Irgendwann im Herbst werden alle Nutzer des Social-Bookmark-Dienstes Delicious ihre mühsam dort gesammelten Lesezeichen verlieren, wenn sie bis dahin nicht den Nutzungsbedingungen des neuen Eigners Avos zugestimmt haben.

Delicious ist der Dienst, der den Begriff "Social Bookmarking" einführte. Er steht für digitale Lesezeichen, die Nutzer untereinander austauschen. Interessantes, dass jemand im Netz entdeckt, kann er in diesen Diensten speichern und dort anschließend anderen zugänglich machen. Was bis dato nur über "Lesezeichen" oder "Favoriten" im Browser ging, funktionierte nun auch netz-basiert und konnte mit anderen geteilt werden. Das wirklich Neue war die Vernetzung: Jeder gespeicherte Link zeigte, welche Nutzer ihn ebenfalls gespeichert hatten. Ein Klick genügte, und es wurde sichtbar, was die anderen zu dem Thema noch gefunden hatten.

Auf diese Weise entstand ein gigantisches Archiv ausgesuchter Netzfunde – und damit ein von Nutzern sortierter Katalog des Internets. Kein Wunder, dass Yahoo, die Mutter aller Online-Kataloge, Delicious interessant fand. Ende 2005 übernahm Yahoo den Dienst für eine ungenannte Summe von Gründer Joshua Schachter.

Doch danach passierte, was vielen Social-Media-Startups zustieß, die von den Branchengrößen geschluckt worden waren: Delicious wurde nicht wesentlich weiter entwickelt und verlor die Gunst der Nutzer bald an andere Dienste wie Diigo oder an Mister Wong , oder im akademischen Bereich an Dienste wie Bibsonomy , Mendeley , Connotea oder CiteULike . Daran konnten auch halbherzige Renovierungsversuche wie der von Anfang 2010 nichts ändern, als einige Privatsphäre-Optionen eingeführt wurden. Als im Dezember 2010 das Gerücht kursierte, Yahoo werde Delicious dicht machen oder verkaufen, sprangen viele Nutzer ab und exportierten ihre Bookmarks in andere Dienste wie etwa Diigo.

Nun könnte es schon Ende des Jahres zu einer Wiederbelebung kommen: Anlass zu Hoffnung geben die Youtube-Gründer Chad Hurley und Steve Chen, die hinter dem neuen Eigner Avos stehen. Sie hatten Youtube 2006 für 1,65 Milliarden Dollar an Google verkauft und wollten einen Teil des Geldes wieder in ein Internet-Unternehmen investieren. Als sie von Yahoos Verkaufsplänen erfuhren, unterbreiteten sie Yahoo-Gründer Jerry Yang ein Angebot in ungenannter Höhe. Yang akzeptierte. Im Mai ging der Deal über die Bühne.

Die spannende Frage ist nun, ob Delicious unter Avos wieder aufleben wird und die abgewanderten Nutzer zurückholen kann. Dabei gilt es einiges aufzuholen. Konkurrent Diigo beispielsweise verwöhnt seine Nutzer mit zahlreichen nützlichen Möglichkeiten:

- So können Gruppen eingerichtet werden, in denen Projektteams ihre Fundstellen gemeinsam verwalten,
- es gibt ein Highlight-Werkzeug, mit dem wichtige Textpassagen sich markieren lassen,
- das Screenshot-Tool erfasst eine ganze Webseite oder einen Ausschnitt und bildet sie so dauerhaft ab,
- mit dem Read-Later-Werkzeug können Nutzer interessante Websites, die gerade im Browser-Tab geöffnet sind, erfassen und später auch offline lesen.