Internet-Sicherheit "Online sind Namen zweitrangig"
David Clark ist einer der Gründerväter des Internet. Es müsse sich weiterentwickeln und der Gesellschaft anpassen, sagt er im Interview. Klarnamen brauche es aber nicht.
ZEIT ONLINE: Professor Clark, Sie haben kürzlich gesagt, dass wir eine große Debatte über die Zukunft des Netzes brauchen.
David D. Clark: Ach was, diese Debatte läuft in Wahrheit schon längst. Und es ist eine sehr notwendige Debatte. Die Weiterentwicklung des Netzes kann nur gelingen, wenn sie sich an wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfordernissen orientiert ...
ZEIT ONLINE: Das sagen Sie als Ingenieur?
David D. Clark gehört mit zusammen Robert Kahn, Vint Cerf, Larry Roberts und dem inzwischen verstorbenen David Postel zu den Ingenieuren und Informatikern, die seit den sechziger und siebziger Jahren die grundlegenden Protokolle entwickelt haben, mit Hilfe derer das Netz Daten transportiert. Clark, der bis heute am Massachussetts Institute of Technology (MIT) forscht, war jahrelang der so genannte "Chef-Protokollarchitekt" des Internets.
In früheren Zeiten war der Informatiker für seine kecken Sprüche bekannt: "Wir lehnen Könige und Präsidenten ab", hat er einmal über das Internet gesagt, "und Abstimmungen auch. Wir glauben an den groben Konsens und an funktionsfähige Programme".
Inzwischen allerdings mahnt er, dass die gesamte Gesellschaft und Wirtschaft bei der Fortentwicklung des Internet beteiligt werden solle. Er macht sich Sorgen: Im Augenblick werde das Internet den Ansprüchen der Gesellschaft nicht mehr gerecht.
Clark: Und zwar aus Erfahrung. Ende der neunziger Jahre habe ich gelernt, dass ökonomische Fragen im Mittelpunkt stehen müssen, wenn man überhaupt etwas weiterentwickeln will: Da muss jemand investieren wollen, man muss sich Geld davon versprechen. Wir wollten damals schon sehr frühzeitig so genannte Streaming-Protokolle im Internet verankern, für die bessere Übertragung von Ton und Bildern. Aber als wir damit auf die Internetprovider zugingen, sagten die: Um Gottes Willen! Die hatten damals keine Geschäftsmodelle, die dazu gepasst hätten, und verweigerten sich schlichtweg.
ZEIT ONLINE: Ohne den Rest der Gesellschaft gehe es auch nicht, sagen Sie neuerdings.
Clark: Richtig, es geht auch nicht ohne die Gesellschaft, und erst recht nicht ohne die Politik. Ohne die nationale Politik, wohlgemerkt.
ZEIT ONLINE: Ist das Internet nicht ein internationaler Raum?
Clark: Lassen Sie mich erklären, warum das nur teilweise stimmt. Ein besonders einschneidender Fall war der Prozess in Frankreich gegen Yahoo!...
ZEIT ONLINE: Das war Anfang der 2000er Jahre, als der amerikanische Yahoo!-Dienst Nazi-Andenken an französische Kunden verkauft hatte, und die französische Regierung das stoppen wollte.
Clark: ... ja, und das war ein tiefer kultureller Konflikt. Aus amerikanischer Sicht ging er sehr gegen die Tradition, freie Meinungsäußerung zuzulassen, auch wenn die Meinung in diesem Fall eine sehr unangenehme war. Und trotzdem war die französische Regierung hinterher siegreich und konnte sich durchsetzen. Yahoo! entschloss sich am Ende sogar, dass es wohl einfacher sei, solche Dinge gleich auch in den USA nicht mehr zu verkaufen.
ZEIT ONLINE: Was wollen Sie mit diesem Beispiel jetzt genau sagen?
