausfallen – bloß weil da überall Windows-Computer drinstecken, die Hacker unter Ihre Kontrolle gebracht haben. Meinen Sie das ernst?

Mark Russinovich: Es ist natürlich erst mal ein Thriller und kein Sachbuch. Aber die Art der Angriffe, die ich dort detailliert beschreibe, ist sehr realistisch. Ich bin sogar überrascht, dass so etwas in der jüngeren Zeit nicht passiert ist.

ZEIT ONLINE: Eben. Es ist eben noch nicht passiert.

Russinovich: "Noch nicht" ist übertrieben. Anfang dieses Jahrzehnts kam schon einmal eine ganze Welle von Computerwürmern auf, die damals nichts Schlimmeres taten, als sich selber von Rechner zu Rechner zu verbreiten. Aber sie propagierten sich so intensiv, dass sie vielerorts Chaos auslösten Geldautomaten und Flugzeug-Reservierungssysteme und viele andere Dinge im öffentlichen Leben wurden lahmgelegt. 

ZEIT ONLINE: Erinnert man sich kaum noch dran. Das Leben ist weitergegangen …

Russinovich: ... und die Technik solcher Schadsoftware hat sich weiterentwickelt. In dem Szenario in meinem Buch ist die schädliche Software nun so programmiert, dass sie absichtlich Schaden anrichten soll. Sie wird mit den heute üblichen Methoden vor möglichen Entdeckern versteckt. Diese Techniken sind allesamt realistisch.

ZEIT ONLINE: Aber nochmal: Wenn das so einfach ist, warum ist es noch nicht passiert? Al-Quaida könnte vom Lehnstuhl aus operieren!

Russinovich: Die entsprechend fortgeschrittenen Programmierer von Schadsoftware sind heute hauptsächlich im kriminellen Milieu aktiv. Sie arbeiten vor allem am Diebstahl von Finanzmitteln. Um mein Szenario wahr werden zu lassen, brauchen Sie jemanden mit einer politischen Agenda. Oder einen Wahnsinnigen, der das aus Spaß macht. Hier geht es um Zerstörung.

ZEIT ONLINE: Sind Ihre Tage bei Microsoft jetzt eigentlich gezählt? Richtig lustig kann man Ihr Buch da ja nicht finden …

Russinovich: Ehrlich gesagt, ich habe dieses Buch zwar als Hobby geschrieben, aber die Grundlagen dafür sind eng verflochten mit meiner täglichen Arbeit bei Microsoft. Ich bin der Autor des offiziellen Kompendiums über das Innenleben von Microsoft Windows. Ich kümmere mich auch seit vielen Jahren um die Systemsicherheit. Ich kenne mich da bis auf die untersten Ebenen des Systems aus.

ZEIT ONLINE: Ja eben. Der Russinovich schreibt einen Thriller über seinen Arbeitgeber, in dem der sämtliche Computer der Welt in Zeitbomben verwandelt.

Russinovich: Wir denken bei Microsoft viel über diese Dinge nach und stecken enorm viel Arbeit in die bessere Absicherung der Software. Das Problem ist aber: Die eine große Lösung für alle Sicherheitsprobleme gibt es nicht. Vor allem dann nicht, wenn Benutzer immer wieder – aus Unwissenheit – schädliche Programme auf ihren Rechnern installieren.