Clark: Man kann hier der Meinung sein, das sei keine besonders wichtige Angelegenheit, und da würden wohl auch viele Leute zustimmen. Aber gleich dahinter stehen sehr grundsätzliche Fragen. Was darf man im Internet machen? Welche Jurisdiktion gilt in welchem Fall? In welchem Umfang dürfen französische Nutzer auf ausländischen Computersystemen Dienste nutzen, in welchem Fall darf ihr Datenverkehr über Landesgrenzen weitergeleitet werden? Der Yahoo!-Fall hat gezeigt, dass dies keinesfalls eine technische Frage ist, sondern letztlich im politischen Raum entschieden wird.
- Datum 08.09.2011 - 11:57 Uhr
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Nehmen wir das reale Leben.
Es gibt Geschäftsvorfälle bei denen sich jeder Mensch in unterschiedlichen Stufen authentifiziren muss. Mit dem Personalausweis (Behörde), mit der Kreditkarte (Zahlungsvorgang), mit der Kunden- und oder Vertragsnummer (Versicherungen, etc).
Daneben gibt es viele Lebensbereiche, in denen er sich nicht authentifizieren muss, wenn er z.B. eine EU-Grenze überschreitet, wenn er an einer Demonstration teilnimmt, wenn er seine Meinung sagt, wenn er sich auf einer Veranstaltung mit anderen Menschen in zwangloser Geselligkeit unterhält.
Eine politische Forderung nach Beschränkungen im Datenaustausch über Ländergrenzen hinweg oder nach einer grundsätzlich erforderlichen Authentifizierung im Internet - gar gar per elektronischem Ausweis/Zertifikat - ignoriert also das reale Leben und geht somit völlig an der gelebten Wirklichkeit vorbei.
Auch das Internet braucht und bietet technisch betrachtet diese grundsätzlich drei verschiedenen Formen der Teilhabe:
1. Eine gestufte, verlässliche Authentifizierung in Geschäfts- und Rechtsangelegenheiten
2. Eine Personifizierung in Form von Pseudonymen
3. Die Möglichkeit der anonymen Teilhabe.
Das Internet bildet das reale Leben nach. Es ist kein rechtsfreier Raum, denn die Gesetze gelten auch dort, aber das heißt nicht, das jeder alles von einem anderen Menschen wissen muss, er also seine Identität anzugeben hat.
Wie eben im realen Leben auch.
In ein paar Jahren wird es nur noch IPV6 geben, dann ist die Steuernummer in der Internetadresse eingebaut.
Internet ohne Grenzen war vor 15 Jahren keine Vision sondern fast Realität. Ich finde man sollte dieses internationale Modell gegenüber dem Zugriff von Ökonomie und Politik verteidigen. Waren das noch Zeiten, als der Mainstream das Internet nicht wirklich genutzt hat...
Und ich behaupte das Gegenteil:
Es war ein Fehler, regionale Restriktionen nicht von Anfang an auszuschließen. Ich sehe keine Unzulänglichkeiten im Internet in seiner momentanen Form.
Wer wünscht sich denn überhaupt ein Internet voller Restriktionen? Die Verfechter eines dystopischen George-Orwell-States.
Endlich mal ein Erfinder, der zu den (eklatanten) Geburtsfehlern seines Wekes steht! Recht hat er: wir duerfen uns ja auch im realen Leben in Kneipen oder an den Strand begeben, ohne uns dafuer vorher ausweisen zu muessen. An unser Bankkonto oder in ein Flugzeug duerfen wir ohne Identifikation aber nicht! Niemand wuerde fordern, dies zu aendern. Frustrierend, dass (wie immer) auch bei dieser wichtigen Debatte fast nur die "alles so lassen" oder "alles aendern" Meinungen am Start sind und wenige verschiedene Bereiche differenzieren wie der werte Herr Professor. Eigentlich braucht doch nur jeder einen festen, anonymen Nickname dessen zugeordneter Klarname bei einer entsprechenden Behoerde hinterlegt ist welche die (genau zu definierenden, rigiden) Vorraussetzungen prueft, bevor zB Ermittlern der Klarname mitgeteilt wird.
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